Aufbruch und Ausstieg: Rollkunstläufer Alina da Silva und Tim Jendricke STADTGEPLAUDER | 12.07.2019 | Till Neumann

Das gab’s noch nie: Gleich zwei Rollkunstläufer sind im März Freiburgs Sportler des Jahres geworden: Alina da Silva und Tim Jen­dricke. Nur einige Wochen später gehen die beiden ganz unterschiedliche Wege. Da Silva ackert für die schwerste WM ihrer Karriere. Jendricke hat seine Rollschuhe überraschend an den Nagel gehängt.

Kurz vor der WM: Alina da Silva

„Lass kommen uuuuuund hoch!“ Klare Kommandos gibt Trainer Marcus Ob­recht seiner Spitzenläuferin Alina da Silva. Die 19-Jährige dreht an diesem Dienstagmittag emsig ihre Kreise in der Schauenberghalle. 90 Minuten lang trainiert sie mit Obrecht Präzision und Abläufe auf ihren Rollschuhen. „Wir arbeiten vor allem daran, dass alles beim Wettkampf so klappt wie im Training“, erklärt die Sportlerin der Freiburger Turnerschaft (FT) von 1844. Denn schon im Juli steht der wohl schwierigste Wettkampf ihrer Karriere an: die „World Roller Games“ in Barcelona.

Die WM wird eine Premiere: Erstmals tritt sie bei den Senioren an, also in der Meisterklasse. „Das ist eine ganz andere Nummer“, sagt Trainer Obrecht. Die internationale Konkurrenz sei noch mal deutlich stärker als bei einer EM. „Das wird sehr schwer“, sagt auch da Silva. Kürzlich wurde sie Dritte bei der Deutschen Meisterschaft. 2018 holte sie die Junioren-Europameisterschaft.

„Natürlich ist man da nervös“, sagt da Silva zur WM. Entscheidend sei nun, Routine zu bekommen. „Es gibt viele Drehungen und Wendungen, das muss laufen wie ein Uhrwerk“, sagt Trainer Obrecht. Der vierfache Weltmeister und ehemalige Bundestrainer erzählt von Figuren wie Doppeldreher, Gegendreher und Schlingenparagraf. Eine Kombination davon muss da Silva bei der WM zeigen. „Das darf kein Wischiwaschi sein. Man muss genau in der Spur bleiben, immer im gleichen Tempo“, erklärt Obrecht.

Währenddessen versucht da Silva, konzentriert ihre Linie zu halten. Anmutig gleitet sie mit ihren weißen Rollschuhen durch die Halle. Der Rücken durchgedrückt, die Arme ausgebreitet. Die Augen schauen konstant auf ihre Füße. Schnell wird klar: Hier geht’s um Präzision. Jeder Millimeter entscheidet.

Hat aufgehört: Tim Jendricke

Vom Treppchen träumt sie derzeit nicht. „Unter den ersten Zehn zu landen, ist realistisch“, sagt ihr Trainer. Da Silva formuliert es vorsichtiger: Ihre Leistung will sie abrufen – fehlerfrei. Alles andere sollen die Punktrichter entscheiden.

Kürzlich hat sie einen Bundesfreiwilligendienst abgeschlossen. Jetzt konzentriert sich sie voll auf die Karriere. Zweimal täglich trainiert sie mit Obrecht. Und gibt zudem Training für den Nachwuchs. Im Herbst möchte sie ein Studium beginnen. Am liebsten in Freiburg. Was sich als Sportlerin des Jahres geändert hat? „Das bedeutet mir viel, die Auszeichnung ist ein Ansporn.“

Die Rollkunstschuhe an den Nagel gehängt hat dafür ihr Kollege Tim Jendricke. „Man soll aufhören, wenn es am schönsten ist“, sagt der 21-Jährige. Genau wie da Silva trainierte er seit Kindertagen. Und war seit seinem achten Lebensjahr Leistungssportler. Zweimal in Folge wurde er zuletzt Freiburgs Sportler des Jahres. Seit September macht er nun eine Ausbildung und will sich voll darauf konzentrieren. „Ich arbeite viel, meine Motivation für den Sport hat etwas nachgelassen“, sagt Jendricke, der wie da Silva zahlreiche internationale Erfolge feiern konnte.

„Ich hatte beim Training kein gutes Gefühl mehr“, sagt Jendricke. Auch wenn die Leistung zuletzt da gewesen sei. Für Trainer Obrecht ist der Ausstieg bedauerlich. „Er war noch nie so gut wie in diesem Winter.“ Dem Sport komplett den Rücken kehren wird Jendricke nicht: „Ich werde immer Teil der Rollkunstlauffamilie bleiben.“

Fotos: © Till Neumann & privat