Knisternde Stimmen: Freiburger Popchor „Twäng!“ legt Debütalbum vor Kunst & Kultur | 26.10.2021 | Till Neumann

Freiburger Popchor "Twäng!"

Ganze 88 Recordingsessions brauchte es, bis alles im Kasten war. Jetzt hat der Freiburger Popchor Twäng! sein Debütalbum veröffentlicht. Die elf Songs bieten modernen A-cappella-Pop, arrangiert von Chorleiter Adrian Goldner. Das Team schwankt zwischen Corona-Frust und Euphorie.

„Wir sind sowas von aus der Übung“, sagt Adrian Goldner und lacht. Der 29-Jährige ist Chef des preisgekrönten Twäng!-Chors und mitgenommen von der Corona-Krise. Die hat Proben und Auf--tritte des 42-Stimmen-Ensembles nahezu unmöglich gemacht. Das hat Goldner beim Releasekonzert der Platte gemerkt. Schön sei es gewesen, aber längst nicht perfekt.

Adrian Goldner

Chroleiter: Adrian Goldner ist der Chef bei Twäng! und schreibt die Arrangements selbst.

Präsentiert hat der Chor seine Platte „Pop!“ Mitte September im ehemaligen Autohaus „Südwest-Auto“. Auch die Location zeugt von der schwierigen Phase. 2018 hatte Twäng! beim 10. Deutschen Chorwettbewerb den zweiten Platz belegt. Ein Jahr später begeisterte die Gruppe mit zwei Konzerten im ausverkauften Freiburger E-Werk. Nach einer langen Durststrecke müssen Twäng! jetzt kleinere Brötchen backen. Für Goldner ist das bitter. Ausgelaugt habe ihn die Phase: „Wir müssen wieder bei null anfangen.“

„Er ist unfassbar gut“

Für einen Laienchor geht er äußerst ambitioniert zur Sache. Der mittlerweile in Frankfurt lebende Sänger schreibt die achtstimmigen Arrangements selbst. Andere Chöre greifen oft auf Vorlagen zurück. Für Sänger Björn Jakob ist das ein entscheidender Vorteil: „Adrian kennt die Stimmen und kann die Arrangements dementsprechend anpassen.“ Für Jakob, bekannt als Fatcat-Manager, ist der Chorleiter ein Ausnahmetalent: „Er ist unfassbar gut in dem, was er macht, und technisch abartig krass.“ So könne er die Leute immer wieder mitziehen.

Nötig war das auch für die Albumproduktion. In Jakobs Studio in Gundelfingen startete die Gruppe Mitte 2019 die Aufnahmen. Eineinhalb Jahre dauerte es, bis alles im Kasten war. Auch die Pandemie bremste sie dabei. Goldner berichtet von 88 Recording-Sessions, bei denen er je eine Stimmgruppe aufnahm. „Es hat ultralange gedauert“, sagt der Chorleiter. Mit Björn Jakob und Johannes Jäck arbeitete er an der Produktion. Die nötige Zeit hätten sie „massiv unterschätzt“.

Simple ist cool

Umso glücklicher ist er, dass das Album jetzt da ist. 500 CDs hat er pressen lassen und die Platte bei Streamingportalen eingestellt. Zu hören sind Songs wie Haus am See (Peter Fox), Blinding Lights (The Weeknd) oder Alaska von Maggie Rogers. Letzterer hat sich zu einem der Favoriten des Chors entwickelt. „Das ist der simpelste Song und er klingt am coolsten“, sagt Goldner.

 

Auch der Opener Change on the Rise (Avi Kaplan) zeigt die Qualitäten des Ensembles. Mit pathetisch-basslastigen Flächen, einer stampfenden Beatbox und knisternden Stimmen geht der Song unter die Haut. Auch bei Sängerin Lisa Schmiedeshoff: „Das Lied ging so richtig in den Körper und ins Herz.“

„Die perfekte Mischung aus Freizeitspaß und Ambition“

Gegründet haben den Chor 2014 drei Sängerinnen. Schmiedeshoff ist seit der ersten Probe dabei. „Twäng! ist für mich die perfekte Mischung aus Freizeitspaß und Ambition“, erzählt die 30-Jährige. Bei Wettbewerben mitzusingen, kannte sie bis dahin nicht. „Vor allem durch solche Ziele haben wir extrem viel gelernt und geschafft.“ Trotzdem werde viel gelacht und gescherzt.

Dass es Goldner während des Lockdowns bei digitalen Proben „einige Monate mit uns als Alleinunterhalter ausgehalten hat“, findet Schmiedeshoff beeindruckend. Ihr Wunsch wäre lediglich, dass er beim Proben manchmal klarere Ansagen macht, „bei denen er dann auch nach ein paar Wochen noch bleibt“. Das habe sich aber im Verlauf der Jahre schon gebessert, ergänzt sie und lacht.

„Kleine klassische Chordiktatur“

Auch Björn Jakob schätzt die Dynamik der Gruppe: „Es gibt keine klassische Chordiktatur.“ Jeder habe die Möglichkeit, Ideen einzubringen. Die Formation sieht der 26-Jährige mit der neuen Platte bestens aufgestellt: Twäng! könne sich als semiprofessioneller Laienchor im internationalen Vergleich positionieren.

Wie groß der Rückhalt ist, hat die Crowdfunding-Aktion zum Album gezeigt: 10.000 Euro kamen dabei 2019 rein. Die Kosten habe das zwar gedeckt, sagt Goldner. Die unzähligen Arbeitsstunden seien aber nicht mit eingerechnet. Er ist dennoch happy: „Den Aufwand war es wert.“

Jetzt hofft er, dass Auftritte wieder normal werden. Bis dahin können sich Fans das Album reinziehen und dabei vielleicht sogar Luftpolsterfolie zerdrücken. Die ist auf dem Albumcover zu sehen. Die Erklärung dafür hat Goldner griffbereit: Weil es „pop“ macht, wenn man draufdrückt.

Im Netz

Fotos: © Fabio Smitka, Till Neumann

"Unfassbar": Adrian Goldner führt Popchor Twäng! ins Bundesfinale