Energiewende trifft auf klamme Kassen: Badenova erwirtschaftet 57 – und braucht von den Kommunen 120 Millionen Euro business im Breisgau | 17.07.2026 | Lars Bargmann
Infrastrukturprojekt für den geplanten
Stadtteil Dietenbach: Über den Dreisam-Düker
kann die Badenova Wärme, Wasser und
Strom für 16.000 Menschen liefern.
Die Badenova AG hat im vergangenen Jahr 1,485 Milliarden Euro umgesetzt und unterm Strich 57 Millionen Gewinn gemacht. 50 Millionen werden an die kommunalen Anteilseigner ausgeschüttet. Der Energieversorger investiert auf Rekordniveau und braucht dafür mehr Eigenkapital. Erste Adresse: die Kommunen. Doch die ächzen unter hohen Lasten.
Rund 120 Millionen Euro wollen die Vorstände Hans-Martin Hellebrand und Dirk Sattur Mitte kommenden Jahres von jenen 98 Kommunen einwerben, die Anteile haben. Entweder als frisches Geld oder durch den Verzicht auf Ausschüttungen. Nur so sei das ambitionierte Investitionsprogramm umzusetzen. Bis 2050 will das Unternehmen insgesamt vier Milliarden Euro investieren. Im vergangenen Jahr waren es 177 Millionen (2024: 143). Ein neuerlicher Rekord.
Die neue Messlatte wird nicht lange halten, denn schon im laufenden Jahr sollen es 253 Millionen sein, im kommenden 272. Der Peak liegt in 2028 bei 277 Millionen. Zum Vergleich: 2021 waren es 106, im Jahr drauf 95 Millionen. Der Löwenanteil geht in die Netze, etwa gleich viel Geld soll in Erneuerbare Wärme- und Stromkraftwerke gepumpt werden.
„Zum vierten Mal in Folge ist es uns gelungen, Rekordinvestitionen zu erzielen und ein sehr gutes Ergebnis zu erzielen, was Ausschüttungserwartung bedient und wichtige Zukunftsvorsorgen in sich trägt“, sagte Badenova-CEO Hellebrand. Die finanzielle Stärke schaffe erst die Grundlage, um die Energie- und Wärmewende in der Region überhaupt anzugehen.
Für das Stemmen der Energiewende muss eins der größten Investitionsprogramme in der Geschichte der Bundesrepublik geschultert werden. Ende 2024 war in einer von der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung veröffentlichten Studie von 650 Milliarden Euro bis 2045 allein in Stromnetze die Rede gewesen.
Die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) teilte im vergangenen November mit, dass die Energieversorger bis 2045 in die regionale Energiewende, in Stromnetze und netzgebundene Wärmeversorgung insgesamt 535 Milliarden Euro investieren müssen – und dabei vor einer weit klaffenden Finanzierungslücke von 346 Milliarden Euro stünden.

Hans-Martin Hellebrand (r.) und Dirk Sattur bei der Bilanz-Pressekonferenz.
Diese Lücke müssten die Energieversorger durch 47 Milliarden neues Eigenkapital und 299 Milliarden frisches Fremdkapital schließen. Basis war eine Studie, die die KfW bei der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PwC Deutschland in Auftrag gegeben hatte.
„Die Energieversorger müssen gewaltige Investitionen für die Energiewende stemmen. Die klassische Kreditfinanzierung stößt dabei an ihre Grenzen. Für eine erfolgreiche Modernisierung der Energieinfrastruktur braucht es auch auf politischer Ebene Überlegungen, wie der finanzielle Instrumentenkasten erweitert werden kann“, kommentierte der KfW-Chef-volkswirt Dirk Schumacher.
Der hohe Investitionsbedarf treffe die Stadtwerke besonders hart, da deren Gewinne oft zur Querfinanzierung anderer kommunaler Aufgaben genutzt werden. „Diese Mittel stehen daher nur begrenzt zur Mitfinanzierung der Energiewende zur Verfügung“, heißt es in der Mitteilung.
Genau das trifft auch auf Freiburg zu. Die Freiburger Verkehrs AG (VAG) fährt Jahr für Jahr hohe Verluste ein. Allein von 2022 bis 2024 knapp 75 Millionen Euro. Diese Verluste sowie die Ergebnisse der Regio Bäder GmbH und der Flugplatz Freiburg-Breisgau GmbH werden mit den Gewinnen aus der Badenova-Beteiligung in der Stadtwerke Freiburg GmbH verrechnet. Durch dieses Konstrukt spart sich die Stadt die Steuer auf die Erlöse der Badenova und kann das Geld für andere Dinge einsetzen.
