Wir erleben gerade ein worst-of: Medienwissenschaftlerin Deborah Wolf über Verschwörungstheorien Featured | 26.06.2020 | Philip Thomas

Mann mit Handy und Mundschutz

In der Corona-Krise haben viele Bundesbürger die Schutzmaske gegen einen Aluhut getauscht und Verschwörungstheorien ihr Ohr geliehen. Die Freiburger Medienwissen-schaftlerin Deborah Wolf hat den Sprung aus dem Internet auf die Straßen mit Sorge verfolgt. Im Interview mit chilli-Redakteur Philip Thomas erklärt die 28-Jährige, wo die Flut an Corona-Theorien herkommt, warum viele Thesen so gefährlich sind und wie man sich vor zähen Diskussionen schützen kann.

chilli: Mein Chef ist ein Echsenmensch, der unter der Redaktion eine geheime Goldmine betreibt und obendrein die Mondlandung gefälscht hat. Wie könnte ich diese Verschwörungstheorie am besten in die Welt setzen?

Wolf: Erst mal brauchen Sie mindestens zwei Menschen, die sie glauben. Nennen Sie es aber nicht Verschwörungstheorie, nennen Sie es „Wahrheit“. In der Geschichte muss es in der Regel um böse Absichten gehen, am besten auf Kosten der Allgemeinheit. Dazu findet eine klare Abgrenzung statt: Sehen Sie sich als Gruppe, die einer Mehrheit gegenübersteht. Unterscheiden Sie zwischen sich und einer Obrigkeit. Bestenfalls ist Ihre Theorie auch spannend. Es gibt nicht umsonst viele fiktionale Verschwörungen, wie etwa den da Vinci Code.

chilli: Verbreiten werde ich die Story wohl über das Internet. Existieren durch das Netz mehr Theorien, oder kommen wir nur mehr mit ihnen in Berührung?

Wolf: Verschwörungstheorien sind kein gesellschaftliches Randphänomen mehr, ob es durch das Internet mehr gibt, ist schwer zu sagen. Gerade kontroverse Videos bekommen durch den sogenannten Click-Hole-Effekt nun besonders viel Reichweite: Anhand der Kommentaranzahl erkennen Algorithmen, ob ein Posting aufwühlt. Auch dann, wenn die Diskutierenden dem Clip gar nicht zustimmen. Dadurch werden gerade Verschwörungstheorien in Suchmaschinen gut platziert. Durch verwandte Videovorschläge rutscht man dann schnell ab.

Medienwissenschaftlerin Deborath Wolf

Zieht bei Rassismus eine Grenze: Medienwissenschaftlerin Deborah Wolf.

chilli: An Verschwörungstheorien zu glauben, ist also ein schleichender Prozess?

Wolf: Das ist eine Spirale. Menschen wachen nicht morgens auf und glauben an Verschwörungstheorien. Am Anfang stehen oft Stammtischparolen. Mit pauschalen Aussagen wie beispielsweise „Politiker lügen“ kann jeder etwas anfangen. Sie funktionieren nicht nur als Köder, sondern als tragende Säulen, auf denen dann komplexe Geschichten aufgebaut werden können. Sie wirken deswegen zuerst stimmig, dabei können manche Dinge einfach nicht erklärt werden. Mancher kann damit nicht umgehen und sucht Abhilfe, um sich die Welt begreifbar zu machen.

chilli: Überrascht es Sie, dass Verschwörungstheorien gerade jetzt Saison haben?

Wolf: Nein, in Krisenzeiten bekommen Verschwörungstheorien Zuwachs, weil sie verstärkte Ängste aufgreifen. Das gleiche Phänomen konnte man in den Hochphasen des Kalten Krieges und in der sogenannten Flüchtlingskrise beobachten. Besonders an der Corona-Krise ist allerdings, dass es bei einem unsichtbaren Virus kein menschliches Feindbild gibt. Ängste brauchen ein Gesicht, für einige ist das aktuell Bill Gates.

chilli: Was ist das Besondere an den aktuellen Theorien?

Wolf: Die Corona-Theorien sind deshalb so gefährlich, weil sie zahlreiche bereits bestehende Verschwörungstheorien in sich vereinen. Wir erleben gerade quasi ein Worst-of: Gefährliche Impfstoffe, eine geheime Weltregierung oder die Angst vor Pharmakonzernen. Das sind Themen, die ganz unterschiedliche Menschen ansprechen und ein starkes Mobilisierungspotenzial haben. Verschwörungstheoretiker sehen sich dabei stets auf der Seite der Guten und dadurch moralisch legitimiert. Verschwörungstheorien werden durch soziale Ungerechtigkeiten verstärkt – die gibt es immerhin wirklich.

chilli: Die Diskussionskultur wirkt stark vergiftet. Gibt es Möglichkeiten, die Theorien trotzdem zu entlarven?

Wolf: Diskussionen können sehr kräfteraubend sein, und Widerworte bringen oft nichts. Die meisten Theorien immunisieren sich selbst: Gegenbeweise sind angeblich gefälscht. Das Problem muss gesamtgesellschaftlich angegangen werden, beispielsweise mit Medienunterricht in Schulen. Als Privatperson kann ich aber immer sagen: Ich möchte nicht diskutieren. Da kann sich jeder seine Grenze, etwa bei Rassismus, setzen.

chilli: Vielen Dank für das Gespräch.

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