Wahnsinn im White House – Der unberechenbare Trump und seine Auswirkungen auf Südbaden business im Breisgau | 19.05.2025 | Lars Bargmann
Seit Richard Nixon – man schrieb das Jahr 1973 – hat noch nie ein US-Präsident in den ersten 100 Tagen so viel Kohle an der Wall Street verbrannt wie Donald Trump. Aber der Rowdy im White House hat noch viel mehr verbrannt als Geld: Er hat weltweit das Vertrauen in die älteste Demokratie auf dem Planeten verbrannt.
Die Auswirkungen von Trumps Tölpelpolitik, wie der SPIEGEL neulich in einem Abend-Briefing schrieb, sind global unkalkulierbar – und wirken sogar auf Inseln, auf denen nur Seehunde und Pinguine leben. Experten in Südbaden, Bankbosse, Aktienmarktanalysten, Vermögensverwalter und Verbandspräsidenten schütteln ihre Köpfe – und sehen eine einmalige Chance für Europa.
Wer noch eine ausgeklügelte Strategie hinter Trumps hektischem Dekrete-Unterzeichnen, Zollankündigungen und Ankündigungs-Salto-Mortale, hinter dem Umbenennen von Meeren, dem wirren Griff nach anderen Staaten entdeckt, muss sehr gute Augen haben.
Ganz oben auf der globalen Agenda steht das Säbelrasseln zwischen den USA und China. Zwischen einer Gerade-noch-Demokratie und einer Autokratie. Als Beobachter fühlt man sich wie bei einer Auktion, wo die Leute sich gegenseitig überbieten. „Hier sehe ich 34, dort 50, von hier kommen 104, dort 125, 145…“ Im Oval Office herrscht die Zollwut. GAGA statt MAGA. Aber die Welt muss sich stellen. Europa muss sich formieren. Der amerikanische Markt ist zu wichtig.
Karoline Leavitt, Sprecherin im Weißen Haus, sagte neulich auf einer Pressekonferenz: „Der Präsident wollte auch, dass ich Ihnen allen sage, dass er unglaublich gnädig sein wird, wenn China seine Hand ausstreckt, um eine Vereinbarung zu treffen, aber er wird tun, was das Beste für das amerikanische Volk ist.“ Wenn sich Trump da mal nicht verzockt.
Für die EU sind – je nach Ware – Zölle von bis zu 25 Prozent angekündigt. „Die beste Antwort auf Trumps aggressiven Protektionismus sind Wirtschaftsreformen“, sagt Dieter Salomon, Geschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Südlicher Oberrhein (IHK). Der schwelende Handelskrieg werde schmerzhaft für exportorientierte Betriebe in der Region sein. Die USA sind der mit Abstand wichtigste Absatzmarkt für Waren aus Baden-Württemberg (siehe auch folgende Seiten). Europa müsse zusammenrücken, der EU-Binnenmarkt gestärkt werden. Dazu bedürfe es einer starken deutsch-französischen Achse: „Wir müssen wieder mehr auf Frankreich zugehen als zuletzt.“
Anfang Mai hat die EU der US-Regierung laut Handelskommissar MaroŠ Šefčovič angeboten, für jährlich 50 Milliarden Euro Flüssiggas und landwirtschaftliche Produkte zu kaufen. Denn wer neben den Waren auch den Export US-amerikanischer Dienstleistungen in die EU berechne, komme auf ein Handelsdefizit in etwa der Höhe. Und das lasse sich durch den Zukauf schnell ausgleichen.
