»Werden unterdrückt«: Warum Freiburger Geflüchtete die Bezahlkarte missachten Gesellschaft | 25.05.2026 | Till Neumann

Fühlen sich diskriminiert: Die Kameruner Kenmogne Landry (rechts, 32) und Ebengue Frise Pako (33)

Diskriminierend und bürokratisch? Oder sinnvoll und abschreckend? Die Bezahlkarte für Geflüchtete ist umstritten. Freiburg will sie abschaffen, muss sie aber einsetzen. Wie geht es Betroffenen? chilli-Redakteur Till Neumann hat zwei Kameruner beim Einkauf begleitet. Helfende tauschen Gutscheine gegen Bares.

„Es ist grausam“

Mittwochvormittag. Zwei Männer aus Kamerun laufen durch die Freiburger Innenstadt. Kamdem Kenmogne Landry (Tomi, 32) mit rosa Mütze, Ebengue Frise Pako (Pako, 33) mit minzgrünem Pulli. Beide wohnen in der Landeserstaufnahmestelle (LEA), kommen aus Kamerun, sind seit rund einem Jahr hier.

Heute wollen sie einkaufen gehen im Supermarkt. Zeigen, wie die Bezahlkarte funktioniert – und was sie daran stört. Wie es ihnen geht? „Nicht gut“, erzählt Tomi auf Französisch. Sie leben in der Angst, abgeschoben zu werden, dürfen nicht arbeiten, fühlen sich diskriminiert. „Es ist grausam“, sagt Pako. „Das Leben ist sehr schwierig gerade.“

„Wirst direkt erkannt“

150 Euro im Monat bekommen die beiden als digitales Guthaben. Zum Bezahlen haben sie neuerdings eine Bezahlkarte. „Visa“ steht auf den lila Plastikkärtchen. Die Männer zeigen sie gerne, mögen sie aber überhaupt nicht. Die Gründe sind vielfältig: „Du wirst direkt als Asylbewerber erkannt“, sagt Tomi. Diskriminierend sei das – und eine große Einschränkung. Verachtet fühlen sie sich.

Die beiden laufen in den Norma an der Sedanstraße. „Die Karte geht in eigentlich allen Supermärkten“, erzählen sie. Dann bleibt Tomi am Waschmittelregal stehen. Dort soll er eine Packung für eine Freundin holen, sie gibt ihm dafür Bargeld. Für sich selbst brauche er nicht viel: „Ich will nur einen Saft.“

Kaufen ein: Die zwei Freiburger Geflüchteten fühlen sich kontrolliert und diskriminiert.

Kaufen in Freiburg ein: Die zwei Freiburger Geflüchteten fühlen sich kontrolliert und diskriminiert.

„Kaufen gerne afrikanisches Essen“

Also schlendern sie weiter, vorbei an gefüllten Regalen und erzählen: „Die Karte schränkt uns stark ein“, sagt Pako. „Wir können damit nichts online bezahlen.“ Problematisch sei das beispielsweise wegen eines Fitness-Abos. „In mehreren Studios wurde die Karte abgelehnt“, erzählt er. Außerdem würden Zahlungen in Freiburger Afroshops verweigert. „Wir kaufen gerne afrikanisches Essen“, sagt Pako. „Wir brauchen das.“ Sachen, die es hier im Norma nicht gibt.

Seit Februar verteilt das Rathaus die bunten Bezahlkarten an Betroffene. „Stand heute wurden 66 Bezahlkarten ausgegeben, bis Ende Mai werden es voraussichtlich 100 Karten sein“, teilt Sprecherin Tabea Krauss Ende April mit. Man könnte auch sagen: Die Karten müssen ausgegeben werden. Im Dezember hat eine Mehrheit im Gemeinderat die Stadtverwaltung beauftragt, beim Land einen Antrag zur Befreiung zu stellen. Dafür stimmten die Fraktionen Die Grünen, SPD/JF, ESfa, FR4U, FDP/BfF und K/I.

AfD lobt abschreckende Wirkung

„Wir wollen keine Stigmatisierung haben“, sagte Grünen-Stadtrat Simon Sumbert. Genau das bewirke die Bezahlkarte aber: Viele Geflüchtete fühlten sich unter Generalverdacht gestellt. „Die Bezahlkarte ist ein Signal von grundsätzlichem Misstrauen“, so Sumbert. Auch der damalige Integrationsbürgermeister Ulrich von Kirchbach unterstützte das: „Wir wollen die Bezahlkarte in Freiburg nicht einführen.“ Sie bedeute enormen administrativen Aufwand.

