Auf Messers Schneide: Deutschlands einziges Klingenschärfer-Start-up STADTGEPLAUDER | 06.04.2018 | Till Neumann
Rund 20 Jahre lag die Erfindung im Keller. Dann stieß Timo Horl auf die kleine Rolle. Was sein Vater Otmar einst erfand, inspirierte ihn zu einem messerscharfen Geschäftsmodell: Als „Horl-1993“ vertreiben die beiden nun hochwertige Rollschleifer Wie man damit Klingen schärft, interessiert Hunderttausende.
„Ich war noch ein Stöpsel, als mein Vater den Rollschleifer gebaut hat.“ Mit leuchtenden Augen erzählt Timo Horl von der kleinen Erfindung seines Vaters. Eine Rolle, mit der man Messer schärfen kann. Gerade mal so groß wie eine Dose Cola.
„Keiner schleift so wie wir“, schwärmt der 30-jährige gelernte Grafiker. Sein 62 Jahre alter Vater legt nach: „Die Erfindung ist so logisch, dass keiner drauf kommt.“ Die beiden sitzen auf der Wohnzimmercouch des Familienhauses im Stadtteil Mooswald und erzählen von einer kleinen großen Erfolgsgeschichte. Im Kamin knistert das Feuer.
Um 1993 hat Otmar Horl den Rollschleifer entworfen. „Erfindungen waren immer mein Steckenpferd“, sagt der Maschinenbautechniker. Der Prototyp aus Aluminium war optisch dürftig. Das Ding habe beim Schleifen geklappert und gewackelt, sei aber trotzdem rund 2000 Mal verkauft worden. Dann war vorerst Schluss.
Erst 2014 holte sein Sohn das Gerät aus dem Keller. Es juckte ihn, die Alurolle zu pimpen: Sie sollte größer werden, wertiger aussehen und einen Holzgriff bekommen. Nach einiger Tüftelei stellten sie das Gerät 2016 ins Netz und meldeten sich beim Freiburger „Stijl-Markt“ an. Ihrem Stand bei der Fashion-Design-Messe trauten sie nicht viel zu. „Ich habe morgens noch gesagt: Wenn wir fünf Rollschleifer verkaufen, ist gut“, erinnert sich Otmar Horl. Doch sie gingen weg wie warme Semmeln. Nach zwei Stunden rief er seine Frau an: „Wir brauchen Ware.“
74 Euro kostete der Schleifer damals. Bis Ende 2016 waren 200 Stück verkauft, die Nachfrage stieg. Im Jahr 2017 ging’s auf 15 Messen – parallel zu ihren Jobs. Zeitgleich verfeinerten sie den Schleifer. Mittlerweile wird er mit einer „Magnet-Schleiflehre“ verkauft, einem Brett, an das man das Messer anlegt, um im richtigen Winkel zu schleifen. Egal, ob kleines Gemüse- oder großes Kochmesser.
Ihr Produkt weckt Interesse: Das erfolgreichste Facebook-Video wurde 1,3 Millionen Mal geklickt. Ein zweites mehr als 500.000 Mal. „70 Prozent unseres Erfolgs verdanken wir Facebook“, sagt Timo Horl. Von Experten der Branche wird der Schleifer gelobt und empfohlen. 3000 Exemplare haben sie 2017 verkauft. Rund 20 Pakete verschicken sie täglich an Kunden.
Das Design ihres im Schwarzwald hergestellten Schleifers ist heimatverbunden. Die Handhabung ist einfach, wie Timo Horl demonstriert: In rund einer Minute ist die Klinge geschärft. Mit einem Wasserschleifstein kriege man sie zwar noch schärfer, brauche aber oft Stunden. „Das ist nicht mehr zeitgemäß“, sagt Otmar Horl. Beide sind überzeugt: Ihr Produkt ist das Nonplusultra der Schleifer. Dass sie auf Messen immer wieder verdutzte Gesichter sehen, überrascht nicht. Rollschleifer gibt es nur bei ihnen. Zumal keine weitere Firma einzig auf Klingenschärfer setzt.
Seit Januar arbeiten beide nur noch für Horl-1993. Der Junior hat den Job gekündigt, der Senior ist im Frühruhestand. Selbst die Mutter hat ihren Job aufgegeben. Sie kümmert sich nun um die Buchhaltung und kontrolliert, was ihr Mann montiert. „Was nicht sauber zusammengebaut ist, sortiert sie knallhart aus“, sagt Otmar Horl und lacht.
Bisher sind Bestellungen in Deutschland und Österreich möglich. Die Schweiz und USA sollen folgen. Lohnt sich der stattliche Preis von 119 Euro? Timo Horl ist sicher: „Leg an, schleife, du wirst happy sein!“
Fotos: © tln, Horl-1993









