Dreiklang am Oberrhein – Steinerne Wahrzeichen – lebendige Geschichte Kunst & Kultur | 30.09.2025 | Marianne Ambs, Nicole Kemper und Erika Weisser
Straßburg, Basel und Freiburg sind durch ihre Münster auf einzigartige Weise verbunden. Drei stadtprägende steinerne Wahrzeichen – jedes für sich ein Meisterwerk, gemeinsam aber ein beeindruckendes Zeugnis der Kunst, des Glaubens und der Geschichte dieser Region.
Münster Straßburg

Diese Leichtigkeit: Das gotische Meisterwerk beeindruckt durch seine Eleganz.
Wahrzeichen im Elsass
Der französische Schriftsteller Victor Hugo nannte das Straßburger Münster, dessen Bau vor mehr als 1000 Jahren begann, ein „Wunderwerk des Riesenhaften und des Feinen“. Mehr als 400 Jahre lang wurde am höchsten der drei Münster im Dreiländereck gebaut. Auf dem Platz der Kathedrale stand ursprünglich eine romanische Basilika, die 1015 unter Bischof Werner von Habsburg errichtet wurde. Heute zeugen nur noch die Krypta sowie Umrisse am Boden von diesem frühen Gotteshaus. Auf den Fundamenten des romanischen Bauwerks wuchs im 13. Jahrhundert die gotische Kathedrale empor. Die nördliche Turmspitze des Münsters wurde 1439 fertiggestellt, während der südliche Turm nie gebaut wurde. Elegant und doch wie unvollendet reckt sich heute der filigrane Westbau mit seinem einzigen Turm in den Himmel.
Wer das Münster der elsässischen Metropole besichtigen will, sollte einen Besuch am besten unter der Woche und möglichst nicht in der Vorweihnachtszeit planen, um lange Wartezeiten zu vermeiden. Immerhin ist die Kathedrale Notre-Dame mit mehr als vier Millionen Besucherinnen und Besuchern nach der Pariser Notre-Dame die am zweithäufigsten besuchte Kathedrale Frankreichs. 1988 wurde die Grande-Île mit dem Münster in das Weltkulturerbe der UNESCO aufgenommen. Die Werkstätten der Fondation de l’Œuvre Notre-Dame, die älteste Bauhütte der Welt, sind die einzigen in Frankreich, die bis heute tätig sind. Hier arbeiten Spezialisten aus verschiedensten Handwerksgewerken unerlässlich daran, das gotische Bauwerk aus rosafarbenem Vogesen-Sandstein zu erhalten und zu pflegen. Gerade wurde zum ersten Mal seit dem 19. Jahrhundert die Vierungskuppel an der Kreuzung von Haupt- und Querschiff gründlich restauriert und gereinigt – drei Jahre dauerte die nicht einfache Feinarbeit in 30 Metern Höhe.
Spiegel des Mittelalters
Das Straßburger Münster beeindruckt nicht nur durch seine Größe, sondern auch durch unzählige kunstvolle Details, die Besucher in Staunen versetzen. Der 142 Meter hohe gotische Turm gilt als Meisterstück an Leichtigkeit und Eleganz. Die Fassade erzählt von der Lebenswelt des Mittelalters. Hunderte Skulpturen wirken wie von der Mauer losgelöst und zaubern ein wechselndes Spiel von Licht und Schatten. Besonders eindrucksvoll ist der filigrane Westbau mit seinen drei Portalen. Das langgezogene Schiff wird beleuchtet von einem größtenteils im Original erhaltenen Ensemble sakraler Glasfenster. Herzstück ist das 16-teilige Rosettenfenster in der Westfassade. Ein eindrucksvolles Beispiel des spätgotischen Flamboyantstils ist die Sandsteinkanzel von Hans Hammer, 1485 fertiggestellt und eng verbunden mit dem Prediger Johann Geiler von Kaysersberg.
Als Meisterwerk des Uhrenbaus und der Mathematik in der Renaissance gilt die Astronomische Uhr von 1547 mit ihrem Uhrwerk aus dem Jahr 1842. Ende 2018 wurde das Gehäuse der „Horloge astronomique“ gründlich abgestaubt und restauriert. Die Uhr zeigt dem Betrachter einen Kosmos der Zeit und ein Figurenspiel, das sich täglich um 12.30 Uhr in Bewegung setzt.
Bewegte Geschichte
330 Stufen müssen erklommen werden, um auf der Münsterplattform eine herrliche Aussicht auf die Stadt und die elsässische Ebene bis zu den Vogesen zu entdecken. Wer den Aufstieg wagt, hat auch einen besseren Blick auf die Turmspitze und die Kupferdächer des Münsters. Auf der Plattform können Neugierige mit der App VR Strasbourg Cathédrale auf Zeitreise gehen und entdecken, wie Straßburg in den Jahren 1490 und 1730 von oben aussah.
Der Besuch des Straßburger Münsters lässt sich derzeit mit dem Licht- und Tonspektakel „Luminiscence“ verbinden. Bis Ende November wird die Show anlässlich der Weihe des Langhauses vor 750 Jahren an mehreren Tagen pro Woche in der Kathedrale aufgeführt. Mit faszinierenden Lichtprojektionen und in mitreißender Klangkulisse erzählt „Luminiscence“ die bewegte Geschichte der mehr als 1000 Jahre alten Kathedrale auf schillernde Weise neu.