Gegenstimmen kamen von der CDU und der AfD. „Die Bezahlkarte ist ein wichtiger Baustein der Asylpolitik“, betonte CDU-Stadtrat Klaus Schüle. Sie garantiere, dass nur lebenswichtige Ausgaben getätigt würden und trage zur gesellschaftlichen Akzeptanz der Asylpolitik bei. AfD-Stadtrat Karl Schwarz verwies auf die abschreckende Wirkung für Asylbewerber·innen.

„Das Geld reicht nicht“

Pako und Tomi haben den Apfelsaft mittlerweile gefunden. Jeder ein Tetra Pak für 0,99 Euro. Ein Hunderfünfzigs­tel ihrer Monatsbudgets. „Das Geld reicht bei weitem nicht“, sagen sie und laufen zur Kasse. Dort zahlen sie wie mit einer Visakarte. Drei Handgriffe, der Apfelsaft gehört jetzt ihnen.

Was sie wann und wo gekauft haben, wissen nun auch die Behörden in Stuttgart. „Wir fühlen uns kontrolliert, blockiert und unterdrückt, diese Karte ist keine gute Idee“, sagt Pako.

Rückgängig? Unwahrscheinlich

Das sieht auch Walter Schlecht von der Freiburger Initiative „Bezahlkarte Stoppen!“ so. „Mich stört am meisten, dass die Zahlungen jetzt nicht mehr über ein Konto laufen und Geflüchtete frei entscheiden können, was sie mit dem Geld machen.“ Mit Bargeld zu zahlen sei ziemlich anonym, laufe der Geldtransfer über die Behörden, würde alles kontrolliert. Zudem findet er die Karten stigmatisierend. Schließlich seien die Personen an der Kasse klar erkennbar.

Ob die Stadt mit ihrem Antrag, die Nutzung auszusetzen, Erfolg hat? Der 71-Jährige glaubt nicht daran. „Das Land wird das nicht rückgängig machen“, so Schlecht. Er setzt daher auf Solidarität mit Geflüchteten, um sie mit Bargeld zu unterstützten. Er hofft zudem, dass die Stadt nach einem Jahr eine Evaluation durchführt und so neue Argumente gegen die Karte sammelt – mit Blick auf den Verwaltungsaufwand.

„Wollen in Deutschland bleiben“

Ein weiterer Hebel könne sein, rechtlich gegen die Karte vorzugehen. „Nicht nur nach unserer Meinung liegen erhebliche Eingriffe in Grundrechte vor“, sagt Schlecht. Vorbereitungen seien auch in Freiburg im Gange, um Geflüchtete zu unterstützen, die sich rechtlich wehren möchten.

Für Tomi und Pako könnte das allein sprachlich schwierig werden. Sie wünschen sich vor allem, endlich arbeiten zu dürfen und nicht mehr in der LEA zu wohnen. „Wir wollen in Deutschland bleiben, Teil der Gesellschaft sein“, betonen beide. Das Potenzial sei da, doch sie würden blockiert.

Hilfe mit Gutscheinen

Sparsam: Der Kassenzettel ihrer Einkaufs­tour. Viel leisten können sie sich nicht.

Sparsam: Der Kassenzettel ihrer Einkaufs­tour. Viel leisten können sie sich nicht.

Ein Weg, sich praktisch Hilfe zu holen, sind Gutscheine. Bezahlkarte-stoppen.org erläutert: „Geflüchtete können 50-Euro-Gutscheine im Aldi, Rewe oder dm kaufen.“ Die können sie an verschiedenen Adressen gegen Bargeld tauschen. Zum Beispiel am Kyosk an der Adlerstraße 2.

„Immer freitags von 16 bis 18 Uhr können Geflüchtete dort mit ihrer Bezahlkarte Gutscheine gegen Bargeld tauschen“, erklärt Jana von der Buchhandlung Jos Fritz. In ihrer Buchhandlung wiederum können Kund·innen diese Gutscheine dann gegen Bargeld zurücktauschen. Jana: „Für uns ist das eine direkte und praktische Art, Solidarität zu zeigen und den Tauschkreislauf am Laufen zu halten.“

Tomi kennt das Angebot. Er nutzt es aber nicht, weil ihm die Mittel fehlen. Es ist der 11. Mai, ihm bleiben für den Monat weniger als 50 Euro Guthaben. In der Not sammelt er manchmal Pfandflaschen. „So kann ich mir Essen kaufen.“

Fotos: © Till Neumann