Vom Virus verweht – So erlebt Freiburg die Corona-Krise Featured | 07.04.2020 | Liliane Herzberg, Till Neumann & Philip Thomas

Ob Ärztin, Abiturient oder Landwirt. Corona trifft alle. Die einen schieben Dauerschichten und kämpfen gegen die unsichtbare Gefahr. Die anderen stehen mit leeren Händen da und versuchen, ihre Existenz zu retten. Das chilli hat elf Stimmen aus der Stadt gesammelt und gefragt: Wie erleben die Menschen ganz persönlich diese denkwürdigen Tage? Sie berichten von Schock, Anspannung und Sorgen. Aber auch von mehr Miteinander und großer Solidarität.

 

Martin Horn (35), Oberbürgermeister Freiburg
„Deutliche Windböen“
„Was wir aktuell erleben, ist eine Ausnahmesituation, die es so seit dem Krieg noch nicht gegeben hat. Viele reden ja von der Ruhe vor dem Sturm, ich spüre deutliche Windböen. Jetzt müssen wir alles tun, damit uns das Sturmzentrum nicht voll erwischt. Der Verwaltungsstab und mein Team absolvieren ein Wahnsinnspensum. Die Stadtverwaltung arbeitet in kritischen Bereichen im Zweischichtbetrieb. Die Hälfte ist hier, die andere im Home-Office. Ich bin den FreiburgerInnen dankbar, dass sie das Betretungsverbot zum allergrößten
Teil mittragen und einhalten. Es gibt nur ganz wenige Bußgelder. Das soziale Engagement ist beeindruckend. Auch fürs Stadtjubiläum ist die Krise ein Tiefschlag, aber wir machen das Beste daraus. In 900 Jahren hat Freiburg schon andere Situationen durchgestanden. Ohne mein Team und meine Familie wäre diese Zeit für mich kaum schulterbar.“

Vom Virus verweht

Stephan Sigrist (67), Arzt, Koordinator der Abstrichstelle
Puffer vor den Krankenhäusern
„Anfänglich wollten an der Messe täglich 500 Leute einen Abstrich, die Wartezeiten betrugen teilweise bis zu sechs Stunden. Jeder, der meinte, einen Infizierten gesehen zu haben, war dort. Die Station war eine absolute Premiere, die Organisation musste schnell passieren, wir haben auch Fehler gemacht und daraus gelernt. Der erste Ansturm ist vorüber, aktuell sind es 50 bis 80 potenziell Erkrankte, die von bis zu drei medizinischen Fachangestellten sowie zwei Ärzten kartiert werden. Wir werden das Angebot nun in Fieber-Ambulanzen mit bis zu vier Ärzten und vier Fachangestellten für Tests bündeln und haben auch einen Fahrdienst, das Corona-Mobil, eingerichtet. Auch das ist ein Puffer, der dazu beiträgt, Krankenhäuser zu entlasten.“

Dominique Heintz (26), Fußballprofi
Den Ball flach halten
„Die gesamte Mannschaft bleibt gerade zu Hause. Wir stehen aber ständig in Verbindung, machen das Beste aus der Situation und halten uns derzeit zu Hause fit: Jeder hat vom Trainerteam Aufgaben für Läufe und Übungen bekommen. Ich gehe viel mit dem Hund joggen oder mach’ Krafttraining im Garten. Das ist ungewohnt, aber die Gesundheit geht vor. Sie ist das Wichtigste. Wir sind schließlich Vorbilder und müssen da jetzt alle durch. Natürlich vermisse ich meine Familie, Freunde und vor vollen Rängen im Stadion aufzulaufen, aber darauf muss man derzeit eben verzichten. Auch, dass wir derzeit weniger Gehalt bekommen, ist für mich selbstverständlich. Ich hoffe, dass wir die Saison bald seriös zu Ende spielen können. Wenn alles wieder hochfährt, müssen wir bereit sein.“

