Als das Wasser Balken hatte – Historische Flößerei im Kinzigtal Unterwegs | 09.07.2026 | Marianne Ambs & Erika Weisser

Kinzigtal

Seit 2022 zählt die UNESCO die Flößerei zum Immateriellen Kulturerbe der Menschheit. Damit wird diesem Handwerk und Gewerbe, das Schwarzwälder Holzmachern einst das Einkommen sicherte und später zeitweise fast vergessen wurde, ein Denkmal gesetzt. Zur Freude der lokalen Flößervereine, die die Tradition lebendig halten.

Die Geschichte der Flößerei

Schwarzwaldtannen für den Schiffs- & Städtebau in Rotterdam

Schwerstarbeit auf dem Wasser

„Sie handeln mit ihrem Wald“, schrieb Wilhelm Hauff 1827, „sie fällen und behauen ihre Tannen, flößen sie durch die Nagold in den Neckar und den Rhein hinab, bis weit hinein nach Holland (…)“. Sie flößten auch die Kinzig hinab: Mehr als 500 Jahre lang, nachweislich von 1339 bis 1894, war die Flößerei für die Menschen in Schiltach, Wolfach, Gengenbach und anderen Orten an diesem Rheinzufluss und seinen Seitentälern ein einträglicher Wirtschaftszweig. Schifferzünfte wurden gegründet, der Holzhandel blühte, in so manchem Jahr fuhren 300 Flöße nach Willstätt, wo die Stämme zu neuen, manchmal 600 Meter langen Holzschlangen zusammengefügt und rheinabwärts auf die Weiterreise geschickt wurden.

Die Arbeit der Waldhauer und Flößer war äußerst schwer und höchst gefährlich. Denn die Bäume konnten nicht einfach geschlagen, entastet und mit Haselruten zusammengebunden und ins Wasser gelassen werden. Da die Obere Kinzig schmal und an vielen Stellen ziemlich flach ist, waren aufwendige Einbauten in den Flusslauf erforderlich. So wurden an geeigneten Stellen Stauweiher angelegt, die als Sammel- und Einbindestellen für die dorthin geschleppten oft 20 Meter langen Stämme dienten und bei Öffnung der sogenannten „Schwallungen“ das Wasser für den Transport lieferten. Und, einmal auf dem wilden und oft unberechenbaren Wasser des damals noch nicht begradigten Rheins, gerieten auch die geschicktesten Floßknechte oft in lebensbedrohliche Situationen.

Wohlstand durch gute Preise

Doch die Mühe machte sich bezahlt: In der aufstrebenden Seemacht Holland war das stabile Schwarzwälder Tannenholz sehr begehrt – für den Schiffs- und Städtebau sowie zur Stabilisierung des sumpfigen Untergrunds von wachsenden Städten wie Rotterdam. Die Mynheers zahlten gut, und so mancher Flößer wurde mit dem Handel zwar nicht so reich und skrupellos wie der Holländermichel in Wilhelm Hauffs Märchen „Das Kalte Herz“. Zumindest aber wohlhabend: Noch 1848 gab es allein in Schiltach neun Schiffer, mehr als die Hälfte der männlichen Bevölkerung war im Holzhandel und der Flößerei beschäftigt.

Harte Arbeit vor histo­rischer Kulisse: Die Zeichnung des Kunstmalers E. Trautwein fängt die ganze Härte der historischen Kinzig-Flößerei ein.
Im Hintergrund thront majestätisch das „­Fürstlich Fürstenber­gische Schloss“.

Harte Arbeit vor histo­rischer Kulisse: Die Zeichnung des Kunstmalers E. Trautwein fängt die ganze Härte der historischen Kinzig-Flößerei ein. Im Hintergrund thront majestätisch das „­Fürstlich Fürstenber­gische Schloss“.

Mit der Erschließung neuer Holz-Transportwege – etwa mit der Eisenbahn – kam die Flößerei dann allmählich zum Erliegen, das Gewerbe geriet in Vergessenheit. Bis sich in den 1980er- und 90er-­Jahren in den einstigen Zentren Wolfach und Schiltach ein paar Männer zusammenfanden, sich eingehend mit Geschichte, Theorie und Praxis des alten Handwerks beschäftigten und Flößervereine gründeten. Und diese halten – mit Floßbaukursen, öffentlichen Vorführungen und Infotafeln an Wanderwegen, die Handwerkstradition bis heute am Leben.

