„Mit den Füßen denken…“ – Auf der Suche nach dem Sinn des Lebens Land & Leute | 20.04.2026 | Erika Weisser
„Torschlussglück“: Nach 30 Jahren in einer Schopfheimer Firma hatte Detlev Lindner keine Panik vor dem Ende seines Arbeitslebens. Dankbar und glücklich wanderten der Ingenieur und seine Frau über die Alpen und dann nach Sizilien. Seine Gedanken hat er in einem Buch festgehalten.
Die erste Etappe, die durch Dreisam- und Höllental, über die Ravennaschlucht zum Titisee und weiter zur Wutachschlucht führt, dürfte vielen Lust-auf-REGIO-Lesern bekannt sein. Auch wenn sie diesen Weg wohl bisher nicht zu Fuß zurückgelegt haben, zumindest nicht vollständig. Und schon gar nicht mit einem schweren Rucksack in großer Sommerhitze.

Detlev Lindner und Marietheres Reul gingen diese Strecke, die direkt an ihrer Haustür begann, an einem heißen Augusttag im Jahr 2023 – und fanden wohltuende Abkühlung im Titisee. Dass sie danach allmählich in ein Gebiet gelangten, das außerhalb ihrer bisherigen kurzen Tagesausflüge lag, war kein Problem: Als „seit Kindertagen begeisterte Pfadfinder“ haben sie große Freude daran, sich in neuem Terrain zurechtzufinden, wie Lindner schreibt. Außerdem trugen sie „die Freiheit auf dem Rücken mit“: Zelt, Schlafsäcke, Kochgeschirr, Wasserbehälter. Eben alles, was es braucht, um abseits von Hauptrouten unterwegs zu sein und vor Ort selbst zu entscheiden, wo das Nachtlager aufgeschlagen wird.
Sie hatten Zeit und nutzten sie bewusst: Er war im Ruhestand. Und sie hatte sich, um mit ihm gemeinsam dieses Abenteuer wagen zu können, ein Sabbatjahr erarbeitet. Dass ihr Weg sie schließlich bis auf den Ätna führen würde, wussten sie zum Zeitpunkt ihres Aufbruchs noch nicht. Eigentlich, erzählt der inzwischen 66-Jährige, sei erst einmal nur eine Alpenüberquerung geplant gewesen – inklusive der Freiheit, unterwegs immer wieder neu über den weiteren Verlauf zu entscheiden. Dabei verstanden sie den Weg als Ziel, als Möglichkeit, Landschaften nicht nur zu durchwandern, sondern in sich aufzunehmen, sich mit der sie prägenden Natur zu verbinden und sich auch mit offenem Herzen auf die Menschen einzulassen, die ihnen begegneten.
Resonanz erleben
Also wanderten sie drauflos – zunächst in Richtung Hegau und Bodensee. Sie verweilten an Orten, an denen es Wasser gab oder die für sie „besonders“ waren, etwa wegen eines zutraulich zwitschernden Vogels im Gebüsch oder wegen eines üppigen Waldhimbeerschlags auf einer Lichtung. Es gab unterwegs auch viele Gelegenheiten, sich über offenbar lange gehegte philosophische Fragen und Gedanken auszutauschen, die „beim Denken mit den Füßen“ in ihr Bewusstsein drangen, etwa über Freiheit und Verbundenheit, über Glück und Gott, über Sinn und Sein, über Unverfügbarkeit und Resonanz. Und natürlich darüber, welche veränderte Realität sie nach der Rückkehr vorfinden würden und wie sie mit der neuen Lebenssituation bewusst und sinnvoll umgehen würden.
So wanderten sie rund 2000 Kilometer – bergauf, bergab, entlang schroffer Abgründe, über verkehrsreiche Brücken und zwei Landesgrenzen, durch Hitze und Regen, vom Sommer in den Herbst und in den Winter. Sie erspürten im Wandern die Verbindung der Füße mit der Erde, lernten, anders zu hören und wieder dreidimensional zu sehen. Und sie begegneten Menschen, deren Wärme und Herzlichkeit erstaunliche innere Räume öffneten und die bis heute nachhallt. Kurz vor Weihnachten erreichten sie Sizilien, wo sie in den frostigen Höhen des Ätna auf abenteuerliche Weise ihr Zelt aufbauten. Schließlich fanden sie ihr Winterquartier auf einem Bio-Bauernhof, auf dem sie über einen Monat blieben und bei der Zitrusernte und im Weinberg halfen.
Dieser Aufenthalt ist im Buch nicht mehr Thema. Ebenso wenig wie die Rückkehr über Griechenland und die Balkanroute nach Freiburg, das sie Anfang Juni 2024 nach fast zehn Monaten Abwesenheit wieder erreichten. Diesen Weg legten sie indessen nicht zu Fuß zurück, sondern zu großen Teilen mit öffentlichen Verkehrsmitteln, unterbrochen durch längere Wanderaufenthalte in den durchquerten Ländern.
Detlev Lindner hat einen Weg gefunden, seinen Ruhestand mit Sinn zu erfüllen. Zunächst schrieb er sein lesenswertes Buch, das sich weniger als Landschafts- und Wegbeschreibung, sondern vielmehr als Auseinandersetzung mit Fragen nach dem Sinn des gemeinschaftlichen Daseins alles Lebendigen liest. Inzwischen engagiert er sich ehrenamtlich in einem integrativ und inklusiv geführten Pferdehof mit Reitstation im Schliengener Ortsteil Liel. Mit großem persönlichem Gewinn.

TorschlussGlück
Von Freiburg nach Sizilien
Zu Fuß auf der Suche nach dem Sinn des Lebens
von Detlev Lindner
Verlag: hansanord, 2025
144 Seiten, Hardcover
Preis: 16 Euro