Info
Straßburger Münster
Place de la Cathédrale
67000 Strasbourg
www.cathedrale-strasbourg.fr
Öffnungszeiten
Mo. bis Sa.: 8.30–11.15 Uhr
und 12.45–17.45 Uhr
Sonn- und Feiertage: 14–17.15 Uhr
Keine Besichtigung während der Gottesdienste
Öffentliche Führung in deutscher Sprache
Do., 2. Oktober, 15 Uhr
www.marketing.kehl.de
Klang- und Lichtershow Luminiscence
Immersives Schauspiel in der Kathedrale bis 22. November, mehrmals täglich
Tickets unter: www.feverup.com
Münster Basel

Die Galluspforte, aus der Zeit um 1185, ist einer der ältesten in ursprünglicher Form erhaltenen Teile des Münsters. Der Kreuzgang aus dem 15. Jahrhundert bezaubert mit gotischem Maßwerk.
Kathedrale hoch über dem Rhein
Weithin sichtbar thront das Basler Münster, leicht erkennbar an der roten Sandsteinfassade, den farbigen Ziegeln und seinen zwei schlanken Türmen, als Wahrzeichen der Stadt auf dem Münsterhügel. Im Jahr 2019 feierten die Basler das große Jubiläum ihres Heinrichmünsters, tausend Jahre nach der Einweihung in Gegenwart von Kaiser Heinrich II. Die historische Bedeutung des strategisch wichtigen Plateaus oberhalb des Rheins reicht noch viel weiter zurück: Archäologen entdeckten dort die Spuren keltischer Besiedlung aus dem ersten Jahrtausend v. Chr., weitere Funde zeugen von einem römischen Kastell. Der älteste bekannte Vorgänger des Münsters ist ein karolingischer Bau aus dem neunten Jahrhundert n. Chr.

Die wechselhafte Baugeschichte der heutigen Kathedrale – oder wie die Einheimischen sagen würden: des „Minschters” – erstreckt sich über 500 Jahre. Die ehemalige Bischofskirche, nach der Reformation der evangelischen Konfession zugehörig, wurde zwischen 1019 und 1500 im romanischen und gotischen Stil erbaut. Das Gebäude in seiner heutigen Architektur basiert großteils auf dem spätromanischen Neubau aus dem 12. und 13. Jahrhundert (1180 bis 1220/1230).
Wer sich der Basler Altstadt – beispielsweise bei einem Spaziergang vom Badischen Bahnhof – von der gegenüberliegenden Rheinuferseite nähert, blickt auf die rückwärtige Ansicht mit der Ostfassade und der Pfalz – die hoch über dem Rhein gelegene Aussichtsterrasse. Der Begriff Pfalz leitet sich vom lateinischen Palatium (Regierungssitz) ab – in unmittelbarer Nähe befand sich einst der Wohnsitz des Bischofs. Die Basler Pfalz bietet schattige Sitzplätze unter Kastanien und eine herrliche Aussicht auf den Rhein. Eine Treppe führt hinunter zum Anleger der Münsterfähre „Leu” zwischen der Wettsteinbrücke und der Mittleren Brücke.
Zwei schlanke Türme
Wer vom Westen, also von der Großbasler Altstadt her kommend, zum Münsterplatz hinaufläuft, steht vor dem Hauptportal, das von zwei sichtlich ungleichen Türmen eingerahmt wird. So ist unter anderem der Martinsturm mit 65,5 Meter fast 2 Meter niedriger als sein großer Bruder, der Georgsturm. Am einfachsten lässt sich der Georgsturm nicht an seiner Größe, sondern an der monumentalen Statue des Heiligen Georgs erkennen, der mit einer überlangen Lanze den Drachen durchbohrt. Links unterhalb des riesigen Ritters befindet sich eine kleine Eingangspforte, die als „Flüsterbogen” bekannt ist. Die Worte, die hier auf der einen Seite in die Vertiefung des Sandsteinbogens geraunt werden, sollen von einer zweiten Person auf der anderen Seite perfekt erlauscht werden können. Ein Selbstversuch scheitert allerdings daran, dass der belebte Münsterplatz just zu diesem Zeitpunkt der Austragungsort eines Seifenkistenrennens ist, dessen Moderator mit seinem Megaphon die geheime Botschaft übertönt. Auch der benachbarte Martinsturm kann eine Besonderheit aufweisen: Seine Sonnenuhr zeigt unverdrossen die alte Basler Zeit, die gegenüber der heute üblichen Zeitzählung um eine Stunde vorgeht. Die Differenz zur mechanischen Uhr direkt darunter beträgt jedoch nicht zu jeder Zeit exakt 60 Minuten, sondern variiert im Jahresverlauf.