Volker Spietenborg, einer der beiden Vorstände der Freiburger Volksbank, ist vom angezettelten Handelskrieg nicht überrascht. „Das Thema ist nicht neu, Trump macht jetzt Protektionismus gegen das Handelsdefizit. Das aber sehr sprunghaft.“ Eine Spirale an Zöllen bringe volkswirtschaftlichen Schaden. Nur mit dem Finger über den Großen Teich zu zeigen, hält er aber für falsch: „Europa hat sich jahrzehntelang auf die USA verlassen, die als Friedenspolizist viel Geld für Europas Sicherheit bezahlt haben.“
Spielball zwischen China und USA
Nun müsse die EU Geschlossenheit beweisen: „Wann, wenn nicht jetzt? Wir müssen stärker werden, sonst werden wir zum Spielball zwischen China und den USA. Denn die wollen die Welt neu aufteilen. Das ist eine Steilvorlage für Europa.“ Es müsse auch eine gemeinsame Verteidigungspolitik geben, gemeinsame Rüstungsgüter. Insgesamt empfiehlt der Vorstand, Trump nicht ganz so viel Aufmerksamkeit zu schenken.
Für Christoph Münzer, Hauptgeschäftsführer des Wirtschaftsverbands Industrieller Unternehmen in Baden (wvib), vollführt Trump einen „handelspolitischen Amoklauf“. Mehr Zollbarrieren habe es zuletzt vor über 100 Jahren gegeben. Die Folgen würden überall auf der Welt und „erst recht im Schwarzwald zu spüren“ sein. Am stärksten aber „wird der Dealmaker Trump der eigenen Wirtschaft schaden“. Auch er mahnt eine selbstbewusste Reaktion der EU an: Brüssel muss verhandeln, sollte aber „nicht ohne Drohpotenzial nach Washington fahren“.
Langfristig ist eine harte Zollpolitik auch für die USA riskant, etwa durch steigende Inflation oder Druck auf die Kapitalmärkte, sagt Werner Krieger, Kapitalmarktanalyst und Geschäftsführer der GFA Vermögensverwaltung GmbH: „Trump wird auf Widerstand aus Wirtschaft und Finanzmärkten stoßen und Zugeständnisse machen müssen.“ Der von Trump gewollte Arbeitsplatzzuwachs in den Staaten sei durch die Abhängigkeit von globalen Lieferketten aber limitiert.
Langfristig verschärft sich durch die aktuelle Entwicklung auch der globale Wettbewerb um Rohstoffe – mit möglichen politischen Spannungen bis hin zu militärischen Konflikten: „Wir bewegen uns auf eine multipolare Weltordnung zu, in der die USA und China die dominierenden Kräfte sein werden.“ So sei Trumps Zollpolitik auch als Teil eines umfassenderen geopolitischen Spiels zu sehen.
Chancen für Europa sieht Krieger nur, wenn die EU geschlossen agiert und auch neue Partnerschaften, etwa mit Südamerika oder Afrika, aktiv vorantreibt. Und Standortnachteile wie hohe Energiekosten, Steuern und Bürokratie abbaut. Die GFA sieht auf dem Aktienmarkt zudem großes Potenzial in europäischen Nebenwerten.
Auch der Alltag von Claus Walter, Geschäftsführer der Freiburger Vermögensmanagement GmbH (FVM), hat sich geändert: „Wir waren jetzt mal häufiger auf Fox News unterwegs, das ist eine völlig andere Welt. Dort werden die Trump-Wähler von morgens bis abends nur noch berieselt, die nehmen eine andere Realität wahr als wir.“ Trumps Haussender zeigt dem Publikum tatsächlich einzelne Produkte, die seit dem Amtsantritt billiger geworden sind. Benzin etwa. Was bei einer schrumpfenden Wirtschaft wahrlich keine Sensation ist.
Auch Walter glaubt nicht an einen langfristigen Erfolg von Trumps Zollpolitik: „Der freie Welthandel, der teilweise auch zu ungezügelt war, hat für Wohlstände gesorgt in allen Ländern, weil die arbeitsteilige Welt effizient und günstig ist.“ Zölle kosten Wachstum und Wohlstand, heizen Vebraucherpreise und Inflation an. Und wenn ein Unternehmen die höheren Kosten nicht an die Kunden weitergeben kann, schmälere das die Gewinne und damit auch Möglichkeiten für Reinvestitionen.
