»Qualität vor Quantität« – Freiburgs neuer Messe-Chef Jens Mohrmann im Interview business im Breisgau | 17.11.2025 | Lars Bargmann

Jens Mohrmann

Seit dem 3. März leitet Jens ­Mohrmann die Messe Freiburg, ist damit auch Geschäftsführer der Freiburg Wirtschaft Touristik und Messe GmbH und zudem für die Märkte, Konzerthaus und Historisches Kaufhaus zuständig.  Der Familienvater wechselte aus ­Fellbach nach Freiburg. Ein Schwabe in Baden. Im Gespräch mit Chefredakteur Lars Bargmann spricht Mohrmann über Amok, emotionale Erlebnisse und das Business-Geschäft.

bib: Herr Mohrmann, Sie sind jetzt acht Monate im Amt. Was waren die ersten positiven/negativen Erlebnisse?
Mohrmann: Ich habe wirklich stark überlegt, ob ich irgendwas finde, was negativ ist …

bib: … und wenn Sie nichts gefunden haben, endet hier das Interview.
Mohrmann (lacht): Mein erster Arbeitstag war der Rosenmontag. Und das war der Tag der Amokfahrt in Mannheim. Da war ich so von Null auf 150, obwohl es ja gar nicht unsere Veranstaltung in Freiburg war, aber natürlich ist man da involviert und denkt an seine eigenen Veranstaltungen.

bib: Und nun zu den positiven Dingen.
Mohrmann: Es war vom Start weg wirklich alles sehr positiv, ich habe sehr viel Offenheit erfahren, aber auch schnell mitbekommen, was die Anforderungen sind, was das Team hier beschäftigt, dass auch Problemlösekompetenz gefordert wird.

bib: Es gab in der jüngeren Vergangenheit eine sehr hohe Personalfluktuation bei der FWTM …
Mohrmann: Das ist sicherlich auffällig. Es gab relativ viele Veränderungen. Einige Kollegen haben sich neu orientiert, aber ich denke, jetzt haben wir ein gutes Setting. Wir haben alle Führungspositionen besetzt, zuletzt mit Christian Gross einen Abteilungsleiter „Tourismus und Innenstadt“ gewonnen. Ein sehr erfahrener Kollege, der ja bei der FWTM auch mal ein Azubi war.

bib: Die Position des Messechefs war nach der abrupten Trennung von Ihrem Vorgänger Daniel Strowitzki auch sehr lange unbesetzt …
Mohrmann: Das war für meine Kollegin Hanna Böhme sicher nicht einfach, das brauchen wir nicht irgendwie schönzureden.

bib: Die FWTM ist auch ohne die Messe schon nicht leicht zu führen. Was die Stadttochter alles an Aufgaben im Regal hat, kann einen an die Galeria-­Kaufhof-Häuser erinnern …
Mohrmann: Interessanter Vergleich. Das ist bei einer Messegesellschaft übrigens einer, den ich auch oft mache. Die Zeit der großen florierenden Kaufhäuser ist genauso vorbei wie die der großen Endkundenmessen.

bib: Die Verbraucher brauchen heute keine Baden-Messe mehr, zu der mal mehr als 100.000 Menschen kamen und die 2019 gestoppt wurde.
Mohrmann: Wir müssen in die Zukunft schauen. Und wir haben ja immer noch Veranstaltungen wie die Caravan oder die Plaza Culinaria, die tollen Zuspruch haben. Wir müssen jedes einzelne Thema ganz sauber, kundenorientiert und partnerorientiert angehen. Wir sind Dienstleister für die Aussteller oder Beschicker.

bib: Die Veranstalter der Comic Convention haben nach der vierten Auflage die FWTM scharf kritisiert. Da ging es um die Änderungen von Abmachungen über teilweise unkooperatives Verhalten bis hin zum Vorwurf des Abkassierens …
Mohrmann: Wir haben da sicherlich an der einen oder anderen Stelle auch Fehler gemacht, was die Ausführung anbelangt. Das tut mir leid. Und es ist nicht die Art und Weise, wie wir unsere Leistung abgeben wollen, wir müssen da besser werden.

bib: Haben Sie den Hörer in die Hand genommen und mit denen telefoniert?
Mohrmann: Unsere Messe-Abteilungsleiterin Ilka Roßmann hat das gemacht. Für 2026 kommen wir jetzt nicht mehr zusammen, aber wir werden uns natürlich für 2027 und die folgenden Jahre bemühen, den Kunden wieder davon zu überzeugen, dass wir hier die Dinge sauber und nach seinen Wünschen umsetzen können.

bib: Nach unseren Informationen steht der Streetfoodmarket im kommenden Jahr auch noch im Feuer …
Mohrmann: Wir sind in der Abwägung mit unseren Beschickern noch nicht ganz durch. Im Januar können wir mehr dazu sagen.

