Gelebte Mondialität – Reinhold-Schneider-Preis 2025 für die Literaturübersetzerin Beate Thill 4Literatur & Kolumnen | 20.11.2025 | Erika Weisser

Freude über die Anerkennung: Die literarische Übersetzerin Beate Thill ist in mehreren Sprachen zu Hause und wird mit dem Reinhold-Schneider-Preis der Stadt Freiburg für ihr Lebenswerk ausgezeichnet. Freude über die Anerkennung: Die literarische Übersetzerin Beate Thill ist in mehreren Sprachen zu Hause und wird mit dem Reinhold-Schneider-Preis der Stadt Freiburg für ihr Lebenswerk ausgezeichnet.

Schon seit 1960 vergibt die Stadt Freiburg den Reinhold-Schneider-Preis – als Kulturpreis für die Bereiche Bildende Kunst, Literatur, Musik, Darstellende Künste sowie Fotografie/Film/Neue Medien. ­Heuer werden Freiburger Literaturschaffende ausgezeichnet: Der mit 15.000 Euro dotierte Hauptpreis geht an die literarische Übersetzerin Beate Thill.

Sie hatte schon immer den Blick über alle möglichen Grenzen, sprach schon immer zwei Sprachen – in Zeiten, da dies alles andere als selbstverständlich war: Beate Thill wuchs in den 1950er-Jahren in der Ortenau auf; ihre Mutter stammte aus der Nähe von Colmar, ihr Vater aus Berlin. In der Familie wurde Französisch und Deutsch gesprochen. Regelmäßige Besuche bei den Elsässer Verwandten und das frühe Engagement des Vaters in grenzüberwindenden partnerschaftlichen Projekten ließen in ihr die Überzeugung wachsen, dass Menschen und ihre Kulturen näher zusammengebracht werden sollten. Und dass sich Sprachen und Identitäten vorwiegend durch Beziehungen untereinander bilden und weiterentwickeln.

Vor mehr als 50 Jahren kam sie zum Studium der Anglistik und Geographie nach Freiburg – und blieb: Es gefiel ihr in diesem „Außenposten Deutschlands in Richtung Frankreich“. Und da sie sich schon während des Studiums für den „globalen Süden“ engagiert hatte, arbeitete sie nach dessen Abschluss als Redakteurin bei der Zeitschrift Blätter des iz3w. Im Zusammenhang mit dieser Arbeit lernte sie auch die bis dahin wenig beachteten Literaturen aus Afrika und der Karibik kennen und fasste „irgendwann“ den Entschluss, sie zu übersetzen und so hiesigen Lesern nahezubringen.

Zunächst beschäftigte sie sich mit englischsprachigen Texten, merkte dann aber, dass sie mit ihrer schon immer vorhandenen zweiten Sprache weiterkam als mit der in Schule und Studium gründlich erlernten. Dank dieser war sie in der Lage, auch die oft in den regionalen Kreolsprachen verfassten oder zumindest davon beeinflussten Werke zu lesen und die Bedeutung dieser Sprachen zu erkennen.

Sie seien nämlich ein lebendiges und inzwischen selbstbewusstes Erbe des „Kompromisses, den versklavte Menschen notgedrungen mit der Sprache der Kolonialherrn eingingen“. Und so Elemente weit zurückreichender Wurzeln enthalte.

Seit 40 Jahren arbeitet Thill als freischaffende Übersetzerin, ist dabei „unglaublichen und großartigen Menschen“ wie etwa dem Philosophen und Dichter Édouard Glissant aus Martinique oder dem haitianischen Schriftsteller Dany Laferrière begegnet und hat deren Werke übersetzt. Und dabei „gelernt, mit einem ganz neuen Blick auf die Welt zu schauen“. Teilweise lebt sie in Paris, empfindet Freiburg aber bis heute als „Ort gelebter Mondialität“.

Bei der Feierstunde am 21. November im Historischen Kaufhaus werden zudem noch zwei Schreibstipendien mit je 3000 Euro an Fatma Sagir und Kai Weyand vergeben. Und ein Ehrenpreis: Er geht posthum an Marie T. Martin, die in ihrer kurzen Lebenszeit ein ungewöhnlich umfassendes und eigenwilliges literarisches Werk geschaffen hat.

Foto: © Britt Schilling