Seit 50 Jahren erstklassig: Kommunale Kino Freiburg plant im Sommer großes Jubiläumsfest STADTGEPLAUDER | 27.02.2022 | Erika Weisser
Es ist aus Freiburg nicht wegzudenken – das kleine Kino an der Urachstraße, das in pandemiefreien Zeiten höchstens zugelassene 90 Plätze bietet; aktuell aber nur die Hälfte. Es existiert schon so lange, dass selbst ältere chilli-Leser·innen sich nur vage an die Zeit erinnern, als es das Kommunale Kino noch nicht gab. In diesem Jahr wird diese kultige kulturelle Institution 50 Jahre alt. Noch vor den Sommerferien wird der Gründungstag mit einem großen Fest für alle gefeiert. Mit handverlesenen Filmen natürlich, mit Musik und Tanz, mit nicht alltäglichen Gästen und vorwiegend im Freien, auf dem Gelände um den Alten Wiehrebahnhof.
Eigentlich, sagt die heutige Geschäftsführerin Neriman Bayram, war die Gründung des Vereins Kommunales Kino Freiburg erst Ende des Jahres 1972. Doch angesichts der wiederkehrenden und in den Wintermonaten besonders hochschlagenden und die Kulturstätten leerfegenden Corona-Wellen will das derzeit fünfköpfige hauptamtliche Team „auf Nummer Sicher gehen“ und schon im Sommer feiern. Es gebe sogar zwei Anlässe: die Gründung vor 50 Jahren und die Tatsache, dass sich die Spielstätte des Kinos seit 40 Jahren, seit Dezember 1981, ununterbrochen im ehemaligen Wiehrebahnhof befindet.

Hinweisschild im Schulhof: Bevor das Kommunale Kino in den Alten Wiehrebahnhof umzog, gab es einmal in der Woche Filmvorführungen in der heutigen Richard-Fehrenbach-Gewerbeschule. Aber nur, wenn der Hausmeister später Feierabend machte.
Angefangen hat alles aber weit vorher, erzählt Reiner Hoff, der dem KoKi schon früh verbunden und von 1987 bis 2010 auch dessen Geschäftsführer war: Beeinflusst von den Studentenrevolten und anderen linken und sozialen Bewegungen der späten 1960er-Jahre, entstanden damals vielerorts neue Gruppen, die auch die herrschende bürgerliche Kultur „vom Kopf auf die Füße stellen“ und neue Inhalte setzen wollten. Das sollte auch in der Filmbranche geschehen, die bis dahin fast nur die „seichte Unterhaltung der Nachkriegsjahre“ in die Kinos brachte.
1962 hatten Alexander Kluge, Edgar Reitz und andere Protagonisten der Bewegung „Junger deutscher Film“ mit dem Oberhausener Manifest eine Erneuerung der deutschen Filmkultur gefordert – unter dem Motto „Papas Kino ist tot!“. Darauf basierend, sollten nun aufklärerische, politische und gesellschaftskritische Filme zum Zug kommen, die die Realität abbilden und Bewusstsein bilden sollten. Gezeigt werden sollten diese deutschen und internationalen Filme an Orten, die für jede und jeden zugänglich sein sollten – in nicht-kommerziellen kommunalen Kinos.

Auch in Freiburg bildete sich eine solche Gruppe, die den Anspruch hatte, „mit Filmen die Gesellschaft zu verändern“. Die Initiative ging dabei von den Jusos aus, von denen sich einige zunächst schwer damit taten, dass es auch Leute gab, denen filmästhetische Gesichtspunkte wichtiger waren als politische Inhalte. Willi Karow, erinnert der heutige Technische Leiter Bertram Karthäuser an den unlängst verstorbenen Mitbegründer und langjährigen Leiter des KoKi, habe das Projekt damals gerettet. Er habe die konträren Positionen zu dem Konsens zusammengeführt, dass man „politisch bleibe, aber unter den bestmöglichen ästhetischen Bedingungen“. Damit, sagt Neriman Bayram, habe er „eine Linie geprägt, die bis heute für uns verbindlich ist“: Nicht nur ein Zentrum für den künstlerisch anspruchsvollen Film zu sein, sondern auch ein sozialer, politischer und solidarischer Ort.
Am 23. November 1972 wurde der Verein Kommunales Kino Freiburg schließlich ins Leben gerufen – auf Reiner Hoffs Kopie der Teilnehmerliste der Gründungsversammlung ist unter vielen anderen auch die Unterschrift von Klaus Theweleit zu finden, dem Freiburger Kulturwissenschaftler, der kürzlich 80 wurde. Und die von Thomas Landsberg, dem damaligen Juso-Vorsitzenden, der später SPD-Stadtrat und Kulturbürgermeister der Stadt Freiburg war und sich immer für das KoKi und andere neue und partizipative Kulturkonzepte einsetzte. Zu Zeiten, da es nach Angaben von Bayram „ein wahnsinniger Kampf“ war, vom damals mehrheitlich konservativen Gemeinderat Fördermittel genehmigt zu bekommen.

Freude über 50 Jahre KoKi : Neriman Bayram, Bertram Karthäuser und Reiner Hoff (v.l.).
Und eine neue Spielstätte. Denn die wurde nach neun Jahren in einem Raum der damaligen Gewerbeschule II dringend benötigt. Dort konnte man ja nur an einem oder zwei Abenden in der Woche Filme vorführen. Und auch nur dann, wenn ein Hausmeister und ein Projektor da war. Für die steigende Nachfrage nach „anderen“ Filmen und die Entwicklung neuer Formate war dort kein Raum. Bei der Suche nach dem geeigneten Ort, lacht Hoff, sei sogar der Gewölbekeller des Schwarzen Klosters im Gespräch gewesen, bei der Ortsbegehung habe man aber festgestellt, dass das nicht mit der dortigen Nonnengruft vereinbar sei.
Dann kam der Alte Wiehrebahnhof in den Blick; der damalige OB Rolf Böhme wollte die autonome Szene befrieden und bot den ihr verbundenen Kulturgruppen wie dem AAK, dem KoKi, dem Kinder- und Jugendtheater und anderen Gruppen das seit Längerem nicht mehr genutzte Erdgeschoss des Gebäudes an. Nach einigen Verhandlungen zogen die Kinomacher schließlich mit der Freien Künstlergruppe Freiburg dort ein. Der frühere Wartesaal erster Klasse wurde zur Galerie, im Wartesaal der zweiten und dritten Klasse richtete das damalige Koki-Team in viel ehrenamtlicher Eigenarbeit den Kinosaal ein, in dem bis heute erstklassige Filme gezeigt werden, Stummfilmkonzerte stattfinden, Diskussionsforen und Festivals über die Bühne gehen. Wie etwa im April das Cinelatino-Festival.
Fotos: © KoKi, Erika Weisser










