Crash fürs Crash: 50.000 Euro Mietschulden – Rathaus fordert Räumung Ende Juli Szene | 16.07.2026 | Till Neumann
"Ich in sprachlos": Mario Held leitet das Crash seit 39 Jahren - und will weitermachen.
Seit 39 Jahren führt Mario Held (66) das Crash. Jetzt steht der Laden vor dem Aus. 50.000 Euro Mietschulden hat Held der Stadt Freiburg gegenüber. Die Verwaltung teilt ihm mit: Er hat keinen Mietvertrag mehr, muss die Fläche bis zum 31. Juli räumen. Die Hoffnung, es noch zu drehen, ist klein.
„Keine Mahnung“
„Ich bin sprachlos“, sagt Mario Held. Der Crashbetreiber steht im schwarzen Shirt an der leeren Theke im Untergeschoss des Clubs. Am 2. Juli hat ihm die Stadt schriftlich mitgeteilt, dass sein Laden keine Zukunft mehr hat: „Beendigung der Nutzung und Aufforderung zur Räumung“, heißt es in dem Schreiben, das dem chilli vorliegt. Die Gründe: enorme Mietschulden und kein schlüssiges Konzept, wie er sie zurückzahlen möchte.
1100 Euro Miete zahlt Mario Held monatlich an die Stadt. Die Mietschulden beziffert er auf 50.000 Euro. Rathaus-Sprecher Toni Klein teilt mit: „Mietzahlungen erfolgen schon seit längerem sehr unregelmäßig und unvollständig. Der letzte Zahlungseingang war im Herbst letzten Jahres.“ Held ist dennoch überrascht vom Vorgehen: „Ich habe zweimal ein Schreiben von der Verwaltung bekommen, aber keine Mahnung.“ Nun möchte er sich juristisch beraten lassen. Fakt ist für ihn: Das Crash bis Ende Juli zu räumen, „das schaffe ich nicht“.
Hoffnung? „Keine“
Ein Gespräch mit seinem Anwalt ist nun der letzte Versuch, etwas zu drehen: „Wenn die rechtlichen Wege nichts mehr hergeben, dann schließe ich.“ Wirklich glauben tut er daran nicht. Wie viel Hoffnung er hat, weitermachen zu können? „Keine“, sagt Held.
39 Jahre hat er das Crash geleitet. Zuvor war der gebürtige Freiburger hier Türsteher. Nach einer Schließung des Ladens im Jahr 1985 eröffnete er den Club im Mai 1987, so Held. Der Ort wurde über die Jahre Kult. Düster, laut und wild ging es dort zu. Mit Konzerten und Partys der härteren Sorte gehörte das Crash zu Freiburg wie Bächle, Münster und SCF.

Bald Geschichte? An der Theke herrscht gähnende Leere
Es keimte Hoffnung
Doch seit der Pandemie ging es bergab: „Die Schulden habe ich in den Jahren seit der Corona-Krise angesammelt“, berichtet Held. Im März 2026 meldete er Insolvenz an, schloss das Crash, startete ein Crowdfunding. Knapp 24.000 Euro kamen zusammen. Bezahlt werden sollten damit auch Stromschulden bei der Badenova. Auf 17.000 Euro bezifferte Held sie im April. So hoch, dass der Energieversorger den Saft abdrehte. Bitter für die Spender·innen: Ihr Geld hat der Insolvenzverwalter als „Insolvenzmasse“ einbehalten. Gerettet hat es den Laden nicht.
Held blieb optimistisch, wollte im Juni wieder aufmachen. Doch es kam zu Verzögerungen, das Team konzentrierte sich auf das Erstellen eines neuen Konzepts. Drei Eckpunkte: Die Getränkepreise sollen nach fünf Jahren erstmals erhöht werden, ein Eintrittspreis von rund drei Euro kommen, Technopartys sollen wegfallen, dafür mehr Konzerte steigen. Zudem gab es Überlegungen, die Kneipe Eimer – obdachlos seit April – mit ins Crash zu integrieren. Hoffnung keimte auf.
„Schulden kann ich zurückzahlen“
Von der Kündigung wurde Held dann kalt erwischt: „Ich finde es schlimm, dass man mit jemandem, der 39 Jahre lang den Laden geführt hat, in dieser Weise umgeht.“ So einen Betrieb könne man nicht in vier Wochen abwickeln. Er habe in 39 Jahren nie Geld von der Stadt bekommen, alles selbst finanziert. Held war und ist überzeugt: „Die Schulden kann ich zurückzahlen.“
Mit einem gut funktionierenden Konzertbetrieb sei das bis 2028 möglich. Beispielsweise mit der Show von „Stick to your Guns“, geplant für den 26. Juli. 300 Tickets seien dafür verkauft. „Das würde ausverkauft werden“, ist er überzeugt. Soll heißen: 700 Tickets. Doch das Konzert ist mittlerweile in den Kulturraum verlegt.

