Ein Kompromiss mit Konsequenzen: Noch sind Freiburgs Arthaus-Kinos nicht gerettet STADTGEPLAUDER | 05.04.2023 | Erika Weisser

Friedrichsbau bei Nacht Sanierungsfall: Das Kino im Friedrichsbau, das seit 111 Jahren als Lichtspieltheater betrieben wird, ist vorerst gerettet. Aber nur, wenn die Besucher·innen so zahlreich strömen wie in den Jahren vor den Corona-bedingten Schließungen.

Ludwig Ammann ist eben von der Berlinale zurück. Zehn Tage und Nächte lang ist er im Kino-Marathon mitgerannt – auf der Suche nach Filmen, die sich für die Kinos Friedrichsbau, Harmonie und Kandelhof eignen. Zusammen mit Michael Isele ist er Geschäftsführer dieses Programmkino-Verbunds, der elf Säle und das Sommernachtskino bespielt. Nun steckt er mitten in der Jahresplanung – und freut sich sehr, dass es mit dem Friedrichsbau jetzt doch weitergehen kann.

Die gute Nachricht, dass dieses 1911 eröffnete Kino, eines der ältesten Lichtspielhäuser Deutschlands, vorerst vor der Anfang Januar angekündigten Schließung bewahrt wurde, kam schon vor seiner Abreise nach Berlin: Am 10. Februar einigten sich die Stiftungsverwaltung als Vermieterin mit den Kinobetreibern unter der Vermittlung von Oberbürgermeister Martin Horn auf einen mittelfristigen, gestaffelten Mietvertrag von zehn Jahren mit zwei Ausstiegsoptionen – Ende 2023 und 2028. Ein Kompromiss.

Die Geschichte des drohenden Untergangs und der wundersamen Rettung ist nicht nur kinobegeisterten Freiburger·innen bekannt. Der mehr als 110 Jahre alte Friedrichsbau wird nun ab 2033 grundsaniert; zuvor wollte die Franz-Xaver- und Emma-Seiler-Stiftung als Eigentümerin die Räume nur noch mit kurzfristigen Verträgen weitervermieten. Davon war auch das Betreiber-Duo des Kinos im Friedrichsbau betroffen, das seit 2019 mit Ein- oder Zwei-Jahres-Verträgen beschieden wurde – viel zu kurz, um die großen Investitionen zu tätigen, die für den Weiterbetrieb des Kinos erforderlich waren und sind: Die 42 Jahre alte Lüftung, nach Ammanns Worten ein „energiefressender Dinosaurier“, für den es nicht einmal mehr eine Ersatzschraube gibt, muss ersetzt werden. Dabei fallen mindestens 450.000 Euro an. Und auch die Projektoren werden im Lauf der nächsten zwei Jahre den Geist aufgeben. Sie  müssen ausgetauscht werden; dabei ist laut Ammann mit mindestens 280.000 Euro zu rechnen.

Ludwig Ammann

Zuversichtlich: Ludwig Ammann hält es für möglich, dass den Freiburgern auch die typischen Friedrichsbau-Filme erhalten bleiben.

Eine knappe Dreiviertelmillion also – zu stemmen und zu investieren ab 2024. Kein Unternehmer, sagt der Geschäftsführer, werde seinen Betrieb „mit Apparaturen für weit mehr als eine halbe Million ausstatten“, wenn er keine Planungssicherheit habe. Wenn ungewiss sei, ob die Investition zurückverdient werden kann: Mit Arthaus-Kinos sei ein solcher Betrag – zusätzlich zu den weiterlaufenden Ausgaben und mit geringeren Besucherzahlen als in den Vor-Corona-Jahren – in einem Jahr nicht zu erwirtschaften, auch nicht in sieben Jahren. Mit Glück in zehn.

Doch er ist optimistisch, dass außer den jüngeren auch die älteren Besucher:innen das „Gemeinschaftserlebnis Kino“ wieder suchen werden und dass die Finanzierung der anstehenden Ausgaben möglich ist: mit dem selbst erzielten Einkommen aus den Kinos, mit Fördermitteln und mit dem Geld, das aus dem unlängst gestarteten Crowd-Funding hereinkommt. „Fantastische 30.000 Euro haben die Freiburger·innen schon beigesteuert, das Ziel sind jetzt 50.000 Euro.“

Wenn die Besucherzahlen auf dem hohen Niveau bleiben, das besonders im Januar durch die von der Freiburger Bürgerstiftung initiierte Kampagne zur Rettung der Friedrichsbau-Kinos erreicht wurde, kann das klappen: da waren die Zahlen höher als vor Corona. Im Jahr 2022 lagen sie bei nur 63 Prozent gegenüber dem Referenzjahr 2019. Da waren 356.000 Kinogänger zu verzeichnen, 2022 lediglich 225.000. Auf diesem Niveau sei dauerhaft kein rentables Wirtschaften möglich, zumal es seit Beginn des Jahres keine Überbrückungsgelder oder andere finanzielle Hilfen mehr gibt: „Ab sofort ist jeder Verlust zu 100 Prozent unser eigener.“

Wenn es bis zum Jahresende nicht gelinge, die Lücke von fast 40 auf mindestens 20 Prozent zu verringern, die Besucherzahlen gegenüber 2019 also auf 80 bis 85 Prozent zu steigern, könne man die anstehenden Investitionen nicht angehen, zumindest nicht guten Unternehmergewissens. Das ist die Konsequenz des Kompromisses. Zumal der Friedrichsbau während der im Frühjahr 2024 beginnenden Umbauzeit für etwa drei Monate geschlossen werden müsste. Wie vor vier Jahren, als dort der Brandschutz erneuert wurde. Und ob es hinterher einen Kassenschlager wie damals den „Systemsprenger“ gebe, der die Verluste wieder einspiele, sei ungewiss. Zum Jahresende, sagt Ammann, „wissen wir, wo wir stehen“.

Bei den beiden anderen Häusern rechnet Ludwig Ammann nicht mit einem solchen Paukenschlag: Ohne sich über Details zu äußern, gibt er an, dass es hier langfristige Mietverträge gebe, über die erst in geraumer Zeit verhandelt werden müsse. Die Miete der Harmoniekinos sei zwar „sehr hoch“, doch übernehme die Eigentümerin, die Kinowerbefirma Weischer, anfallende Sanierungskosten. Und beim Kandelhof habe man sich mit den Vermietern, einer Familie, die das Kino früher selbst betrieben habe, „immer einigen können“.

Fotos: © Kino Friedrichsbau, privat