Das Quartier, das besser sein will – In Kleineschholz trifft viel Idealismus auf herausfordernde Rahmenbedingungen Bauen & Wohnen | 24.08.2026 | Holger Schindler, bar

Ein weites Feld: Ins Bauen gekommen ist auf dem Neubauviertel bisher nur das Siedlungswerk. Über die anderen ­Baufelder wächst aktuell wieder Gras. Ein weites Feld: Ins Bauen gekommen ist auf dem Neubauviertel bisher nur das Siedlungswerk. Über die anderen ­Baufelder wächst aktuell wieder Gras.

Im Freiburger Quartier Kleineschholz sollen in den kommenden Jahren rund 500 neue Wohnungen entstehen – geprägt von Nachhaltigkeit, gemeinschaftlichen Wohnformen und innovativen Bauweisen. An vielen Stellen sind die Begeisterung und der Idealismus der Beteiligten zu spüren – vor allem bei den diversen Baugruppen und Graswurzelprojekten. Doch die hohen sozialen und ökologischen Ansprüche machen das angehende Modellquartier zugleich zu einer Bewährungsprobe für alle Beteiligten.

„Wenn es grüne Freiräume im Quartier gibt, wo man sich treffen und austauschen kann, dann ist das sogar nachweislich stressreduzierend“, sagt Christina Simon-Philipp. Die Professorin für Städtebau und Stadtplanung an der Hochschule für Technik in Stuttgart steht an diesem Juliabend im Historischen Kaufhaus am Freiburger Münsterplatz in einem voll besetzten Saal. Das Interesse am Vortragsabend „Klimafreundlich bauen – zukunftstauglich leben“ ist erheblich, die Begeisterung im Publikum beinahe mit Händen zu greifen. Viele der Anwesenden wollen nicht einfach nur eine Wohnung im neuen Quartier beziehen. Sie verstehen ihr Engagement oft auch als Beitrag zu einer anderen, besseren Form des Zusammenlebens und zugleich, zugespitzt formuliert, ein Stück weit auch zur Rettung des Planeten.

Veranstalter ist Lifelab, eines der gemeinschaftlichen Wohnprojekte, die im neuen Quartier Kleineschholz im Stühlinger bei der Grundstücksvergabe zum Zug gekommen sind. Der Verein plant zusammen mit der Freiburger Zimmerei Grünspecht ein fünfgeschossiges Mehrfamilienhaus mit 21 Wohnungen, davon 14 öffentlich gefördert. Gebaut werden soll vor allem mit Holz, Stroh und Lehm. Es wäre das erste fünfgeschossige Holz-Stroh-Lehm-Haus der Region und soll zeigen, welches Potenzial natürliche Baustoffe auch im mehrgeschossigen urbanen Wohnungsbau haben.

Neben Simon-Philipp sprechen bei der Veranstaltung der Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber, Gründungsdirektor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, und Markus Wolf, Zimmermeister bei Grünspecht. Simon-Philipp warnt dabei vor einem zu engen Nachhaltigkeitsbegriff. Nachhaltiges Wohnen sei mehr als Klimaschutz. Ökologische, soziale, wirtschaftliche und räumliche Aspekte müssten ebenfalls bedacht werden.

Entscheidend sei, ob Menschen dort langfristig bezahlbar wohnen können, ob gemeinschaftliche Räume entstehen, ob unterschiedliche soziale Gruppen Platz finden und ob Gebäude sowie Freiflächen auch auf veränderte Lebenssituationen reagieren können.

Damit beschreibt die Stadtforscherin ziemlich genau den generellen Anspruch von Kleineschholz. Neben den 500 Wohnungen, mindestens die Hälfte davon öffentlich gefördert, sollen eine Kita, ein Lebensmittelmarkt, Gastronomie, soziale Angebote, gemeinschaftlich nutzbare Räume und großzügige Freiflächen entstehen. Das Quartier soll weitgehend autofrei, sozial gemischt, ökologisch anspruchsvoll und dauerhaft der Spekulation entzogen sein.

