Hilfe zwischen den Gleisen: Ein Tag bei der Bahnhofsmission Freiburg STADTGEPLAUDER | 16.01.2023 | Franka Arens

Bahnhofsmission Freiburg

An Bahnhöfen ist oft besonders viel los. Im trubeligen Reisealltag gibt es immer wieder Menschen, die auffallen und Hilfe brauchen. Um sie kümmert sich in Freiburg die Bahnhofsmission. chilli-Autorin Franka Arens hat das Team einen Tag lang begleitet.

Viele wollen einfach nur reden

Morgens ist die Not am spürbarsten. Das erklärt Philipp Spitzcok, der leitende Sozialarbeiter der Bahnhofsmission Freiburg. Die Kälte der Nacht steckt in den Knochen. Um 7.40 Uhr beginnen die Ehrenamtlichen Erich Hoffmann und Heide-Marie Wieber ihre Frühschicht. Sie kochen Tee und Kaffee. Um acht Uhr öffnet sie ihre Türen, die Gäste warten schon davor. Wer will, bekommt Brote als Notversorgung. Die meisten sind Stammgäste und kommen fast jeden Tag. Die Mitarbeitenden kennen ihre Namen und wissen, ob sie Marmelade oder Schmalz bevorzugen. Es fällt auf, wenn jemand mal ein paar Wochen lang nicht kommt.

Diese Art der Versorgung sei aber nicht das Wichtigste, berichten Wieber und Hoffmann. Vielen gehe es einfach um ein Gespräch. Sie erzählen von der letzten Nacht, von Freunden oder von einer anstehenden Entgiftung. Die Bahnhofsmission bietet neben Wärme und Stärkung auch Weitervermittlung: an Beratungsstellen für psychische Krisen, bei Sucht oder in Wohnungsnot. Für Frauen gibt es spezielle Angebote. Im hinteren Teil der Bahnhofsmission ist ein gesonderter Familienbereich. Herzlich und bestimmt gehen die Mitarbeitenden mit den Gästen und ihren Wünschen um. Das Gegenüber würdevoll zu behandeln, steht an erster Stelle.

Bahnhofsmission Freiburg

Eine willkommende Abwechlung: die Adventslesung in der Bahnhofsmission kommt gut an.

Ausgleich als Bankkauffrau

Früher befand sich die Bahnhofsmission ganz vorne im Freiburger Hauptbahnhof. Jetzt verbirgt sie sich am Ende des Bahnsteigs. Das hat seinen Grund, sagt die Ehrenamtliche Hilde-Marie Wieber: Mit der Zeit musste die Einrichtung kommerziellen Angeboten weichen. Sie selbst hilft seit mehr als 20 Jahren hier aus. Schon als sie noch Bankkauffrau war, bot ihr die Arbeit einen sinnstiftenden sozialen Ausgleich.

Auch die Malteser engagieren sich bei der Bahnhofsmission: Gegen Mittag liefern sie 240 Gläser Marmelade – selbst gekocht. Beim Hereintragen helfen auch anwesende Gäste. Die Marmelade gehört zu den wenigen Dingen, die die Mission nicht kaufen muss. Für alles andere ist sie auf Spenden und ihre kirchlichen Träger angewiesen. Dabei spielt keine Rolle, ob die Mitarbeitenden oder Gäste gläubig sind. Die christliche Trägerschaft äußert sich vielmehr in Werten wie Nächstenliebe und Barmherzigkeit, betont das Team.

Viele Spenden im Winter

Wenn sich der Trubel nachmittags legt, ist es Zeit für einen Bahnhofsrundgang. Das Team schaut beispielsweise nach Menschen, die die Bahnhofsmission nicht mehr betreten dürfen. Manche haben die Kontrolle über den eigenen Körper verloren, die Verwahrlosung ist zu groß. Sie bekommen Schlafsäcke und Decken, die Ehrenamtlichen bieten an, medizinische Hilfe zu holen. Die Bahnhofsmission kümmert sich auch um Reisebegleitungen. Heute unterstützt sie einen 82-jährigen Freiburger beim Umsteigen mit seinem Gepäck.

Abends wird es wieder voller: Gäste kommen zum Abendessen und um sich aufzuwärmen. Eine besondere Stimmung bietet in der Weihnachtszeit die allabendliche Adventslesung. Die Gäste hören andächtig zu. Um 20 Uhr schließt die Bahnhofsmission. „Die Bedürftigkeit der Menschen ist im Winter anders spürbar“, berichtet die leitende Sozialarbeiterin Natalie Brenner. Das falle auch Freiburgs Bürgern auf. Gerade in der Vorweihnachtszeit erreichen die Bahnhofsmission viele Spenden und Anrufe, die auf Menschen auf der Straße hinweisen.

Zwei Wünsche

„Dennoch braucht es mehr Aufmerksamkeit“, fordert sie. Diese Menschen seien schließlich nicht nur im Winter da. Die Bahnhofsmission brauche die Unterstützung der Gesellschaft, sie ist auf Spenden und ehrenamtliches Engagement angewiesen. Daneben wünscht sich Brenner vor allem zwei Dinge: Offenheit und die aktive Bereitschaft, auch solche Menschen zu integrieren, die nicht ins Bild passen.

Fotos: © Franka Arens