»Das ist eine Katastrophe« – Laura Bornmann über Transformation, Work-Life und geklonte CEOs business im Breisgau | 25.11.2025 | Lars Bargmann

Brückenbauerin: Laura Bornmann Brückenbauerin: Laura Bornmann

Wer sich mit der Transformation der Arbeitswelt beschäftigt, landet schnell bei Laura Bornmann. Mit zarten 28 Jahren leitete sie bei Rewe schon die Personalentwicklung für 18.000 Mitarbeitende. Hierzulande ist sie eine der führenden Stimmen für New Leadership und New Work. Unlängst war sie bei der Volksbank Freiburg und sprach vor Führungskräften. Davor hatte die 34-Jährige noch Zeit für ein Gespräch mit bib-Chefredakteur Lars Bargmann.

bib: Frau Bornmann, bei mir ist Work und Life gar kein Gegensatz, bei Ihnen?
Bornmann: Mir geht es da ähnlich wie Ihnen. Ich glaube aber, wir sind in einer sehr privilegierten Situation. Wir haben für uns erkannt, was unsere Stärken sind, wo wir wirklich was bewegen können und haben auch Lust, das zu tun. Eine solche Situation haben viele Menschen nicht. Ich gebe Ihnen mal ein Beispiel. Wir haben damals, als ich noch bei Rewe war, für Mitarbeitende Stärkencoachings angeboten. Und viele haben sich dabei zum ersten Mal die Frage gestellt: Was kann ich eigentlich wirklich richtig gut? Einige waren aber in einem Bereich, wo sie ihre Stärken gar nicht einsetzen konnten. Da haben wir sehr viel ungenutztes Potenzial.

bib: Ich frage mich nicht, was ich gerne werden will, sondern frage erst mal nach meinen Stärken?
Bornmann: Genau. Jeder Mensch hat irgendwo eine Stärke, ist irgendwo besser als 95 Prozent der anderen Menschen. Genau da müssen wir ansetzen. Vielleicht schon in der Schule, wo das bislang überhaupt keine Rolle spielt. Wir sollten Menschen früh befähigen, selbst herauszufinden, was sie wirklich richtig gut können und woran sie Freude haben. Dann bekommen wir mehr Menschen in die Situation, in der wir beide jetzt gerade sind.

bib: Und das wäre auch für die Arbeitgeber ein Plus.
Bornmann: Natürlich. Unternehmer haben auch was davon, wenn ihre Mitarbeiter das machen, wo sie Stärken haben, wo sie Spaß haben, dann machen sie ihren Job auch besser.

bib: Früher haben sich die Arbeitgeber die Arbeitnehmer ausgesucht, heute ist es anders herum. Und kein Personaler wird im Bewerbungsgespräch nicht mit Work-Life-Balance und Homeoffice konfrontiert …
Bornmann: … wobei oft gedacht wird, im Home wird weniger intensiv gearbeitet. Gerade den Jungen wird häufig mangelndes Engagement vorgeworfen. Ich kenne aber keine einzige Studie, die besagt, dass junge Menschen weniger leistungsbereit sind. Sie wollen heute einfach anders arbeiten. Ich selbst bin ja noch so sozialisiert, dass sechs Stunden Schlaf reichen müssen …

bib: … heute wollen viele, dass sechs Stunden Arbeit reichen müssen …
Bornmann: Ich verstehe mich als Brückenbauerin. Ich kenne die Forderungen oder Wünsche der jungen Generation und glaube, das müssen wir zusammenbringen. Es darf nicht das Ziel sein, dass junge Menschen weniger arbeiten wollen, aber es muss das Ziel sein, dass sie anders arbeiten können. Früher galt: Der Arbeitgeber gibt die Erwartungen vor und wenn du das zwei Jahre gut machst, gibt’s eine Gehaltserhöhung. Heute müssen Arbeitgeber umdenken und Vorschussver­trauen geben. Die Arbeitswelt hat sich verändert. Wir müssen viel stärker vom Ergebnis her denken. Die Ergebnisse müssen stimmen – wie jemand dahin kommt, sollte uns egal sein.

bib: Auf der einen Seite wollen viele Homeoffice, weil das nicht so stressig ist mit dem Hin und Her zur Arbeit. Trotzdem klettern die Krankheitstage. 14,8 Tage war jeder Arbeitnehmer im Schnitt in 2024 krank. 3,6 Tage mehr als 2023.
Bornmann: Die Krankenquote ist ein Riesenthema in Deutschland. Vor allem psychische Erkrankungen nehmen zu. Dabei spielen viele Faktoren eine Rolle, auch die Unzufriedenheit im Beruf. Wie viele Menschen sind in Jobs, die ihnen gar nicht liegen?