Im vorderen Kinzigtal, in Gengen­bach, hat die Flößerei im ehemaligen Bahnwärterhäuschen inzwischen ein eigenes Museum. Per pedes lässt sich die Geschichte der Flößerei im Kinzigtal bei einer Wanderung erkunden. Und was passierte, wenn die Stämme aus dem Kinzigtal den Rhein erreichten? In Wallbach am Hochrhein wurden einst die großen Flöße aufgelöst, um die Stämme einzeln über die tosenden Stromschnellen in Laufenburg zu bugsieren …

Lust auf eine Zeitreise? Auf den folgenden Seiten erwarten Sie spannende Einblicke, Touren-­Tipps und die besten Festtermine.

Foto: © Schwarzwald Tourismus Kinzigtal e.V.; Hildegard Siebold; Edgar Baur, Wolfach, kinzigfloesser.de

Wo die Geschichte der Flösserei lebendig wird

Gengenbach

Flößerfest und ­Sonderausstellung

Flößermuseum

Foto: © Gengenbach Kultur und Tourismus GmbH

Am 12. Juli wird gefeiert: Vor und in dem zum Flößerei- und Verkehrsmuseum umgewandelten ehemaligen Bahnwärterhaus in Gengenbach gibt es ab 11.15 Uhr ein vielfältiges Programm mit Jagdhornbläsern, Rundgängen durch die Dauerausstellung, Mitmach-Angeboten in der Holzwerkstatt im Freien und der Eröffnung der Sonderausstellung „Wald im Wandel – auf den Spuren des Orkans Lothar“.

Ausrichterin des Wald-Holz-Flößer-Tags ist die Fördergemeinschaft Wald-Holz-Flößer Vorderes Kinzigtal, die erst vor einem Jahr aus der Flößergilde Schwaibach entstanden ist. Diese hatte das gegenüber der Flößerkapelle gelegene und vom Verfall bedrohte Haus 1985 gekauft und mit viel ehrenamtlichem Engagement zum jetzigen Museum entwickelt. Hier wird neben der Bedeutung des Waldes auch die Geschichte der Flößerei dauerhaft erfahrbar gemacht; im Laufe des Festnachmittags kann man sie dann einmalig direkt erleben: Wenn die Schiltacher Flößer mit ihrem selbst gefertigten 60 Meter langen Floß Einzug halten.

Flößerei- & Verkehrsmuseum

So., 12. Juli ab 11.15 Uhr
Grünstraße 1, 77723 Gengenbach

wald-holz-floessermuseum.de

Wolfach

Starke Männer in hohen Stiefeln

kinzigfloesser

Foto: © Edgar Baur, Wolfach, kinzigfloesser.de

Über 600 Jahre lang gehörten Flöße zum gewohnten Alltag in Wolfach. Die Flößerei und der dadurch mögliche Holzhandel brachten Reichtum in die Stadt – wenn die notwendigen Flussbauten nicht durch Eisgänge und Hochwasser zerstört wurden.

Dann verschwanden die starken Männer in den hohen Stiefeln aus Wolfach. Erst das 900-­
Jahre-Jubiläumsfest im Jahr 1984 gab den Anstoß, die einst für die Stadt so prägende Flößerei wieder in Erinnerung zu rufen. Zum großen Stadtfest bauten die frisch zum Verein zusammengeschlossenen Wolfacher Kinzigflößer ein knapp 100 Meter langes Floß nach historischem Vorbild und unternahmen eine lang nicht mehr gesehene Floßfahrt durch die Stadt. Heute erinnern in dem von ihnen am Zusammenfluss von Wolf und Kinzig eingerichteten Freilichtmuseum Flößerpark zahlreiche Zeugnisse und Infotafeln an die abenteuerliche Zeit, bei Floßhafenfesten lebt die Tradition wieder auf.

Flößerpark

Am Mühlengrün 3
77709 Wolfach

kinzigfloesser.de

Schiltach

Ein Floß von 60 Metern Länge

Schiltacher-Flößer

Foto: © Alfons Rösch

1894 fuhr das letzte Floß die Kinzig hinab. 100 Jahre später trafen sich zwölf Männer in einem historischen Gasthof und gründeten einen Flößerverein. Ziel dieser „Schiltacher Flößer“ war es, die alte Tradition lebendig zu erhalten und der Bevölkerung ihre Bedeutung nahe zu bringen. Vor genau 25 Jahren war die erste Fahrt: Pünktlich zum 1. Flößer- und Gerberfest im Juni 2001 war das 60 Meter lange Floß fertig, das die Vereinsmitglieder in monatelanger, streng an den einzelnen Arbeitsschritten des überlieferten Handwerks orientierter Arbeit gebaut hatten. Es bestand aus sechs Gestören, wie Flößer die aus untereinander vertäuten gleich langen Stämmen bestehenden Glieder eines Langholzfloßes nennen. Inzwischen gehören solche Fahrten längst zur Tradition der Vereinsflößer, die in der ehemaligen Schüttesäge ein Flößermuseum betreiben, in dem alles über dieses einst so wichtige Gewerbe zu erfahren ist.

