Das „bierernste“ chilli-Horoskop: Festival-Edition von Hobby-Astronaut Philip Thomas 4Literatur & Kolumnen | 30.06.2025 | Philip Thomas

Horoskop

Vor lauter wildem feiern ist chilli-Orakel Philip Thomas ganz benebelt und sieht sogar Sterne. Nach mehr oder weniger fokussiertem Studium der Himmelskörper verrät er, was er erfahren hat.

Widder-1

Bis zu 300 Euro kostet ein Wochenendticket für so manches Festival heutzutage. Für das Geld könnte man erwarten, dass Bono persönlich in deinem Wohnzimmer „With or Without You“ zum Besten gibt. So musst du dich entscheiden: drei Tage durchtanzen oder drei Tage am Stück zelten, saufen und pöbeln. Beides ist mittlerweile nicht mehr drin.

Stier-1

Manche Gewohnheiten sind schnell antrainiert und nur langsam wieder abgelegt. Überlebensstrategien von deinem letzten Festival-Besuch, zum Beispiel. Noch wochenlang nach deiner Rückkehr ins „zivile Leben“ schnupperst du an jeder Flasche oder Dose, bevor du aus ihr trinkst.

Zwilling-1

Drei Tage völlige Verwahrlosung, kaum Schlaf und Aufgabe der Körperpflege. Dazu kalte Dosenravioli und Mais aus der Konserve. Dafür aber immerhin gescheite Musik und konstanten Pegel. Viele fahren dafür hunderte Kilometer aufs Festival, bei dir heißt das Homeoffice.

Krebs-2

Zu Hause wartet eine weiche Matratze und eine flauschige Daunendecke auf dich. Davor gibt’s eine heiße Badewanne, ein eisgekühltes Getränk und so viel Pizza, wie der Lieferdienst transportieren kann. Wellness kannst du nach drei Tagen Dixiklo und Dosenmais gebrauchen. Festival bedeutet eben auch, viel Geld auszugeben, um zu hausen wie ein Wohnungsloser.

Loewe-1

Tanzen ist dir peinlich, und von zu viel Alkohol und anderen Drogen bekommst du bloß Kopfschmerzen. Da ist ein Streetfood-Festival schon eher nach deinem Geschmack: Diesen Sommer heißt es also Tacos statt Techno, Tako-Yaki statt Trance, Pfannkuchen statt Psy, Bratwurst statt Blues, Döner statt Drum and Bass und Falafel statt Folk. Es werden also eher Magenschmerzen.

Es gibt Festivalbesucher und es gibt Festivalbesucher. Die einen reisen nicht ohne Panzertape, Kabelbinder, Erste-Hilfe-Koffer, Kompass, zwei Liter Sonnencreme, Handstaubsauger und vor allem Dosenöffner an. Und dann gibt’s dich. Du hast dabei: fünf Paletten Dosenbier, Sonnenbrille und einen Socken zum Wechseln. Alles andere wäre ja auch kein Abenteuer.

Waage-1

Als die Boxen morgens um 8 den Bass auf Maximum drehen, wirst du aus deinem schlammverkrusteten Schlafsack gerissen. Dabei bist du erst vor einer halben Stunde ins Zelt gekrochen. Immerhin: Nach den Festivalwochenenden checkst du in ein Fünf-Sterne-Resort in der Schweiz ein. Anders überstehst du die Saison nicht mehr.

Grundsätzlich gilt: Je weniger Fotos, desto besser die Party. Deine eigene Kamera musst du auch gar nicht mehr zücken – dein Festivalbesuch ist durch die Horde videowütiger Influencer bestens und nahezu lückenlos dokumentiert: Du kannst keine fünf Schritte gehen, ohne durch ­irgendeinen Vlog zu torkeln.

Schuetze-1

Gesehen und gesehen werden. Der Festivalsommer gerät für dich zur Modenschau: Bikini, Blumen in den Haaren, schriller Hut und Sonnenbrille, Lichterkette, Seifenblasen und ganz viel nackte Haut. Dann stellt sich heraus: Tanzen kannst du in dem Kostüm nicht, ohne dass du quasi nackt dastehst. Wie praktisch, dass du noch eine zentimeterdicke Schicht Glitzer aufgetragen hast.

Steinbock-1

Die Info, dass Glasflaschen nicht mit aufs Gelände genommen werden dürfen, siehst du als persönliche Herausforderung, deinen Kasten noch in der Schlange vor dem Einlass zu leeren. Kälteres Bier wirst du in den nächsten drei Tagen nämlich nicht mehr finden. Dabei hast du leider die oberste Festival-Regel verletzt: Zelt aufbauen, bevor man mit dem Trinken anfängt.

Wassermann-1

Möglicherweise hast du die ein oder andere Gehirnzelle auf dem letzten Festival gelassen. Bier-Yoga, Bong-Workshops und LSD-Verkostungen waren dann doch zu viel für ein einziges Wochenende. Warum dir das dämmert? Du stehst nun schon fünf Minuten vor deiner Haustür und suchst nach dem Reißverschluss.

Sonntagabend. In Schuhen aus Plastiktüten gehst du eine letzte Runde über den Platz wie Beckenbauer 1990. Der Sturm hat die Zeltheringe gezogen, zu Hause wären deine Gummistiefel noch heile, das Zelt trocken, und der Montag wäre kein Kater-Marathon. Dafür könntest du von den Erinnerungen nicht bis mindestens nächstes Jahr zehren.

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