Die größte Anteilseignerin mit 42 Prozent ist die Thüga AG. Dort hält man sich bei der Frage nach einer Kapitalerhöhung bedeckt: „Wir bitten um Verständnis, dass wir uns zu möglichen Kapitalmaßnahmen oder entsprechenden Überlegungen derzeit nicht öffentlich äußern können“, teilt das Unternehmen, an dem auch die Badenova beteiligt ist, auf Anfrage mit. Das Thema werde zunächst vertraulich im Gesellschafterkreis und mit dem Badenova-Vorstand abgestimmt.
»Im Moment nichts Konkretes sagen«
Die Stadt Offenburg hält 6,8 Prozent, das Rathaus in Lörrach 3,9 Prozent. Auch hier geben sich die Verantwortlichen reserviert. Der Freiburger Stadtverwaltung gehören 31,5 Prozent. Für Oberbürgermeister Martin Horn ist die Forderung nach zusätzlichem Kapital zwar nachvollziehbar. „Das trifft aber aktuell auf eine sehr angespannte Haushaltslage der Kommunen, auch auf Freiburg. Aus diesem Grund können wir dazu im Moment nichts Konkretes sagen.“ Das Thema müsse bei der Aufstellung des Doppelhaushaltes 2027/2028 besprochen werden. Horn hofft auf die im Koalitionsvertrag der Landesregierung angekündigte Unterstützung der Kommunen bei der Finanzierung der Energiewende. „Wir appellieren an die Landesregierung, hier konkret in die Umsetzung zu gehen.“
Bundesweite Schlagzeilen beim Thema Kapitalerhöhungen hatte vor rund einem Jahr die EnBW gemacht. Der baden-württembergische Energieversorger hatte sich durch den Verkauf von 53,5 Millionen neuen Aktien ans Land Baden-Württemberg und den Zusammenschluss von neun oberschwäbischen Landkreisen (OEW, beide halten je 46,75 Prozent am Konzern) 3,1 Milliarden Euro neues Kapital besorgt. Der Schritt markiere „einen bedeutenden Meilenstein für die Umsetzung unseres Investitionsprogramms“, sagte Unternehmenschef Georg Stamatelopoulos. Dagegen nimmt sich der 120-Millionen-Euro-Wunschzettel des Badenova-Vorstands bescheiden aus. Die EnBW will aber auch allein bis 2030 rund 40 Milliarden Euro in den Ausbau erneuerbarer Energien und die Strom- und Gasnetze stecken.
Auch bei der Badenova stehen die Zeichen auf Wachstum: Im vergangenen Jahr hat der Konzern fast 150 Menschen eingestellt. Und im laufenden Jahr schon wieder fast 200. „Wir haben heute mehr als 2000 Mitarbeitende“, sagte Sattur. Und die brauche es auch. Mit den Investitionen wachsen auch das Anlagevermögen (um 87 auf 712 Millionen Euro), die Verbindlichkeiten (um 111 auf knapp 760 Millionen) und der Personalaufwand (um 13,6 auf 121,8 Millionen). Wachsen wird auch die Anzahl der Stromkunden. Bis 2029 um 30 Prozent auf 490.000.
Bezogen auf den Umsatz in Höhe von 1,485 Milliarden sind 57 Millionen Euro Gewinn eine vergleichsweise überschaubare Rendite. „Wir sind damit sehr zufrieden. Wir haben renditestärkere Felder und solche, die unserem Auftrag folgen“, so Hellebrand. Mit klaren Ambitionen für die Energie- und Wärmewende blicke Badenova nach vorn: Bis 2035 möchte sie jährlich ein Gigawatt grünen Strom und eine Terawattstunde grüne Wärme erzeugen.

Energiewende am Müllberg: Über die Wasserstoff-Tankstelle kann Deutschlands aktuell größte Müllwagenflotte betankt werden.
Das Vorstandsduo legt ein durchaus bemerkenswertes Tempo hin: Ende Juni teilten Badenova und die Elektrizitätswerke Schönau (EWS) mit, dass die Freiburger das EWS-Netz ab 2027 für 20 Jahre pachten und betreiben werden. Im Kandertal hat sich die Badenova nach jahrelangem Dauerzoff (wir berichteten mehrfach) unlängst mit der Naturenergie Netze auf die Übergabe der Infrastruktur in zehn Gemeinden geeinigt.
