Ein Ort für Debattenkultur – Buchhandlung zum Wetzstein startet mit einem neuen Konzept Featured | 22.04.2022 | Erika Weisser

Schaufenster: Zum Wetzstein Vom 29. April bis 1. Mai wird gefeiert – mit vielen Gästen, Lesungen, Werkstatt- Gesprächen, einer literarisch- musikalischen Matinee und einer Zoom-Diskussion um die Zukunft des Buchhandels.

Die Stoffe gehen, der Lesestoff bleibt und wird neu sortiert. Und er wird umfangreicher: Nach dem Auszug des Stoffgeschäfts Étoffe & Tessuti übernimmt die Buchhandlung zum Wetzstein noch in den letzten Apriltagen die gesamte Fläche des 130 Quadratmeter großen Ladengeschäfts zurück. Damit spielen Bücher wieder die Hauptrolle im Erdgeschoss des Hauses zum Wetzstein in der Salzstraße 31.

„Ich habe nie gesagt, dass der Wetzstein ganz verschwinden wird“, sagt Inhaberin Susanne Bader, die die Buchhandlung zusammen mit ihrem 2014 verstorbenen Mann Thomas Bader eröffnet hatte. 2019 habe sie zwar ans Aufhören gedacht, doch immer auch nach Lösungen für den Traditionsbetrieb gesucht, den der Autor Rainer Moritz nach seiner bibliophilen Reise durch den Kontinent in seinem 2010 erschienenen Buch zu den schönsten Buchhandlungen Europas zählte.

Zunächst fand sie die Lösung mit der Stoffhandlung als Untermieterin. Deshalb schloss sie „den Wetzstein“ am Freitag, den 13. März 2020 auch nur für die Spanne der „umfassenden, sehr intensiven und sorgfältigen Renovierung“, die mehr Licht und Ursprünglichkeit in die Räume brachte. Danach zog sich Susanne Bader mit den Büchern in die zweite Reihe des Ladens zurück: in einen kleinen, bei den Renovierungsarbeiten erschlossenen Raum im ältesten, aus dem 12. Jahrhundert stammenden Teil des Hauses.

 Pascal Mathéus (re.), Susanne Bader und Florian Wernicke

Susanne Bader freut sich, dass sie mit Pascal Mathéus (re.) und Florian Wernicke Nachfolger für die legendäre Buchhandlung ­gefunden hat.

Dort führte sie den Betrieb weiter – mit einem gut funktionierenden Online-Shop und mit zuverlässiger Belieferung, aber auch mit Öffnungszeiten und Kundenverkehr, der durch die pandemiebedingten unterschiedlichen Lockdown-Vorschriften für die beiden verschiedenen Branchen „natürlich sehr erschwert wurde“. Besonders stolz ist sie, dass sie „es durchgehalten“ hat, in all der wechselhaften Zeit den monatlichen Wetzstein-Brief regelmäßig herauszubringen.

Seit mehr als einem Jahr geht ihr dabei Pascal Mathéus zur Hand. „Irgendwann ging ich in den Laden und fragte, ob ich mitarbeiten kann. Daraus ist eine sehr schöne und produktive Zusammenarbeit geworden“, erzählt der Althistoriker und Gründer des Literaturblogs aufklappen.com. Damit war die Lösung für die Zukunft des „Wetzstein“ eingeleitet. Inzwischen sind die beiden längst zu einem sich gegenseitig ergänzenden Team geworden.

Mit dem Gerontologen Florian Wernicke haben sie noch einen Dritten im Bunde gefunden, um aus dem Wetzstein wieder eine große, die Stadtgesellschaft bereichernde Buchhandlung zu machen: einen offenen Ort für Austausch, für Veranstaltungen, für Debattenkultur, nicht nur über Literatur – ganz im Sinne ihres Gründers.

Bader hat „ein gutes Gefühl“. Und sie freut sich auf die Zusammenarbeit, die auch auf neue literarische Wege führen wird. Und darauf, in die erste Reihe des Ladens zurückzukehren. Ganz besonders froh ist sie aber, dass sie Thomas Baders Lebenswerk fortführen und nun „nach und nach in gute Hände übergeben kann“. Dass die Buchhandlung nur wenige Tage nach Baders 80. Geburtstag am 18. April wieder ihre alte Größe zurückbekommt, sieht sie als Geschenk, als Hommage und als tiefe Verbeugung an ihn.

Info:
Festprogramm: www.buch-wetzstein.de

Fotos: © ewei