bib: … und wie viele identifizieren sich nicht mehr mit ihrer Firma. Nach der jüngsten Gallup-Engagement-Erhebung sind nur noch neun Prozent der Beschäftigten emotional hoch gebunden an ihren Arbeitgeber. Zum ersten Mal, seit das erhoben wird, seit 2001, liegt der Wert unter zehn Prozent.
Bornmann: Das ist eine Katastrophe. Dabei gibt es so viele Ansatzpunkte. Führung ist da ein großes Thema. Mir ist einerseits die Haltung wichtig, wie wir Menschen gegenübertreten. Und andererseits müssen wir innovativer und mutiger werden. Dinge verändern sich. Wer in Zukunft erfolgreich sein will, muss sich erfolgreich anpassen. Es ist nicht mehr Zeitgeist, ein Leben lang bei einem Arbeitgeber zu sein.

bib: Das verändert die Kultur in den Unternehmen, aber im Vergleich zur KI ist die Flexibilität der Arbeitnehmer nicht die größte Aufgabe.
Bornmann: Es ist wirklich beängstigend und beeindruckend zugleich, was durch die KI in den nächsten Jahren auf uns zukommt. Ein Beispiel: Bei einem Anästhesisten denkt man, der hat ein Medizinstudium gemacht, der muss wahnsinnig viel wissen, um die Narkose richtig zu dosieren und zu überwachen. Aber: Das kann eine KI heute schon teilweise besser. Generell ist KI in der Medizin schon sehr weit, kann Diagnosen stellen und Muster zuverlässig erkennen. Eine KI, die alle Daten hat, wird in bestimmten Bereichen besser sein als ein Mensch.

bib: So macht man sich Freunde in der Medizinerwelt …
Bornmann (lacht): So ist es aber. Spannend ist auch der juristische Bereich. Ein Staatsexamen ist sehr anspruchsvoll. Aber Studien zeigen, dass KI-Systeme bei juristischen Prüfungen schon sehr gute Ergebnisse erzielen. Es wird Kanzleien geben, die künftig weniger Nachwuchsjuristen brauchen. In vielen Bereichen wird KI Aufgaben übernehmen, die früher Menschen gemacht haben.

bib: Wo sind die Grenzen?
Bornmann: Das ist eine der spannendsten Fragen überhaupt und da hat noch keiner eine abschließende Antwort drauf. Genau deshalb ist es so wichtig, welche Kompetenzen wir künftig fördern.

bib: Eine KI fühlt seinen Gesprächspartner nicht, ein elementarer Unterschied.
Bornmann: Ein guter Punkt. Es gibt viele Dinge, die eine KI niemals so gut kann wie wir. Empathie, andere wirklich berühren, begeistern, inspirieren. Das sind doch die Fähigkeiten, die unser Miteinander ausmachen, die das Leben schön und lebenswert machen. Wenn ich höre, dass sich in den USA manche CEOs schon klonen lassen, um ihre Avatare in Meetings die Quartalszahlen präsentieren zu lassen, sind wir an einem Punkt, an dem wir uns fragen müssen: Wollen wir das wirklich? Wollen wir, dass KI all das übernimmt?

bib: Die KI wird die Arbeitswelt stärker verändern als die industrielle Revolution.
Bornmann: Das ist so. Eine KI wird irgendwann intelligenter sein als wir und das hatten wir in der Geschichte noch nicht. Das bringt enorme Herausforderungen für die Menschen, den Arbeitsmarkt, die Unternehmen. Was also ist in Zukunft wichtig, auf welche Kompetenzen sollten wir uns konzentrieren?

bib: Viele Firmenlenker hadern mit dem Bildungsniveau der jungen Generation.
Bornmann: Ich glaube nicht, dass junge Menschen heute dümmer sind. Sie lernen einfach anders und andere Dinge, die für die Zukunft relevanter sind. Lesen und Schreiben werden immer wichtig bleiben, klar. Aber früher haben wir Kopfrechnen gelernt, heute gibt es dafür Taschenrechner und Smartphones. Das ist kein Verlust, sondern ein Wandel. Der Umgang mit KI wird für die nächste Generation wahrscheinlich wichtiger sein als Kopfrechnen.

bib: Frau Bornmann, vielen Dank für dieses Gespräch.

Foto: © Farina Deutschmann