Aufziehende Gewitterwolken – Die Wahl von Donald Trump ist ein Riesenproblem für die Wirtschaft Gesellschaft | 14.11.2024 | Lars Bargmann

Weiße Haus mit Gewitter

Die Amerikaner haben es wieder getan. Sie haben Donald Trump zum 47. Präsidenten der zerrissenen Staaten von Amerika gemacht. Was folgt daraus für die südbadische Wirtschaft? „Der amerikanische Zeitgeist ist Gift für unsere Wirtschaft“, sagt Dieter Salomon, Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Südlicher Oberrhein (IHK). „Das Berechenbarste an Trump ist seine Unberechenbarkeit. Er wird sicher für wirtschaftliche und politische Turbulenzen sorgen“, kommentiert Bert Sutter, Präsident des Wirtschaftsverbands Industrieller Unternehmen Baden (WVIB).

Ein Donnerstagabend in der Meckelhalle am Hauptsitz der Freiburger Sparkasse an der Kajo. Der Vorstand mit Daniel Zeiler, Bernd Rigl und Lars Hopp hatte zum Unternehmerforum eingeladen. Zwei Tage nach der US-Wahl. Rund 200 Firmenlenker waren gekommen. Arthur Landwehr, USA-Hörfunk-Korrespondent und Autor des Spiegel-Bestsellers „Die zerrissenen Staaten von Amerika“, analysierte, warum die Amerikaner einen Mann zu ihrem obersten Repräsentanten gewählt haben, den wohl niemand als Familienoberhaupt haben möchte. Sie versprechen sich schlicht ein besseres Leben. Vor allem auf dem Land. Vor allem, wenn sie zwischen 30.000 und 100.000 Dollar im Jahr verdienen. Landwehr nennt das „die Mittelschicht“.

Als Redner trat auch Rolf Schäffer auf die Bühne. Schäffer, blauer Anzug, weiße Socken, weiße Schuhe, leitet bei der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) die Gruppe Strategy/Macro. Er analysierte, was die Wahl von Trump für Deutschland bedeuten könnte. Man könnte das auch ohne viele Worte an einer schlichten Nachricht ablesen: Die LBBW hat ihre Wachstumsprognose für 2025 von + 0,7 auf - 0,2 Prozent angepasst. In Deutschland liegt die Exportquote, der Anteil am Bruttoinlandsprodukt, bei 47,9 Prozent. Der Exportweltmeister aber hat eine schwer zu gewinnende Partie vor sich: Trump hat Strafzölle angedroht, mal zehn, mal zwanzig Prozent, mal sechzig Prozent. Je nach Tagesform und adressiertem Staat. Es gilt als sicher, dass Zölle kommen, dass Trump sein Land in einen Handelskrieg führen wird. „Das produziert am Ende aber nur Verlierer“, sagt Schäffer.

Bert Sutter: Mehr 
Markt, weniger Staat

Bert Sutter: Mehr Markt, weniger Staat

Deutschland ist vom protektionistischen Kurs besonders betroffen – und in Deutschland vor allem Baden-Württemberg. „Die America-first-Politik und die zu erwartenden Einfuhrzölle drohen auch Betriebe aus der Region hart zu treffen“, sagt Salomon. Etwa 200 Unternehmen im Kammerbezirk exportieren Waren in die Vereinigten Staaten. Großunternehmen wie Testo, Duravit oder Sick betreiben dort eigene Standorte: „Trumps protektionistische Politik würde unsere exportorientierte Wirtschaft vor ein Riesenproblem stellen“, sagt Salomon. Einfuhrzölle würden deutsche Produkte in den USA erheblich verteuern. In Deutschland produzierende Unternehmen sind unter diesen Bedingungen auf dem US-amerikanischen Markt kaum mehr konkurrenzfähig. „Das Ziel ist klar“, sagt der Freiburger IHK-Chef, „deutsche Arbeitsplätze sollen in die USA verlagert werden.“

Nach Angaben des Statistischen Landesamts investierten baden-württembergische Unternehmen im Jahr 2022 rund 29 Prozent ihrer Direktinvestitionen in den USA. 92,7 Milliarden Euro. In Gegenzug flossen 5,6 Milliarden US-Investitionen ins Ländle.

Zur Wahrheit, so Salomon, gehöre aber auch, dass Trump und Kamala Harris in der Handelspolitik keine Welten trennen. Seit Jahren erlebt der Protektionismus in den USA eine Renaissance: „Der amerikanische Zeitgeist ist Gift für unsere Wirtschaft.“

Schon Bidens Ökoprogramm verfolgte den Zweck, Arbeitsplätze aus dem Ausland in die Staaten zu holen. „Trumps Zollpolitik wird diesen Abwanderungsdruck auf unsere Unternehmen verstärken“, warnt Salomon, der vor wenigen Wochen mit einer Delegation regionaler Unternehmen in Washington und Chicago war.

Schäffer erinnerte in der Meckelhalle daran, dass die Republikaner früher Verfechter von Freihandelszonen gewesen seien. „Das Berechenbarste an Trump ist seine Unberechenbarkeit. Er wird sicher für wirtschaftliche und politische Turbulenzen sorgen und die gesellschaftliche Spaltung des Landes nicht überwinden“, hatte WVIB-Präsident Bert Sutter am 6. November mitgeteilt. Protektionismus und Handelskriege seien zu befürchten: „Für Europa wird das wirtschaftlich und militärisch teurer.“

Die Entwicklung nach der Machtübernahme ist in jedem Fall ein „Weckruf an Europa und Deutschland“, an der eigenen politischen und sicherheitspolitischen Selbstständigkeit zu arbeiten und als Wirtschaftraum wettbewerbsfähiger zu werden. Das Motto müsse sein: Mehr Markt und weniger Staat, „sonst schaffen wir die Veränderungsgeschwindigkeit nicht“.