Kurz gesagt: Die Latte liegt hoch. Was das Projekt besonders macht, macht es auch besonders anspruchsvoll. Klein­eschholz soll beweisen, dass bezahlbares Wohnen, Klimaschutz, innovative Architektur, soziale Vielfalt und gemeinschaftliche Verantwortung miteinander vereinbar sind. Das Projekt wird deshalb weit über seine rund acht Hektar Fläche hinaus beobachtet. Viele sind gespannt darauf, inwieweit die bau- und wohnungswirtschaftliche Quadratur des Kreises gelingt.

So sieht ein Gebäude ausschließlich mit Sozialwohnungen heute aus:
Das Freiburger Siedlungswerk baut 28 Einheiten in Kleineschholz.

So sieht ein Gebäude ausschließlich mit Sozialwohnungen heute aus: Das Freiburger Siedlungswerk baut 28 Einheiten in Kleineschholz.

Die technische Erschließung ist abgeschlossen, erste Bauanträge liegen vor, im April dieses Jahres setzte die Freiburger Stadtbau mit dem ersten Spatenstich den sichtbaren Auftakt. Aber nur symbolisch. Denn wirklich im Bau ist aktuell allein das rund zehn Millionen schwere Projekt des Siedlungswerks mit 28 Wohnungen, die alle öffentlich gefördert sind, und in denen die Mieten 30 Jahre lang 33 Prozent unter dem Mietspiegel liegen werden. Der Rohbau ist bereits von der Bodenplatte bis zur Decke über dem Erdgeschoss gewachsen. „Wir sind im Zeitplan und werden im Herbst 2027 fertig sein“, sagt der Freiburger Siedlungswerk-Leiter Markus Hogenmüller. Ob bis dahin überhaupt alle Bauherren angefangen haben, ist fraglich.

Die Stadtbau errichtet zwei Gebäude mit insgesamt 49 Wohnungen. Jeweils die Hälfte wird öffentlich gefördert, die andere Hälfte frei finanziert. Die Wohnungen sind ausschließlich für Beschäftigte im Konzern Stadt Freiburg reserviert. So verbindet die Kommune Wohnungspolitik mit Personalpolitik: In einer teuren Stadt wird bezahlbarer Wohnraum zunehmend zu einem Faktor bei der Gewinnung und Bindung von Fachkräften.

In einem der beiden Gebäude soll außerdem eine fünfgruppige Kita Platz finden. Die Häuser werden als Holzhybridkonstruktionen mit Laubengängen und begrünten Fassaden gebaut. Die geförderten Mieten sollen durch öffentliche Mittel des Landes um 33 Prozent unter dem örtlichen Mietspiegel liegen.

Bauzaun

Die Grundstücke wurden nicht an den Meistbietenden vergeben, sondern in einem Konzeptverfahren. Entscheidend waren die geplanten Nutzungen, der Anteil geförderter Wohnungen, gemeinschaftliche Elemente, ökologische Standards und die langfristige Bewirtschaftung. Zum Zug kamen Genossenschaften, Vereine, Stiftungen, das Mietshäusersyndikat, die Freiburger Stadtbau, die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA) und weitere gemeinwohlorientierte Akteure.

Mitmacher gesucht: Die Wolke und der Verein Lifelab verfolgen innovatiove Ansätze im Quartier.

Mitmacher gesucht: Die Wolke und der Verein Lifelab verfolgen innovatiove Ansätze im Quartier.

Die Liste der Projekte ist vielfältig. Das kooperativ und nicht-kommerziell organisierte Mietshäusersyndikat Freiburg bereitet mit dem Elinor-­Ostrom-­Siedlungsprojekt, Velohaven und Birnbaum gleich drei Vorhaben vor. Lifelab und Wolke gehören zur Dachgenossenschaft Wohnen für Alle. Grundstücke gingen außerdem an die Genossenschaften Oekogeno, WMR (Wir machen Raum) und Grünhaus, an das Siedlungswerk, die Gemeinschaftsstiftung Kolpingwerk Deutschland, den Urbanova Club und die Aktion Mensch. Seit Juni 2025 galten zunächst alle Grundstücke als vergeben.

