»Bislang kriege ich alle« – Freiburger Polizei startet Anti-Raddiebstahl-Offensive Kriminalität | 18.06.2026 | Till Neumann

Geklaut? Die Fahrradpolizisten Andreas Meier (links) und Alexander Kauderer im Einsatz Geklaut? Die Fahrradpolizisten Andreas Meier (links) und Alexander Kauderer im Einsatz

Fast alle fünf Minuten wird in Deutschland ein Velo geklaut. Auch Freiburg ist Tatort: 2704 Raddiebstähle hat die Polizei 2025 registriert. Während der Bundesschnitt sinkt, tanzt der Breisgau aus der Reihe: Um 16 Prozent sind die Zahlen von 2024 auf 2025 gestiegen. Die Polizei geht in die Offensive: Velostreifen sollen Diebe schnappen. chilli-Redakteur Till Neumann hat zwei Beamte im Einsatz begleitet. Sie sehen vor allem ein Problem.

Dienstagmorgen. Anfang Juni. Strömender Regen prasselt aufs Polizeirevier an der Stefan-Meier-Straße. Alexander Kauderer und Andreas Meier steigen trotzdem auf ihre E-Bikes. Die Dienstwaffe am Gürtel, den Helm auf dem Kopf. In ihren neongelben Jacken sind sie auch bei Hundswetter unterwegs. Nach den ersten 100 Metern ist die erste Kontrolle fällig: Ein Mann in schwarzer Jacke fährt ihnen auf einem E-Scooter entgegen.

„Bitte anhalten, Polizeikontrolle“, sagt Meier. Der bärtige Kerl um die 30 stoppt verwundert. Er soll seine Versicherungspapiere zeigen. Meier hat an der Plakette auf dem Nummernschild erkannt: Die Versicherung ist im Februar abgelaufen. Eine Anzeige ist fällig.

Das Duo Meier-Kauderer ist Teil der Fahrradgruppe der Polizei Freiburg. Nach erfolgreicher Pilotphase 2025 ist sie seit April wieder im Einsatz. Drei Zweierstreifen sind rund fünf Stunden täglich im Stadtgebiet unterwegs. Sie kümmern sich um Verkehrssicherheit bei Zweirädern und sollen neuerdings auch verstärkt Raddiebe ausfindig machen. „Wir machen ganzheitliche Kontrollen“, erklärt Meier. Sie prüfen, ob jemand gegen Verkehrsregeln verstößt: zum Beispiel über eine rote Ampel fährt, das Handy beim Fahren in der Hand hält oder auf dem Gehweg radelt. Sie schauen aber auch, ob das Fahrrad der Person gehört, die darauf sitzt.

Ein klassischer Fall? „Ein Zweimeter-­Mann auf einem 24-Zoll-Damenrad – das passt gar nicht“, erklärt Polizeipressesprecher Michael Schorr, der den heutigen Einsatz begleitet. Kollege Meier habe ein besonderes Auge für solche Fälle, lobt Schorr. Wie das kommt? „Ich bin seit 30 Jahren im Streifendienst tätig, seit 20 Jahren mit dem Rad“, erklärt Meier. In den vergangenen Jahren habe er sich intensiv mit Fahrradkontrollen beschäftigt. Und so sein Auge geschult und ein Bauchgefühl entwickelt.

Von der Effizienz der Velostreife ist Meier überzeugt: „Schon im April haben wir 18 geklaute Räder sicherstellen können.“ Der Dienst macht ihm nicht nur Spaß, er sei auch super praktisch. „Als Fahrradpolizist kommt man manchmal besser und schneller zum Geschehen als im Auto hinter einer Scheibe“, erklärt er. Hin und wieder kommt’s dabei zu kurzen Verfolgungsjagden. Verdächtige nehmen zu Fuß oder auf dem Rad reißaus. Für Meier heißt es dann: hinterher. Wenn jemand nicht gerade auf einem frisierten Bike flüchtet, geht ihm keiner durch die Lappen: „Bislang kriege ich alle.“

Verfolgen mussten Meier und Kauderer heute noch niemanden. Die beiden sind mittlerweile in der Nähe des Hauptbahnhofs. An der Kreuzung Bismarckallee und Friedrichstraße haben sie einen auffälligen Radler ausfindig gemacht. Der Mann wirkt benebelt, fährt ein Damenrad. „Ist das Ihr Rad?“, fragt Meier. Doch die Kommunikation ist schwierig. Also dreht er das Bike selbst um, stellt es auf den Sattel und prüft die Rahmennummer.

