Esel in Town: Vierbeiner Charly liebt Freiburg – und geht dort spazieren Gesellschaft | 25.05.2026 | Till Neumann

Ernst König und sein Esel: Die beiden gehen es entspannt an in der Freiburger City. Ernst König und sein Esel: Die beiden gehen es entspannt an in der Freiburger City.

Nanu, ein Esel in der City? So geht es vielen, wenn sie Charly (21) aus Forchheim am Münsterplatz entdecken. Der Paarhufer geht einmal im Monat in der Innenstadt spazieren. Und erobert viele Herzen. ­chilli-Redakteur Till Neumann hat ihn mit seinem Halter Ernst König (77) begleitet.

Donnerstag. 11 Uhr. Ein Esel steht hinter dem Münster und futtert gemütlich Gras. Daneben sein Herrchen Ernst König. Der Lehrer im Ruhestand hat die Ruhe weg, denn er weiß: Charly geht’s gut hier. ·

„Er ist unheimlich gesellig“, erzählt König. Sein Esel brauche den Kontakt zu Menschen. Zu Hause auf dem Land sei er unterfordert. Schon bleiben die ersten Passant·innen stehen. Sie lächeln, staunen, zücken Handys. „Darf mein Kind ihn streicheln?“, fragt eine Mutter. „Ja klar, am Hals – es kann ihn auch halten“, antwortet der Forchheimer. Charly lässt das gleichgültig. Er rupft Gras aus der Erde und kaut. Nur die großen Ohren wackeln hin und wieder.

Einmal im Monat geht König mit Charly nach Freiburg. Er besucht mit seinem Tier die Kinderklinik und bummelt durch die City. Die Behörden haben das freigegeben, berichtet König: „Bevor wir zum ersten Mal nach Freiburg sind, habe ich mich beim Ordnungsamt erkundigt.“ Deren einzige Bedingung sei gewesen: Die Kacke muss er wegmachen in der Kernstadt. „Ich habe dafür alles dabei“, so König. Kein Problem.

Geübt hat er das mit Charly zuerst in Colmar. Dort zog es das Tier schnell in die belebte Fußgängerzone. „Ich habe nachgegeben“, sagt König. Das sei bei Eseln die beste Option. Er merkte: Sein Vierbeiner fühlt sich wohl, da wo es wimmelt.

Dann nimmt er die Leine und ruft: „Komm, Charly, auf geht’s.“ Langsam trottet das Tier los. Vorbei am Erzbistum geht es in die Konviktstraße. Und wieder: viele erstaunte und strahlende Gesichter. Bis Charly an einer Außenterrasse stehen bleibt und zwei Frauen und ihren Salattellern brenzlig nahe kommt. „Seine Festplatte arbeitet jetzt, er liebt Salat“, erklärt König – und zieht sanft am Seil. Als Charly sich nicht bewegt, soll der Reporter helfen: den Esel von hinten leicht anschieben. Schwupps, schon setzt er sich in Bewegung.

Seit 17 Jahren hat König seinen Esel. Gekauft hat ihn seine Tochter – im Doppelpack mit einem zweiten Esel namens ­Mattis. Nach dem Tod seiner Frau habe ihm das Tier in einer schweren Phase sehr geholfen, erzählt König. „So konnte ich wieder rausgehen, das Leben positiv sehen.“ Wenn er einen Tag mit Charly unterwegs sei, verändere das jedes Mal sein Leben.

„Es ist wie Therapie“, betont König. Das Tier sei unheimlich empathisch. Und mittlerweile an Freiburg gewöhnt. Locker schafft es Charly über die Straßenbahngleise vorm Schwabentor. Und wartet vor der Bäckerei, während König zwei Brezeln holt. „Du bist großartig“, lobt ein älterer Herr, der Charly entdeckt und streichelt.

Dann kommt ein jüngeres Pärchen. „Was für ein Tier ist das?“ König stellt eine Gegenfrage: „Nach was sieht es denn aus?“ Der Passant tappt im Dunkeln. Daher die nächste Frage: „Was fällt an dem Tier auf?“ Weiter keine Antwort. „Die großen Ohren“, klärt König auf. Damit könnten Esel in der Steppe mehrere Kilometer weit hören.

Jetzt trottet Charly über den Augustinerplatz. Dann weiter durch die Gerberau zu einem Café beim Museum für Neue Kunst. „Wir gehen Kaffee trinken“, erzählt König. Der Esel auch? „Ich hab’ Karotten dabei – und er kriegt was von meiner Brezel, das haben wir so ausgemacht.“ Anleinen muss er Charly nicht, als er sich zum Tresen begibt, um sein Getränk zu holen. Der steht und wartet – und wird gestreichelt. „Nur nicht im Gesicht, das ist Privatsphäre“, erklärt König immer wieder.

17 Jahre jung ist Charly. Und auf dem besten Weg, eine kleine Berühmtheit im Breisgau zu werden. „Oh, da ist Charly“, rufen manche. Für König ist der Rummel gar nicht so einfach: „Mich bewundert keiner, zu Hause bin ich manchmal etwas deprimiert.“

Dann geht’s weiter zur Wiese der Mensa Rempartstraße. Alle drei Stunden muss er fressen, erzählt König. Auch er freut sich jetzt auf etwas Ruhe. Die City-Touren gehen mit Verantwortung einher. „Manchmal ist das auch etwas Stress“, sagt König.

Positive Erfahrungen macht er zuhauf: „Charly ist ein Türöffner“, so König. Viele würden in seiner Nähe ins Erzählen kommen, ihm manchmal ihr Herz ausschütten. Negative Erfahrungen gebe es kaum. Zwei Kripopolizisten in Zivil hätten mal gefragt, ob er bettle. Er habe verneint und erzählt, was er macht. „Dann war alles okay.“

Dennoch hat König vorgesorgt. „Er ist einfach ein Tier, ich habe ihn hoch versichert.“ Falls Charly wider Erwarten etwas kaputtmachen sollte, sei er abgesichert. Deckungssumme 50 Millionen Euro über die Haftpflicht, so König.

Doch auch auf der Mensawiese hat Charly die Ruhe weg. Er futtert und lässt sich streicheln. Schnell bildet sich eine kleine Traube Studis um ihn. „Das ist so schön, richtig beruhigend“, freut sich eine junge Frau und streicht über das Fell. König ist kurz um die Ecke.

Mit der Leine in der Hand wird der Reporter plötzlich für den Besitzer des Esels gehalten. Das Ergebnis: viele nette Gespräche und neugierige Fragen. Wie König sagt: „Charly berührt Menschen und bringt sie zum Reden.“

Fotos: © Till Neumann