Bauzaun

Die Konzepte reichen von inklusivem und generationenübergreifendem Wohnen über Wohnraum für Auszubildende bis zu gemeinschaftlichen Projekten mit eigenen Mobilitäts-, Energie- und Nutzungskonzepten. Das Kolpingwerk will beispielsweise Wohnungen für Auszubildende mit sozialpädagogischen Angeboten verbinden. Aktion Mensch plant gemeinsam mit Oekogeno ein inklusives Ensemble mit Pflege- und Assistenzangeboten, einem Café und gemeinsamem Innenhof. Am Quartierseingang möchte die Genossenschaft Grünhaus das höchste Gebäude des neuen Viertels errichten und dort gemeinschaftliches, generationenübergreifendes Wohnen verwirklichen.

Auf dem zentralen Marktgrundstück wollen der Lebensmittelhändler Beckesepp und die Unmüssig-Gruppe gemeinsam bauen. Im Erdgeschoss sind ein Supermarkt, ein inklusiv betriebenes Restaurant und ein Café vorgesehen. In den oberen Geschossen soll öffentlich geförderter Mietwohnraum entstehen. Das Beispiel zeigt, dass die Gemeinwohlorientierung in Klein­esch­holz nicht allein an der Rechtsform eines Bauherrn festgemacht wird. Entscheidend sind die konkreten Bindungen, Nutzungen und Mietkonditionen.

Doch die Vielfalt, die das Quartier auszeichnen soll, erschwert zugleich seine Umsetzung. Große Wohnungsunternehmen haben eigene Fachabteilungen, Bankkontakte und eingespielte Bauprozesse. Kleine Vereine und junge Genossenschaften müssen Finanzierung, Planung, Mitgliedergewinnung und Projektsteuerung teilweise ehrenamtlich oder mit schlanken, teils fragilen Strukturen bewältigen. Graswurzel-Bauprojekte gelten als besonders engagiert und innovativ, sind aber gegenüber steigenden Baukosten, hohen Zinsen und Verzögerungen besonders verletzlich.

Lifelab macht diese Spannung deutlich. Um den Grundstückskauf zu finanzieren, startete der Verein Anfang 2026 die Kampagne „500 × 5000“. Gesucht wurden 500 Unterstützer, die jeweils ein Darlehen von 5000 Euro bereitstellen. Insgesamt geht es damit um 2,5 Millionen Euro. Das Modell, das zum Redaktionsschluss noch deutlich Luft nach oben hatte, folgt der Logik des Projekts: Viele Menschen tragen gemeinsam dazu bei, ein Haus der Spekulation zu entziehen und dauerhaft bezahlbares Wohnen zu ermöglichen. Es zeigt aber auch, wie hoch die Hürden sind. Wo ein etablierter Investor Eigenkapital und Kreditzusagen organisiert, muss ein gemeinschaftliches Projekt zunächst hunderte Unterstützer mobilisieren.

Stadtbau am Start: Die kommunale Wohnungsbaugesellschaft realsiert zwei Projekte mit insgesamt 49 Wohnungen, die nur für städtische Beschäftigte sind.

Stadtbau am Start: Die kommunale Wohnungsbaugesellschaft realsiert zwei Projekte mit insgesamt 49 Wohnungen, die nur für städtische Beschäftigte sind.

Die Stadt hatte ursprünglich vorgesehen, sämtliche Grundstücke ausschließlich im Erbbaurecht zu vergeben. Dadurch sollten Grund und Boden dauerhaft in öffentlicher Hand bleiben. Angesichts der verschlechterten Finanzierungsbedingungen vollzog das Rathaus jedoch 2023 eine Kehrtwende und verkauft seither auch Grundstücke. Für viele Banken ist ein gekauftes Grundstück eine bessere Kreditsicherheit als ein Erbbaurecht. Die Stadtspitze begründete die Änderung deshalb mit Pragmatismus: Das wohnungspolitisch gewünschte Modell sollte nicht an den Finanzierungsvorgaben scheitern.

