Buch-Tipp: ë – Unvergangene Vergangenheit 4Literatur & Kolumnen | 22.10.2025 | Erika Weisser
Die namenlose junge Frau spricht nicht viel. Schon als Kind hat sie den Mund kaum aufgekriegt, hat oft vergeblich nach den richtigen Worten gesucht. Geplagt von höllischen Kieferschmerzen sucht sie einen Zahnarzt auf. Er stellt fest, dass ihre Kiefer von jahrelangem nächtlichen Zähneknirschen derart geschädigt sind, dass nicht nur innere, sondern auch äußere Sprachlosigkeit droht.
Dabei ist sie mehrsprachig: Als kleines Kind ist sie mit ihrer Albanisch sprechenden Familie vor dem Krieg im Kosovo geflohen, ist auch mit Deutsch aufgewachsen, hat sich in der Schule weitere Sprachen angeeignet. Doch sie muss erkennen, dass sie angesichts der Zerstückelung ihres Lebens, der nicht vergehenden Vergangenheit stumm bleibt. So wie der für das Albanische eigentlich identitätsstiftende Buchstabe „ë“. Da hilft auch die verschriebene Knirschschiene nicht.
Der außergewöhnliche Roman, in dem es um die Überwindung der Grenzen des sprachlichen Ausdrucks für traumatisierende Erfahrungen geht, ist für den deutschen Buchpreis nominiert.
Am 24. Oktober ab 19.30 Uhr kommt Jehona Kicaj zur Lesung in der von Literaturhaus und Studierendenwerk veranstalteten Reihe „Zwischenmiete – Junge Literatur in WGs“ in die Reiterstraße 29.

ë
von Jehona Kicaj
Verlag: Wallstein, 2025
176 Seiten, gebunden
Preis: 22 Euro