An der Nordseite ist mit der Galluspforte (1150/1170) das bedeutendste romanische Skulpturenwerk der Schweiz zu besichtigen – sie gilt als eines der ältesten romanischen Figurenportale im deutschsprachigen Raum und ist fast vollständig original erhalten. Darüber repräsentiert eine Fensterrose mit symbolträchtigen Sandsteinfiguren ein überdimensionales Glücksrad.
Packende Zeitreise
Im Inneren des Münsters beeindrucken Weite und Höhe. Säulengänge und Seitenschiffe machen es unmöglich, den Innenraum als Gesamtheit zu erfassen. Unter der Vierung, sprich dem Kreuzungspunkt von Lang- und Querschiffen, eröffnet sich mit dem Abstieg zur Krypta eine weitere Dimension. Die Krypta war seit dem 19. Jahrhundert teilweise abgebrochen und zugeschüttet und erst 1966 wieder gänzlich freigelegt worden. Zum 1000-jährigen Jubiläum vor sechs Jahren machte die Archäologische Bodenforschung den Bereich für die Öffentlichkeit zugänglich. Ein besonderes Erlebnis ist die mehrmals täglich stattfindende 270º-Multimediashow im Ausstellungsraum der Krypta, die die Besucher auf eine packende Zeitreise durch 1000 Jahre „Minschter” mitnimmt.

Info
Basler Münster
Münsterplatz 9, 4051 Basel
www.baslermuenster.ch
Öffnungszeiten während der Winterzeit
Mo. bis Sa.: 11–16 Uhr
Sonn- und Feiertage: ca. 11.30–16 Uhr
Öffentliche Kurzführungen
jeweils am Samstag um 14.30 Uhr
Dauer: ca. 30 min
Multimediashow in der Krypta
Mo.– Sa.: 10.10, 11.30, 13.40, 15, 16.20* Uhr (*außer Sa.)
So.: 12.20, 13.40, 15, 16.20 Uhr
Aus konservatorischen Gründen nur bis Mitte Oktober
Münster Freiburg

Kulturerbe von Weltrang
Auch wenn angesichts immer weiter in die Höhe wachsender Wohn- und Geschäftshäuser ein anderer Eindruck entstehen mag: Der Hauptturm des Freiburger Münsters ist das höchste Gebäude der Stadt. Seit knapp 700 Jahren. Das 116 Meter hohe Baukunstwerk wurde im Jahr 1330 fertig – als einziger gotischer Kirchturm im Mittelalter und in einer Rekordzeit von 60 Jahren.
Wer von der Mitte der in 55 Metern Höhe gelegenen Oktogonhalle des nach Auffassung des Kunsthistorikers Jacob Burckhardt „schönsten Turms auf Erden“ nach oben schaut, wird von himmlischen Gefühlen überwältigt: Durch das filigrane Maßwerk flutet wolkiges Blau ins Innere und bringt mit tanzendem Sonnenlicht den roten Sandstein zum Leuchten.
Und schon hat man den Eindruck, schwerelos durch Licht und Luft zu schweben. Mit den Wolken, die 60 Meter weiter oben über die mit einer Kreuzblume und einer goldglänzenden, Sonne und Halbmond darstellenden Wetterfahne gekrönten Turmspitze dahinziehen.

