„Jetzt wäre der richtige Zeitpunkt“: Holger Thiemann über die Internationale Kulturbörse Freiburg IKF STADTGEPLAUDER | 26.02.2022 | Holger Thiemann

Holger Thiemann

Pappnasen-Veranstaltung hatte Uli Homann, erst kürzlich verstorbenes Freiburger Journalisten-Urgestein, die Internationale Kulturbörse Freiburg (IKF) mal despektierlich bezeichnet. Einige Jahre später, die „Fachmesse für Bühnenproduktionen, Musik und Events“ war aus den Kinderschuhen und vom Bürgerhaus Seepark in die Neue Messe umgezogen, gehörte Homann zu den treuesten Besuchern.

Die IKF hat sich internationale Anerkennung erworben. Nun aber müssen wichtige Entscheidungen getroffen werden, schreibt IKF-Gründer Holger Thiemann in seinem Gastbeitrag.

Die kleine Homann-Episode verdeutlicht ein Grundmuster, das bis in die Gegenwart zu spüren ist: mangelnde Wahrnehmung und eine eher bescheidene Wertschätzung durch die Verantwortlichen; von einer selbstbewussten und offensiven Außendarstellung für ein so besonderes kulturelles Angebot ganz zu schweigen. Das wundert umso mehr, weil die IKF nicht nur bundesweit, sondern auch international seit vielen Jahren anerkannt und geschätzt wird.

Auf dem Freiburger Branchentreffen haben die Akteure der Szene die Chance, sich auszutauschen, Eindrücke und Ideen zu holen, neue Produktionen zu sehen und – last but not least – neue Talente zu entdecken. Alfons, Bülent Ceylan, Carolin Kebekus, Eckart von Hirschhausen, Torsten Sträter, Florian Schroeder, Lisa Eckhart, Luise Kinseher, Olaf Schubert usw. haben der IKF zwar nicht alles, aber doch sehr viel zu verdanken.

Und es ist beileibe nicht nur die Kleinkunst, um die sich alles dreht. Tanz, Straßentheater, Performances, Licht- und Klangerlebnisse, Musik und andere künstlerische Ausdrucksformen spielen eine immer wichtigere Rolle. Durch die Kombination von klassischer Messe und umfangreichem Live-Programm schaffte es die IKF jedes Jahr, Freiburg für vier Tage zum Mittelpunkt einer pulsierenden und finanziell expandierenden Branche zu machen. Die IKF ist zwar kein Festival, sondern primär fürs Fachpublikum gedacht. Aber ein Theater, ein Museum gibt es nahezu in jeder größeren Kommune, eine internationale Kultur-Fachmesse auf diesem Niveau nur in Freiburg. In dieser Einzigartigkeit liegt eine ihrer entscheidenden Stärken. Und diese Pole-Position gilt es zu verteidigen.

Nicht einfach weitermachen

Die Voraussetzungen dafür sind nicht schlecht: Viele Künstler und Gruppen müssen sich neu positionieren, verloren gegangene Strukturen neu aufbauen, das durchlöcherte Netz von Kontakten, Verbindungen und Austausch wieder flicken. Die IKF ist dafür der richtige Ort. Aber auch sie hat unter der Pandemie gelitten. Konnte sie 2021 mit viel Anstrengungen noch online durchgezogen werden, musste sie in diesem Jahr komplett abgesagt werden. Eine schwierige Situation. Und nun?

Nach zwei Jahren Pause ist es nicht möglich, einfach weiterzumachen, wo man aufgehört hat; dazu haben sich die Rahmenbedingungen zu sehr verändert. Eine IKF 2023 gleicht einem Neuanfang – und jeder Anfang ist schwer. Mit der bisherigen finanziellen, strukturellen und personellen Ausstattung wird er nicht gelingen! Seit Jahren arbeiten die Organisatoren am Limit ihrer Möglichkeiten. Jetzt wäre der richtige Zeitpunkt, um das zu ändern.

Notwendig ist aber erst einmal ein klares Bekenntnis des Veranstalters (FWTM) und der Stadt zu einer 35. IKF. Dass ihnen dies schon immer ein wenig schwergefallen ist, mag am Fachcharakter liegen, aber auch daran, dass die Messe kein Goldesel ist und dies auch nie werden wird. Demgegenüber steht jedoch eine herausragende und renommierte Veranstaltung, die Freiburg gut ansteht und vielen Kulturschaffenden hilft – in guten wie in schlechten Zeiten.

Zur Person
Holger Thiemann, 68, war 1989 der Gründer der Freiburger Kulturbörse und gab nach der 30. IKF den Staffelstab an Susanne Göhner weiter. Thiemann leitete zuletzt das Freiburger Stadtjubiläum.

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