Streife auf E-Bikes: Andreas Meier (links) und Alexander Kauderer

Nicht jeder Verdächtige muss ein Dieb sein, erklärt Meier: „Wenn ein Mann sagt: ‚Das sieht jetzt total blöd aus, aber mein Rad ist kaputt und das ist das meiner Mutter’, dann ist nach einer Überprüfung der Angaben alles gut.“ Laut Meier ist die Trefferquote in solchen Fällen aber hoch: „80 Prozent der Leute, die wir so ansprechen, haben es gerade geklaut.“

Manchmal hilft auch einfach der Zufall. Kürzlich kontrollierte Meier einen Mann auf einem unspektakulären Rad. Sekunden später stand ein weiterer daneben und meinte: „Das ist meins.“ Er konnte nachweisen, dass es wirklich stimmt.

Für Meier sind Räder heiße Ware: „Früher haben Täter einen Ladendiebstahl begangen, heute gehen sie in Hinterhöfe und nehmen Räder mit.“ Der Wert sei immens und man könne sie verkaufen wie früher geklautes Parfüm. Die Velolangfinger hätten dabei oft leichtes Spiel: „Viele Räder stehen schlecht gesichert irgendwo rum.“ Selbst Menschen mit teuren E-Bikes würden beim Fahrradschloss sparen. „Das ist wie bei denen, die sich einen 800-Euro-Grill kaufen und darauf ein 2-Euro-Steak grillen“, erklärt Schorr.

Hotspots der Diebe sind vor allem im Zentrum: „Altstadt, Stühlinger, Wiehre, Haslach“, erklärt Meier. Immer wieder gingen Kriminelle organisiert vor: „Die kommen nachts mit dem Kombi, laden vier, fünf Räder ein.“ Dass die Zahlen hier steigen, erklärt er sich auch mit unserer geografischen Lage: „Im Dreiländereck gehen viele Sachen rum – und schnell über die Grenze.“

Der leitende Polizeidirektor in Freiburg, Gabriel Winterer, will mit Blick auf steigende Zahlen Gas geben: „Wir nehmen diese Bedrohung sehr ernst und steigern nochmals gezielt unseren Kontroll- und Ermittlungsdruck.“ Bei den Stadtrevieren Freiburg-Nord und Freiburg-Süd gibt es nun spezialisierte Ermittlungsbeamte, die sich vorrangig um Raddiebstähle kümmern. So wie Andreas Meier.

Mittlerweile nimmt er vom mutmaßlichen Fahrraddieb Ecke Hauptbahnhof per Smartphone Fingerabdrücke. Ob das Rad geklaut ist, konnte er nicht ermitteln. „Das ist von einem Händler, der vor einigen Jahren geschlossen hat. Ich mache mich da in ein paar Tagen schlau“, so der Beamte.

Auffällig: Die Polizisten sind freundlich, bleiben ruhig – auch wenn das Gegenüber grantig wird. So mancher hat Glück, kommt mit einer mündlichen Verwarnung weg. Auch ein Mann, der mit dem Handy in der Hand angeradelt kommt. Meier weist ihn auf sein Vergehen hin – und prüft die Rahmennummer. „Er sagt, er hat das Rad auf einem Flohmarkt in Polen gekauft – das glaube ich ihm“, sagt Meier. Auch weil der Kerl freundlich bleibt, lässt Meier ihn nach einem belehrenden Gespräch ohne Anzeige fürs Handy am Lenker ziehen.

Wichtig ist ihnen, nicht nur Täter zu schnappen, sondern auch zu sensibilisieren. Ihre Tipps: stabile Schlösser kaufen, diese auch nutzen, wenn man kurz in die Bäckerei geht, oder einfach den Gartenschuppen abschließen, wenn Räder drin sind. Das umzusetzen, könnte einen dicken Batzen sparen: Allein vier Millionen Euro Sachschaden haben Freiburgs geklaute Räder 2025 verursacht.

Fotos: © Till Neumann