Wohlklang in Wellen: Das „Radiostüble“ in Freiamt STADTGEPLAUDER | 06.04.2022 | Wolfgang Speer
Echte alte Radiogeräte sind Zeitzeugen. Als vor 100 Jahren der Rundfunk startete, begann eine spannende Entwicklung. Doch wer kennt diese Geräte im Zeitalter von Internet und Smartphone noch? Im Radiostüble Freiamt gibt es die Geschichte, live zum Anfassen.
Im Jahr 2016 erwarb der Kurator Heinrich Hippenmeyer eine Radiosammlung – damit war die Idee zum Radiostüble Freiamt geboren. Die interessante Präsentation im Dachgeschoss des „Bäule“ auf dem Freihof-Gelände im Ortsteil Ottoschwanden präsentiert die Entwicklung des Radios von Anfang an. Die Sammlung erzählt dabei zwei Geschichten: die der Technik und die der Kultur.
Eine Treppe führt unters Dach, in einer gemütlichen Stube sind rechts und links Radios gestapelt. Die Apparate sind alt, aber optisch und technisch im besten Zustand. So feiert das älteste Gerät, ein Detektorempfänger, gerade seinen hundertsten Geburtstag. Mit diesen Detektoren empfingen Haushalte ab 1922 die ersten Aussendungen. Nebenan stehen Röhrengeräte ab 1930, zum Beispiel ein Volksempfänger, den Saba im Schwarzwald baute. Darunter eine besondere Rarität: Ein „Universal“ Heimstudio-Empfänger von Lorenz, ein exklusives Radio in der Truhe, mit integriertem Plattenspieler und einem „Drahtophon“ zum Aufnehmen und Abspielen von Musik auf einem Draht, eines der ersten Tonbandgeräte.
Nebenan macht ein „Notempfänger“ von 1949 darauf aufmerksam, dass durch Kriegsfolgen Bauteile fehlten und nur einfache Geräte gefertigt wurden. Was für den unten stehenden, in Wien produzierten „Minerva“-Großempfänger im edlen Holzgehäuse, nicht zutrifft. Daneben die beiden Lieblingsgeräte des Kurators: Ein Saba im Bakelitgehäuse, mit einer besonderen Rund-
skala von 1935, und das Kofferradio „Weltspiegel“ 1936 von Lorenz.

Perfekte Klangqualität
Hinten stehen Geräte der 50er- und 60er-Jahre. Da der Wellenplan die Senderbelegung im Lang- und Mittelwellenbereich ab 1950 neu festlegte, sind diese Radios mit neuen Skalen bestückt. Neben einfachen Apparaten im Kunststoffgehäuse fallen Luxuriöse im polierten Holzgehäuse und mit UKW-Empfang auf. So die Siemens „Schatulle“ von 1957, „die war fürs exquisite Wohnzimmer gedacht und lässt sich mit Flügeltüren verschließen“, erzählt Hippenmeyer. Oder der „Stradivari“, 1960 in Staßfurt gebaut: Mit drei Kurzwellenbändern, speziellem Klangregister und Edelholz-Gehäuse optisch und akustisch ein Flaggschiff. Der Kurator schaltet den „Stradivari“ ein und lauscht begeistert: „Der weiche Sound von Röhrenradios gleicht einem Wohlklang, der auch heute noch beliebt ist.“ Die perfekte Klangqualität überzeugt.
Die Sammlung erweckt Erinnerungen an die damalige Radio-Zeit, gerade bei älteren Besuchern. Jüngere staunen über das mit Röhren bestückte Innenleben und über eine geniale Technik der Vergangenheit. Die hat jedoch die Grundlagen für die heutige Onlinewelt gelegt.
INFO:
Das Radiostüble
öffnet von April bis Oktober immer freitags von 15–17 Uhr.
Zur gleichen Zeit sind Heimat- und Turmuhrenmuseum geöffnet.
Anfahrt: 79348 Freiamt, Ortsteil Ottoschwanden, Freihof 11
Fotos: © Wolfgang Speer