Aileen Haller (28), Studentin, organisiert Nachbarschaftshilfe
Wichtiges Zeichen in schweren Zeiten
„Am 13. März habe ich eine Facebook-Gruppe für Nachbarschaftshilfe in Freiburg gegründet. Heute hat die Seite mehr als 2710 Mitglieder. Darauf vermitteln wir Helfer zu jenen, die zur Risikogruppe gehören, etwa für Einkaufsgänge. In der Gruppe gibt’s viel mehr Menschen, die helfen wollen, als Hilfegesuche. Das freut mich sehr und ist ein wichtiges Zeichen für diese schweren Zeiten. Wir leben in einer egoistischen Welt, und viele von uns haben verlernt, aus Nächstenliebe zu handeln. Auch die Vergangenheit hat uns gezeigt, dass Solidarität besonders Fremden gegenüber oft an Grenzen stößt. Eine Krisensituation erfordert unseren Zusammenhalt, denn nur so können wir als gestärkte Gemeinschaft aus dieser Zeit gehen und wieder zueinanderfinden.“

Barry Azihuwa (17), Abiturient am Kepler-Gymnasium
„Kein gerechtes Abi“
„Am Anfang haben wir gejubelt, dass keine Schule ist. Aber es ist schon schlimm. Viele prognostizieren, dass das Abi nicht steigen wird – auch ich gehe davon aus. Wenn einer krank ist, wird die ganze Schule geschlossen. Wie soll das gehen? Ich fänd’s gut, wenn es keine Prüfungen gäbe. Viele meiner Kollegen auch. So sehr kann man den Schnitt nicht mehr verbessern. Wir können so nicht vorbereitet werden, dann wären wir im Nachteil gegenüber anderen Jahrgängen. Das ist kein gerechtes Abitur. Wir wollten Lerngruppen machen, das geht jetzt nicht. Aktuell bekommen wir Arbeitsaufträge per Mail. So gut wie Frontalunterricht ist das nicht. Ich stehe meistens um 8 oder 9 Uhr auf, esse was und mache Sport. Für die Schule fange ich etwa um 12 Uhr an und arbeite so drei Stunden am Tag.“

Carmelo Policicchio (60), Besitzer des Swamp
Solidarität für alle
„Das, was wir hier gerade erleben, ist nicht schön, aber es gibt Menschen, denen geht es noch bedeutend schlechter. Die Verlegerin meines letzten Buches hat eine Spendenaktion für mich gestartet, die relativ erfolgreich war. Das sollte eigentlich bis April laufen, aber sie hat schon nach einem Tag Ausmaße angenommen, die mir zu groß waren. Ich weiß nicht, ob das blöd ist, aber wenn ich sehe, dass sich Hilfsorganisationen abstrampeln und bei mir kommt schon nach einem Tag so viel rein, dann finde ich das komisch. Ich habe null Einnahmen, aber mein Erspartes reicht zumindest für die nächsten ein bis zwei Monate. Aber Solidarität mir gegenüber, das finde ich schon wahnsinnig toll. Zu sehen, dass die Leute mögen, was ich tue, das ist ein schönes Zeichen und das rührt mich sehr.“

Michael Müller (49), Chefarzt im RKK Klinikum St. Josefskrankenhaus
„Jeden richtig behandeln“
„In den täglichen Sitzungen des Krisenstabs planen wir die Versorgung vieler Patienten entsprechend der Hochrechnungen. Eigentlich haben wir elf Intensivbetten, jetzt sind es 37. Beatmungsgeräte sind weltweit ausverkauft, aber wir haben vorgesorgt. Die Hygiene halten wir hoch, es gibt strenge Regeln – für Mitarbeiter und Besucher. Das Schwierigste ist die Unsicherheit, was auf uns zukommt. Aktuell haben wir zehn beatmete Patienten. Es gab auch schon Todesfälle. Hoffentlich bekommen wir nicht mehr Patienten als mit der Technik und dem Personal machbar ist. Wir haben eine Ethikbereitschaft, damit unser Personal Unterstützung bei schwierigen Entscheidungen hat. Total beeindruckend ist die Motivation der Mitarbeiter. Alle ziehen an einem Strang. Das ist extrem positiv.“

