Gefahr von allen Seiten: Freiburger fahren Ersthilfeeinsätze auf dem Mittelmeer Szene | 11.10.2022 | Pascal Lienhard

Seenotrettung

Fast 2.000 Kilometer trennen Freiburg von Licata. Caroline Günther hat die Strecke in die sizilianische Stadt hinter sich gebracht – nur um ins Ungewisse zu starten. Mit anderen Aktivisten fährt sie auf dem Mittelmeerraum zwischen Libyen und Italien Ersthilfeeinsätze. Die aktuellen politischen Entwicklungen in Italien bereiten dem Team Sorgen.

Licata ist eine Küstenstadt mit rund 36.000 Einwohner·innen und einem der wichtigsten Exporthäfen Siziliens. In diesem liegt das Segelboot „Imara“. Mit dem 15 Meter langen Schiff unternimmt „r42-sailtraining SailAndRescue“, eine gemeinnützige Unternehmergesellschaft mit Sitz in Freiburg, seit Oktober 2021 Missionen. Das Ziel: Menschen, die die Fluchtroute übers Mittelmeer einschlagen, in Sicherheit bringen. Wie nötig Hilfe ist, zeigt die Statistik: Im vergangenen Jahr starben oder verschwanden laut Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen mehr als 3.100 Menschen auf dem Mittelmeer, schätzungsweise an die 1000 haben von Januar bis August 2022 die Überfahrt nicht überlebt oder werden vermisst.

Ein Anruf bei Caroline Günther, einen Tag vor der neunten Mission. In Freiburg ist die 41-Jährige als eine von zwei Geschäftsführerinnen des „Jos-Fritz-Cafés“ bekannt. An diesem Samstagmorgen ist sie als Medienkoordinatorin und Crewmitglied mit den letzten Vorbereitungen für das Auslaufen aus Licata beschäftigt.

Es ginge nicht darum, möglichst viele Menschen auf die „Imara“ zu bringen, das sei aufgrund ihrer Größe nicht möglich. Auf den Ersthilfeeinsätzen werden nur medizinische Notfälle und kleine Kinder an Bord gebracht. „Wir leisten medizinische Erstversorgung und geben den Menschen Rettungswesten und Wasser“, sagt Günther. Über Funksprüche an größere NGOs oder die italienische Küstenwache wird weitere Hilfe organisiert, um die Geflüchteten in Sicherheit zu bringen. Als gemeinnützige Unternehmergesellschaft ist die NGO trotz verschiedener Förderungen auf Spenden angewiesen.

Caroline Günther

„Jeder Mensch hat das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben in Freiheit“: Caroline Günther bei einem Ersthilfeeinsatz

Günther kritisiert es als unerträglich, wie Europa auf Kosten anderer Länder in Luxus lebe und davor die Augen verschließe: „Außerdem lässt man keine Menschen wissentlich ertrinken. Jeder Mensch hat das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben in Freiheit.“ Die Freiburgerin hat Konsequenzen gezogen und unternimmt ihre inzwischen fünfte Mission aufs Mittelmeer. Etwas mehr als 450 Personen habe das Team bereits in Sicherheit gebracht.

Auf See ist die „Imara“ für zwei Wochen, hinzu kommt eine Woche Vor- und Nachbereitung. Zur sechsköpfigen Crew gehört aktuell ein Arabisch sprechender Helfer, der 2015 im Holzboot nach Europa kam. Nicht fehlen dürfen an Bord Skipper, Co-Skipper sowie eine medizinische Fachkraft. „Vorher weiß man nie, in welche Gefahren man sich begibt“, sagt Günther. An Fluchtboote fahre man nicht zu nah heran und nutze für Kontaktaufnahme und Kommunikation kleine Rettungsboote.

Besorgt ist Günther über die politischen Entwicklungen in Italien. Mit Fratelli d’Italia ist eine rechtextreme Partei bei den italienischen Parlamentswahlen als stärkste Kraft hervorgegangen. „Nach diesen Wahlen schwant uns Böses“, sagt Günther. Schon seit einigen Wochen sei wahrzunehmen, dass der Umgang mit Seenotretter·innen nach einer Zeit der recht guten Kooperation rauer werde.

Fotos: © r42-sailtraining