Abends drauf spricht auch er in der Meckelhalle: „Wenn die Zölle kommen, dann wird sofort verhandelt.“ Die EU würde ja auch nicht tatenlos zusehen. Die Sutter Medizintechnik GmbH beschäftigt 170 Menschen am Hauptsitz in Emmendingen und an den Vertriebsstandorten in Georgia (USA) und Shenzen (China). Die angekündigten Steuersenkungen in den Staaten nimmt er mit. Sagt aber auch: Wir sind nicht groß genug, dass das maßgeblichen Einfluss auf die Bilanz haben wird. Amerika sei jedenfalls für Produkte der Medizintechnik ein „irrsinnig attraktiver Markt“. 40 Prozent des Umsatzes machen dort 4 Prozent der Bevölkerung.

Sutter sagt aber auch, dass er viele Geschäftsleute kenne, die Angst vor Trumps Einfluss auf die FED (Federal Reserve System, US-Notenbank) haben. Trump will im Prinzip, dass die FED nach seiner Pfeife tanzt. Also nicht das macht, wofür sie gegründet wurde, Geldpolitik, sondern das macht, was politisch gerade hilfreich ist. „Jegliche politische Einwirkung auf die Unabhängigkeit der Notenbanken ist ganz schlecht“, sagt Uwe Barth, Vorstandsvorsitzender der Freiburger Volksbank. Auch die Genossen haben viele mittelständische Kunden mit Geschäftsbeziehungen in den USA. „Bei denen macht sich große Unsicherheit breit.“

Die Europäische Zentralbank hat sich allerdings in den vergangenen 15 Jahren in Sachen Geldpolitik auch nicht mit Ruhm bekleckert. Die niedrigen Zinsen, sogar Negativzinsen, waren auch politisch motiviert. Und sind nach der hektischen Gipfelfahrt mit neun Zinserhöhungen zwischen September 2022 und September 2023 Teil des aktuellen Problems. Nicht zuletzt in der Immobilienbranche.

Trumps angekündigte Richtungswechsel werden den USA dank der Steuergeschenke auch neue Schulden bescheren. Die USA stehen aktuell mit rund 36 Billionen US-Dollar in der Kreide. Die Schuldenquote (Verhältnis Schulden zum Bruttoinlandsprodukt) ist mit 118 Prozent heute schon doppelt so hoch wie in Deutschland. Am Tag nachdem Kanzler Olaf Scholz seinem Schuldenbremse predigenden Finanzminister Christian Lindner den Stuhl vor die Tür stellte, kann sich LBBW-Stratege Schäffer deswegen eine kleine Spitze nicht verkneifen: „Wir könnten es uns durchaus leisten, ein bisschen mehr auszugeben.“

Von wegen alles so schön bunt hier:
Wenn Trump seinen Protektionismus
durchzieht, wird das auch Südbaden-
Land treffen.

Von wegen alles so schön bunt hier: Wenn Trump seinen Protektionismus durchzieht, wird das auch Südbaden- Land treffen.

Was also tun gegen die drohenden Handelskriege? Aus Salomons Sicht lautet die wichtigste Lehre: „Europa muss zusammenrücken, um im Handelskonflikt der beiden Großmächte USA und China nicht zerrieben zu werden.“ Dazu aber bedürfe es allem voran einer starken deutsch-französischen Achse, wovon insbesondere auch Südbaden profitieren würde: „Doch leider sprechen Deutschland und Frankreich momentan nicht mit einer Stimme. „Und an diesem unterkühlten Verhältnis“, betont Salomon, „trägt nicht Macron Schuld.“

Das Ländle und die USA

Einwohner:

The Länd hat 11,3 Millionen, die USA 335 Millionen. In BW lebten Ende 2023 rund 176.000 Menschen mit amerikanischem Pass. Bei der Bevölkerungsdichte ist es umgekehrt: In BW leben 318 Menschen auf einem Quadratkilometer, in den USA 36.

Lebenserwartung:

Ein neugeborener Junge aus dem Südwesten hat heute eine Lebenserwartung von 79,6 Jahren. Ein Mädchen eine von 83,9 Jahren. In den USA hat ein Junge 74,8 Jahre, ein Mädchen 80,2 Jahre.

Investitionen:

BW-Unternehmen investierten 2022 rund 92,7 Milliarden Euro in den USA. US-Firmen 5,6 Milliarden in BW. 5,6 Prozent des BIPs wurden in BW 2021 in Forschung und Entwicklung (FuE) investiert. Die höchste FuE-Intensität übrigens in der Europäischen Union. In den USA beträgt die FuE-Intensität 3,5 Prozent, in Kalifornien aber 6,9 Prozent. Die FuE-Investitionen Kaliforniens sind höher als die von Deutschland insgesamt.

Tourismus:

2023 meldeten die Beherbergungsbetriebe im Südwesten mit 10 und mehr Betten rund 259.000 US-Gäste mit über 720.000 Übernachtungen.

CO2-Ausstoß pro Kopf:

2022 lagen sie in BW bei 5,8 Tonnen. In den USA sind es knapp 15 Tonnen

Fotos: © iStock.com/Willard, WVIB, iStock.com/bryanregan