Claudius Dufner (33), Dekanatsjugendseelsorger
„Wir rücken zusammen“
„Viele Kollegen machen Videogottesdienste. Mir ist der direkte Kontakt zu den Jugendlichen wichtig. Ich rufe sie an, frage, wie es ihnen geht. Wir reden über das Leben, nicht nur über Corona. Einmal im Monat treffen wir uns eigentlich im Cheers zum Stammtisch auf ein Bier. Das haben wir jetzt per Videochat gemacht. Am Sonntag habe ich statt eines Gottesdiensts einfach eine Stunde mit den Jugendlichen per Skype geredet. Auch das war für mich eine Form Gottesdienst. Viele engagieren sich in der Nachbarschaftshilfe, das ist schön. Eine Gruppe im Rieselfeld hat sogar online einen Gottesdienst über Minecraft gefeiert. Der Glaube gibt Mut in diesen Zeiten. Das ist etwas Urchristliches. Durch das Kontaktverbot rücken wir näher zusammen. Auf Dauer funktioniert das aber nicht.“

Marianne Nägele (58), Inhaberin der Zähringer-Apotheke
Schutz, Stress und Kuchen
„Die letzten Wochen waren mit viel Arbeit verbunden. Zu Beginn der Krise war die Anspannung hoch. Zum Glück haben wir von unseren Schreiner-
meistern Plexiglasscheiben aufgebaut bekommen. Somit fühlt sich das Team geschützt. Außerdem tragen wir Einmalhandschuhe, die wir mit Isopropanol desinfizieren. Innerhalb des Teams versuchen wir, genügend Abstand zu halten. Anfangs waren diese Vorsichtsmaßnahmen gewöhnungsbedürftig, mittlerweile ist schon der Corona-Apotheken-Alltag eingekehrt. Wünschen würden wir uns, dass sich trotz Lieferengpässen kein Frust bei den Kunden aufbaut. Schöne Momente gehen in diesen Tagen vor allem auch von unseren Kunden und Freunden aus. Neben lobenden Worten erreichen uns Kuchen, die uns den Tag versüßen.“

Arno Fünfgelt (55), Landwirt
Vom Prügelknaben zur Wertschätzung
„Ich hab’ das Glück, dass meine Saisonarbeiter aus Polen zu 80 Prozent gekommen sind und ich auch viele Anfragen von Studenten oder sonstigen Leuten habe, die Zeit haben und helfen wollen. Ich bin da wirklich in einer glücklichen Lage. Von der Arbeit her ist es normal geblieben, nur für den Verkauf vom Spargel wird es Probleme geben, weil die Gastronomie wegfällt und weil der Hofverkauf auch ein bisschen aufwendiger ist. Man muss Abstand halten und Sicherheitsmaßnahmen einhalten, aber ich bin zuversichtlich, dass ich da noch gut wegkomme. Vor einem halben Jahr war die Landwirtschaft ja im Fokus mit der „ProBiene“-Aktion, da waren wir ein bisschen die Prügelknaben, das ist eigentlich das Positive an der Krise, dass wir jetzt wieder ein bisschen mehr wertgeschätzt werden.“

Florian Wetter (39), Schauspieler und Leiter des Theaters „Die Immoralisten“
Große Zeit der Chance
„Momentan ist eine Schockstarre eingetreten. Wir überlegen, wie es weitergeht, aber ich halte den 20. April als Endpunkt für illusorisch und wäre dankbar, irgendwas zu wissen. Finanziell sieht es ganz gut aus, wir müssen abwarten, was die Hilfemaßnahmen des Landes bringen. Hinzu kommt, dass viele Leute uns mit Spenden unterstützen. Wir sind gerührt, es ist toll, zu spüren, dass wir für die Menschen wichtig sind und dass sie in dem Moment, wo es drauf ankommt, uns mit Gesten der Solidarität beistehen. Ich glaube, dass unsere Aufgabe nach der Krise kommt. Wir überlegen, was die Leute dann brauchen. Es wird um die großen Themen gehen, um die Frage nach Leben und Tod, dem Miteinander, nach Menschlichkeit. Es ist ja trotz allem eine große Zeit der Chance.“

 

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