Bis dorthin gelangen indessen nur Mitarbeitende der Münsterbauhütte oder Profis anderer Restaurierungsbetriebe – über aufwendige und ständig überprüfte Gerüste. Schwindelfreie Besucher kommen „nur“ bis zur sternförmigen Galerie, die – gut mit einer brusthohen Balustrade gesichert – außen um den sich ab hier verjüngenden Turmhelm herumführt – auf etwa 70 Meter über Ground Zero. Insgesamt 335 Stufen sind auf schmalen Wendeltreppen bis hierher zurückzulegen. Das ist nicht leicht zu bewältigen. Doch die Möglichkeit, die acht durch exakt gearbeitetes Maßwerk (und innere Ankerringe aus Eisen) zusammengehaltenen und reichlich mit allerhand Blüten- oder Knospenkrabben verzierten Turmrippen aus unmittelbarer Nähe bewundern zu können, lohnt den Aufstieg. Und natürlich auch der grandiose 380-Grad-Blick über die Stadt und auf das bunte Miniatur-Marktgeschehen.
Kathedrale und Pfarrkirche
Die Aussicht hatten die meisterhaften Steinmetze eher nicht im Sinn, als sie um das Jahr 1200 den Bau der anfangs noch im spätromanischen Stil angelegten Pfarrkirche begannen. Ursprünglich arbeiteten sie im Auftrag des letzten Zähringerherzogs Berthold V., der 1186 von seinem Vater die Herrschaft über Freiburg übernommen hatte und sich eine angemessene Grablege in der Stadt schaffen lassen wollte. Er starb jedoch schon 1218 – und hätte, selbst wenn er älter als 58 geworden wäre, die Einweihung nicht mehr erlebt: Der Bau des Gesamtwerks, zu dem außer dem Turm im Westen auch der am östlichen Ende des Langhauses gelegene Chor mitsamt Kapellenkranz und die beiden direkt daran angrenzenden Hahnentürme sowie weitere Gebäudeteile gehören, dauerte mehr als 300 Jahre.

Himmel in Stein: Blick von der Oktogonhalle in die Spitze des „schönsten Turms auf Erden“.
Das Chorgewölbe wurde im Jahr 1510 geschlossen, drei Jahre später weihte der Konstanzer Fürstbischof den darin untergebrachten Altarraum ein. Zu jener Zeit war Freiburg noch kein eigenes Bistum; erst 1827 ernannte der Namenspatron des heutigen Papstes, Leo XII., den damaligen Münsterpfarrer Bernhard Boll zum ersten Freiburger Erzbischof. Das Münster ist seither Kathedrale der Erzdiözese Freiburg – zugleich aber auch Pfarrkirche der Dompfarrei „Unserer Lieben Frau“ sowie römisch-katholische Stadtkirche mit dem Charakter einer Bürger- und Marktkirche. Was nicht zuletzt in der Reihe „Orgelmusik zur Marktzeit“ zum Ausdruck kommt, die zwischen Ostern und Weihnachten jeden Samstag in der Mittagszeit gespielt wird.
Rettung durch Vorsorge
Dass dieses außer aus romanischen, gotischen und spätgotischen auch aus Renaissance-Elementen zusammengesetzte und dennoch vollkommen harmonische architektonische und handwerkliche Meisterwerk heute noch existiert, ist nicht nur der Weitsicht der damaligen Kirchenverantwortlichen zu verdanken, die gegen Ende des 2. Weltkriegs vorsorglich die farbigen bleiverglasten Fenster ausbauten, um bei einem möglichen Bombardement der Stadt die Druckwellen auf das Gebäude abzuschwächen. Sondern auch der unermüdlichen Sisyphos-Arbeit der Bauhütten-Steinmetze, die Stück für Stück konservieren, erneuern oder ersetzen. Für ihr international vernetztes und angewandtes „traditionelles Handwerkswissen zum Erhalt großer Kathedralen“ wurde das Bauhüttenwesen 2020 in das Register des immateriellen Kulturerbes der UNESCO aufgenommen.

Romanisches Fundament: der Hahnenturm
Info
Freiburger Münster
Münsterplatz
79098 Freiburg im Breisgau
www.freiburgermuenster.info
Öffnungszeiten
Mo.–Sa.: 9–11 Uhr und 12.15–18 Uhr
Sonn- und Feiertage: 13.30–19.30 Uhr
Keine Besichtigung während der Gottesdienste
Führungen
Di.–So. 14–15 Uhr, Tickets im c-punkt MÜNSTERFORUM
Orgelmusik zur Marktzeit
Sa. 11.30 Uhr
(von Ostern bis Weihnachten)
Dauer: ca. 25 Minuten
Eintritt: 5 Euro
Einlass: 25 Minuten vor Beginn am Hauptportal des Münsters
Tickets im c-punkt MÜNSTERFORUM, Herrenstraße 33, oder unter shop.c-punkt-freiburg.de