Über den Kaufpreis haben beide Seiten laut Badenova-Sprecher Daniel Feld Stillschweigen vereinbart. Die Badenova hatte den kalkulatorischen Restwert aller Netzbestandteile auf rund 11 Millionen Euro beziffert. Die Naturenergie Netze bib-Informationen zufolge auf 29 Millionen. „Wir haben uns beim Kaufpreis stark aufeinander zubewegt, so dass ein betriebswirtschaftlich erfolgreicher Betrieb der Netze durch Badenova sichergestellt ist“, so Feld.
Mit dem Schwanauer Tunnelbohr-Spezialisten Herrenknecht Vertical GmbH soll demnächst ein Joint Venture bekanntgegeben werden, um an der A5 bei Hartheim am Autobahnparkplatz Hardt ein Geothermie-Kraftwerk zu bauen. Das soll ab 2030 dort rund 20.000 Menschen mit Erdwärme versorgen. Für einen mittleren zweistelligen Millionenbetrag sollen die Bohrungen bis in 3200 Meter Tiefe gehen, ein Kraftwerk und auch eine Leitung nach Freiburg gebaut werden. Ein weiteres Erdwärme-Kraftwerk ist im Raum Lörrach in Vorbereitung. „Wir sind hier, um die Wärmewende voranzutreiben“, sagt Sattur.
In Breisach plant die Badenova einen Energiepark mit einem bis zu 15 Kilowattpeak starken Solarkraftwerk, einem 25 Megawatt fassenden Speicher, einem Umspannwerk und Rechenzentrum. Investition: mindestens 30 Millionen Euro.
Die Energiewende brauche eine leistungsfähige Infrastruktur: „Wir haben einen klaren Plan, welche Investitionen in Strom-, Wasser-, Wärme- und Wasserstoffinfrastruktur notwendig sind. Damit wir diesen Weg konsequent weitergehen können, braucht es verlässliche politische und regulatorische Rahmenbedingungen, die eine Legislatur überdauern und sich an den heutigen Investitionszeiträumen ausrichten.“ Nur durch diese Faktoren und einer „attraktiven Verzinsung für regulierte Investitionen sind wir eine verlässliche und starke Partnerin für die benötigte Anlage frischen Eigenkapitals“, so Sattur.
Auch politisch ist der Vorstand aktiv: Badenova hat mit einem Forderungspapier an die neue Landesregierung zum Ausbau der Windenergie und zur Stärkung der Eigenkapitalbasis kommunaler Energieversorger Impulse gesetzt. Laut Hellebrand würden die Bundesländer Niedersachsen, Thüringen und Hessen die Kommunen bei der Energiewende durch Nachrangdarlehen mehr unterstützen, als es Baden-Württemberg tut. „Kommunale Energiewirtschaft ist rentierlich, das muss die Landespolitik auch in Baden-Württemberg anerkennen“, heißt es im Papier.
Andererseits dürfe der Staat den Ausbau der Wärmenetze nicht torpedieren: „Wenn der Staat Wärmenetze will, dann darf er in diesen Gebieten nicht auch Wärmepumpen fördern. Er riskiert damit im hohen Maße die Wirtschaftlichkeit von Wärmenetzen.“
Klimaziele auf der Kippe
Badenova fordert zudem, Erdwärme zu fördern: Geothermie ist im Oberrheingraben besonders erfolgsversprechend, mangels Daten aber teuer. Seismische Erkundungen müssten gefördert oder aber vorhandenes Datenmaterial kostenlos zur Verfügung gestellt werden. Nordrhein-Westfalen zeige durch eine entsprechende Förderung, „wie man das riesige Potenzial nutzen und die Hürden zur Erschließung verringern kann“.
Ob die deutschen Klimaschutzziele bis 2045 überhaupt erreichbar sind, daran macht jetzt das Freiburger Öko-Institut ein dickes Fragezeichen: Bis 2030 jedenfalls könne Deutschland seine Treibhausgasemissionen nicht wie geplant reduzieren. Anstatt die Emissionen um 65 Prozent gegenüber 1990 zu mindern, wie im Bundes-Klimaschutzgesetz (KSG) festgelegt, würden nur knapp 63 Prozent erreicht. Auch das im KSG geforderte Minderungsziel von 88 Prozent bis 2040 gegenüber 1990 werde mit projizierten 80 Prozent um acht Prozentpunkte verfehlt. „Die geforderte Treibhausgasneutralität bis 2045 wird so nicht erreicht“, steht im Projektionsbericht 2026, den das Öko-Institut Mitte Juni veröffentlicht und gemeinsam mit Fraunhofer ISI, IREES, Prognos, M-Five, FfE und dem Thünen-Institut im Auftrag des Umweltbundesamtes erstellt hat.