Dieser Schritt legt einen der grundlegenden Zielkonflikte bei der Realisierung von Kleineschholz offen. Einerseits will die Stadt Boden dauerhaft der Spekulation entziehen. Andererseits müssen die Projekte finanzierbar bleiben. Eine konsequente Erbbaustrategie hilft wenig, wenn gerade die kleineren gemeinwohlorientierten Bauherren deshalb keine oder teurere Kredite erhalten. Kleineschholz verlangt somit immer wieder Abwägungen zwischen einem Festhalten an den hehren Zielen und Anpassungen an die ökonomische Realität – eine Gratwanderung.

Auch für den städtischen Haushalt ist das Quartier kein kleines Vorhaben. Die Gesamtkosten wurden 2023 auf rund 80,6 Millionen Euro beziffert. Darin enthalten sind etwa die Grundstückskäufe, die Erschließung, öffentliche Freiflächen und ökologische Ausgleichsmaßnahmen. Rund 40 Millionen Euro sollen aus Erbbauzinsen und Verkaufserlösen kommen, ein ähnlich hoher Betrag über den städtischen Haushalt finanziert werden.

So bunt haben sich die Planer Kleineschholz mal vorgestellt. Ob es das dritte Rathaus-Rund im Stühlinger geben wird, ist derzeit noch völlig offen.

So bunt haben sich die Planer Kleineschholz mal vorgestellt. Ob es das dritte Rathaus-Rund im Stühlinger geben wird, ist derzeit noch völlig offen.

Anfang 2026 waren die ersten vier Bauanträge eingereicht. Neben den Stadtbau-Projekten und dem Siedlungswerk hat Urbanova Club den Antrag für 32 Wohnungen, darunter 21 geförderte, eingereicht. Auch die BIMA hat ihren Antrag gestellt, baut Wohnungen und eine zweigeschossige Kita.

Baubürgermeister Martin Haag sprach damals von „zwei, drei Wackelkandidaten“. Nach aktuellem Stand sind es drei. Diesen räumte die Stadt zusätzliche Fristen ein, um ihre Finanzierungsnachweise vorzulegen. „Nach der Sommerpause werden wir aber Entscheidungen treffen müssen“, sagt Haag im Gespräch mit der Redaktion. Wenn es dann nicht klappt, steht mit der Wohngenossenschaft Esche ein Nachrücker schon parat. Die zwei anderen Grundstücke müssten indes neu ausgeschrieben werden. Mit etwas leichteren Vorschriften, ist aus dem Rathaus zu hören.

Die Zeit drängt: Auf dem Spiel steht eine Sonderförderung der BImA. Für jede öffentlich geförderte Wohnung hat sie zusätzlich 25.000 Euro als Zuschuss zugesagt. Bei 250 Sozialwohnungen sind das 6,25 Millionen Euro. Voraussetzung ist allerdings, dass die Wohnungen bis Ende 2028 bezogen sind. Werden Grundstücke zurückgegeben und neu ausgeschrieben, könnte die zusätzliche Förderung für diese Flächen verloren gehen. Die Hilfe kann Projekte also wirtschaftlich über die Schwelle tragen, erhöht zugleich aber den Termin- und Erfolgsdruck. Laut Haag finden derzeit bereits pa­rallel Gespräche mit der BImA statt, „weil wir natürlich sehen, dass wir beim ein oder anderen Projekt vielleicht aus dem Datum rausrutschen.“

Fotos: © bar
Visualisierung: © Siedlungswerk; © mbpk Architekten – Luxfeld Digital Art
Illustration: © Dietrich, Untertrifaller Architekten / Ramboll Studio Dreiseitl / Stadt Freiburg