Flößermuseum

In der Schüttsäge
Hauptstraße 1, 77761 Schiltach

schiltacher-floesser.de

Flößerpfad Kinzigtal

Immer am Fluss entlang

Flößerpfad

Foto: © Flößerpfad Gemeinden

Auf dem 33 Kilometer langen Flößerpfad entlang der Kinzig tauchen Wandernde ein in eine Welt, die bis vor 150 Jahren die Dörfer und Städte im Kinzigtal geprägt hat. Mindestens 700 Jahre Flößerei sind auf der Kinzig und der Wolf dokumentiert. Nach dem Bau und der Inbetriebnahme der Kinzigtalbahn im Jahr 1866 kam die Flößerei zum Erliegen, 1894 fuhr das letzte gewerbliche Floß die Kinzig hinunter.

Der Flößerpfad führt durch den Naturpark Schwarzwald Mitte/Nord, der die Einrichtung des Themenweges gefördert hat. Entlang der oberen Kinzig verbindet er die historisch bedeutenden Flößerorte Loßburg, Alpirsbach, Schenkenzell, Schiltach und Wolfach und lässt die Geschichte der Flößerei und der Waldwirtschaft im Kinzigtal lebendig werden.

Wer die ganze Strecke erwandern möchte, sollte einen ganzen, besser noch zwei Tage einplanen. Für die rund neun Stunden lange Tour sind Kondition und Ausdauer gefragt: Vom Start auf etwa 700 Metern Höhe geht es 541 Meter bergab, zugleich sind 154 Höhenmeter im Aufstieg zu bewältigen. Die erste Etappe führt von der Kinzigquelle in Loßburg nach Alpirsbach. Auf den elf Kilometern sind ein Schaufloß und ein Mini-Wehr zu bestaunen. Die zweite Etappe von Alpirsbach nach Wolfach ist mit 22 Kilometern deutlich länger und hält weitere Besonderheiten bereit: ein Wackelfloß bei Schenkenzell, einen geschlagenen Holländer­stamm auf der Flößerwiese in Schiltach sowie den Flößerpark Wolfach.

Praktisch für die Tourenplanung: Die Kinzigtalbahn verläuft parallel zur Wanderstrecke und verbindet die Orte entlang des Weges im Stundentakt. Zudem lässt sich ein Audio-­Guide auf das Smartphone laden, der mit Geschichten und Facts die Flößerei lebendig werden lässt.

flößerpfad.de

Flößerdorf Wallbach

Immaterielles Kulturerbe der Menschheit

Flößer

Foto: © Hildegard Siebold

In Wallbach, einem kleinen Dorf am Hochrhein, trifft man sich auf dem Flößerplatz, die Kinder gehen in die Flößerschule und gefeiert wird in der Flößerhalle. Das bedeutende kulturelle Erbe der Flößerei wird seit 1993 durch die Flößergilde Wallbach lebendig gehalten. Schließlich erklärte 2022 die UNESCO die Flößerei zum Immateriellen Kulturerbe der Menschheit.

Diese prägte über Jahrhunderte das Dorf. Noch Mitte des 19. Jahrhunderts war in Wallbach jeder vierte im Dorf Flößer oder Fischer. Den Wallbacher Flößern kam eine besondere Aufgabe zu, denn vor den Stromschnellen in Laufenburg wurden die Flöße aufgelöst und die Holzstämme einzeln durch den Rheinlauf geführt.

Um die Flößertradition in die Öffentlichkeit zu tragen, hatte der ehemalige Ortsvorsteher Fred Thelen eine Idee: Er beantragte 2024 den Namenszusatz „Flößerdorf“ für Wallbach und nach einigen behördlichen Hürden gab Innenminister Thomas Strobl am 15. April die Zustimmung: Seit dem 1. Mai darf Wallbach die offizielle Zusatzbezeichnung „Flößerdorf“ führen und den Namenszusatz auf dem Ortsschild vermerken.

wallbach-baden.de
floessergilde-wallbach.de