Bis Februar war das FVM-Team überzeugt, dass die Zoll-Tiraden nur ein Druckmittel seien, wie in der ersten Amtszeit, um sich Vorteile zu verschaffen, um entsprechende Produktionen wieder ins Inland zu verlagern. „Was uns wieder beruhigt hat, Trump hat reagiert, als die Anleihezinsen, die langfristigen Renditen, auf viereinhalb Prozent gestiegen sind. Da hat er gezuckt und hat die Zölle 90 Tage ausgesetzt.“ Die Kapitalmärkte seien die einzige Instanz, die Trump wieder zur Vernunft gebracht haben. „Nach dem Motto, Achtung, wir vertrauen dir nicht mehr, wir verlangen viel mehr Zins, wir finanzieren dich nicht mehr.“
Die Wirtschaft in den USA ist im ersten Quartal geschrumpft. Der Dollar hat seit dem 2. April, von Trump als „Liberation Day“ oder „einer der wichtigsten Tage in der amerikanischen Geschichte“ bezeichnet, von anderen als „Black Monday“, gegenüber dem Euro zehn Prozent verloren. Der DAX ging am 2. April wenige Minuten nach Handelsbeginn um zehn Prozent in die Knie – ein Börsenbeben im Format der Lehman-Pleite oder des Corona-Schocks.
In New York zementierte sich beim Dow Jones die verlustreichste Börsenwoche seit Jahren. Allein die vier US-Tech-Milliardäre Elon Musk (114), Jeff Bezos (36), Marc Zuckerberg (22) und Jen-Hsun Huang (21,6) verloren seit dem 2. April laut Bloomberg Billionaires Index zusammen 194 Milliarden US-Dollar.
»Mit der ganzen Welt im Krach«
Daniel Zeiler, Vorstandsvorsitzender der Freiburger Sparkasse, ist bei dem zelebrierten Zollzoff „gar nicht so pessimistisch. Da wird es Deals geben. Trump gefällt sich zwar als Systemzerstörer, aber er kann sich nicht erlauben, mit der ganzen Welt im Krach zu sein.“ Es ist eine „uralte volkswirtschaftliche Lehre mit komparativen Kostenvorteilen“. Jeder soll das produzieren, was er am besten und am kostengünstigsten kann: „An dem Gesetz wird auch Trump nicht vorbeikommen.“
Steigende Zölle würden keine neue Automobilproduktion in den USA bringen, steigende Preise und fallende Aktienkurse bei den kapitalmarkaffinen Amerikanern keinen Beifall auslösen. Zumal die Altersvorsorge der Amis größtenteils auf Aktien aufbaut. Der Bankboss findet es nebenbei befremdlich, dass von der amerikanischen Börsenaufsicht, eine der strengsten der Welt, kein Ton zu hören ist, wenn der Präsident erst Zölle verkündet, dann morgens schreibt, „heute ist ein guter Tag zum Kaufen“ und vier Stunden später die Zölle für 90 Tage aussetzt. Schlimmer als die Zollwut aber sei das erratische, das nicht verlässliche Verhalten, keine klaren Strukturen, keine klaren Rahmenbedingungen.
Die gewerblichen Kunden der Sparkasse seien bisher kaum betroffen. Es gebe aber beispielsweise ein erfolgreiches Medizintechnik-Unternehmen, das von ihrem Kunden, ein Pharmakonzern, gefragt wurde, ob es mit in die USA gehen würde, um dort auch zu produzieren. Aber durch die extreme Unsicherheit würde derzeit kein Firmenlenker weitreichende Investitionsentscheidungen treffen.
Was bei den lärmenden Debatten um die Zölle nahezu keine Rolle spielt: Europa hat einen größeren Binnenmarkt als die USA, es ist der größte gemeinsame Wirtschaftsraum der Welt. Das weiß auch Zeiler: „Europa muss mehr zusammenstehen. Und ich gehe sogar so weit, dass wenn es dann ein paar Staatslenker gibt, die querspielen, dann muss es halt ohne die stattfinden.“ Die Namen von Viktor Orbán oder Recep Tayyip Erdoğan nennt er nicht. Würde Zeiler, wenn Trump anfragt, einen Kredit vergeben? „Nein.“
Collage: Savana Bonfig, freepik.com
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