Wollten gemeinsame Sache machen: Mario Held vom Crash und Tobias Schmutz vom Eimer.
„Hätte Gespräch suchen sollen“
Das Rathaus möchte jedoch nicht mehr verhandeln: „Es konnte kein schlüssiges Betriebskonzept vorgelegt werden“, teilt Sprecher Toni Klein mit. „Wir haben seither mehrfach Fristen gesetzt, die verstrichen sind.“ Die Kommunikation mit Mario Held sei viele Jahre relativ zuverlässig gelaufen. Doch „zuletzt wurde es zunehmend schwieriger“.
Ob er Fehler gemacht hat? „Ich hätte vielleicht früher auf die Stadt zugehen sollen und das Gespräch suchen“, erklärt Held. Das habe er nicht getan. „Weil ich niemals gedacht hätte, dass die kündigen – von einem Tag auf den anderen.“ Erst sei es ihm mündlich mitgeteilt worden, ein paar Tage später schriftlich. Den Laden sieht er als sein Baby: „Ich lebe mit dem Crash seit 39 Jahren. Es ist schon schwierig, wenn man so etwas hergeben muss.“ Das verstehe jeder, der Kinder hat. Und: „Das ist nicht mein Crash, es gehört jedem Gast.“
Übergabe doch denkbar
Auch die IG Subkultur Freiburg beschäftigt sich mit dem Fall. Auf chilli-Anfrage teilt sie mit: „Wir fordern: Die Fläche muss aus Bestandsschutz für kulturelle Nutzung mit neuem Konzept erhalten bleiben.“ Die Perspektive eines Ausschreibungsverfahrens mit Nutzungssperre für potentielle zwei Jahre oder länger sei inakzeptabel. Das IG-Subkultur-Team verweist auf die vom Kulturamt durchgeführte Potentialanalyse, in der der kulturelle Wert des Ortes hervorgehoben werde. Ihr Fazit: „Durch eine weitere Clubschließung ohne Anschlusslösung verliert Freiburg einen weiteren attraktiven Standortfaktor.“
Zwischen den Zeilen heißt das Statement: Auch die IG gibt dem Crash keine Zukunft. Damit könnte sich nach etwas Reflexion auch Mario Held abfinden. Direkt nach der Kündigung „hatte ich eine Trotzreaktion“, sagt Held. Jetzt ergänzt er: „Ich will das Crash übergeben.“ An wen, wisse er noch nicht. Wichtig bleibt ihm: Der Laden soll einen anderen Namen bekommen. Rechtlich möchte er das absichern lassen. Um sich selbst mache er sich keine Sorgen. Um das subkulturelle Leben der Stadt schon.

Viel passiert: Der Crash-Saal ist für viele Freiburger*innen mit Erinnerungen verbunden.
Rathaus sieht keine Zukunft
Für Freiburgs Kulturbürgermeister Roland Meder ist das eine Herausforderung, der man sich stellt. Schon im April schrieb er dem chilli zur Insolvenz des Betriebs: „Der Crash-Club genießt in Freiburg Kultstatus.” Er habe sich seit den 1980er-Jahren zu einem wichtigen Treffpunkt der Subkultur entwickelt. Jetzt stehe man vor der herausfordernden Aufgabe, die Clubkultur für die Zukunft neu aufzustellen. Meder: „Eine lebendige Musik- und Nachtkultur braucht Orte mit guten Rahmenbedingungen, um einen wirtschaftlichen Betrieb zu ermöglichen.” In der Stadtverwaltung scheint heute glasklar zu sein: Diese Voraussetzungen erfüllt das Crash nicht.
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