bib: Inwiefern muss sich die Messe weiterentwickeln?
Mohrmann: Wir müssen unsere eigenen Endkundenmessen weiter stärken, dazu gehört übrigens auch, dass wir das emotionale Erlebnis stärken. Und wir müssen unser Business-Geschäft ausbauen.

bib: Was meint Business-Geschäft?
Mohrmann: Das meint vor allem, dass wir uns viel besser mit dem Wissenschafts- und Forschungsstandort Freiburg vernetzen müssen. Wir haben mit der Messe hier einen sehr guten Platz, um Informationen auszutauschen. Das haben wir in der Vergangenheit aus welchen Gründen auch immer nicht so stark gemacht. Das ist übrigens auch ein Vorteil eines vergleichsweise kleinen Messestandorts. Man kann sagen, wir sollten nicht eine Messe mit angeschlossenem Kongress machen, sondern Kongresse, die auch Messemöglichkeiten bieten. Es muss nicht immer die komplette Messe sein. Wir können auch mal nur eine Halle mit Foyer bespielen.

Messe Freiburg Gebäude

bib: An wen denken Sie dabei?
Mohrmann: Ich denke an Kongresse mit 600 bis 1400 Menschen. Es muss mehr um die Qualität gehen und nicht so sehr um die Quantität. Ein Beispiel: Wir hatten jetzt den Deutschen Infektiologie-Kongress im Konzerthaus mit einer sehr hohen Qualität der Teilnehmer, die abends dann auch in die Innenstadt gegangen sind. Freiburg hat enorme Stärken für solche Kongresse. Die Teilnehmer reden viel von der sympathischen Gastlichkeit. Das klingt ein bisschen antiquiert, aber die Menschen fühlen sich hier einfach wohl. Freiburg und die Region sind ein Pfund. Das müssen wir viel stärker transportieren.

bib: Neue Messen sind kein Thema?
Mohrmann: Es ist in der heutigen Zeit sehr schwer, ein neues Messeprodukt zu lancieren, egal, ob im Endkunden- oder Geschäftskundenbereich …

bib: Mit der Econstra hatte Freiburg das versucht, hat sich aber nicht durchgesetzt.
Mohrmann: Eine neue Messe verschlingt viel Kapazitäten. Personelle und finanzielle. Im Kongress-Geschäft können Sie einfach auch kleiner starten und das Thema größer werden lassen. Ein sehr gutes Beispiel dafür, wie wir auch zukünftig mehr arbeiten wollen, ist das Käpsele Innovation Festival. Ein Hybrid zwischen Messe und Kongress. Mit der Haufe Group als großen Partner, der das Wachstum begleitet. Wir haben im nächsten Jahr den Deutschen Bauern-Tag, auch ein Hybrid, und den Deutschen Anwaltstag in Freiburg.

bib: Und das ist die Richtung?
Mohrmann: Auch das. Wir haben über die attraktive Großlage in Freiburg gesprochen, aber wir haben hier auch eine absolut gute Mikrolage. Wenn Sie aus dem Fenster schauen, sehen Sie das Münster, den Bahnhofsturm mit ICE-Anschluss, das Stadion, ein großes Freigelände, eine Straßenbahnanbindung. Wir müssen diese tollen Möglichkeiten in die Hand nehmen und die PS auch auf die Straße kriegen. Alles, was wir tun, hat auf Freiburg einzuzahlen. Das ist ganz, ganz wichtig.

bib: Eine Halle über einen gewissen Zeitraum an Dritte zu vermieten, ist kein Thema?
Mohrmann: Was ich mir vorstellen kann: Wir hatten jetzt über vier Monate lang die Banksy-Ausstellung. Wenn wir ein Thema haben, das relevant ist, reden wir darüber. Aber einen Dreijahresvertrag abzuschließen, wäre für die Flexibilität, die wir brauchen, nicht hilfreich.

bib: Die „Neue“ Messe gibt es jetzt seit 25 Jahren. Wie steht es um die Qualität der Infrastruktur?
Mohrmann: Nach 25 Jahren müssen wir selbstverständlich in die Technik investieren, in die Dächer und vieles mehr.

bib: Dafür gibt es ein Investitionsprogramm?
Mohrmann: Dafür wird es eines geben, das wir dem Gesellschafter und dem Gemeinderat vorstellen werden.

bib: Wenn Sie jetzt zwei Millionen Euro hätten, was würden Sie damit machen?
Mohrmann: Es wird Sie überraschen, aber ich würde als Erstes in Labor- und Start-up-Flächen investieren. Gerade Laborflächen müssen wir stärker in den Fokus nehmen.

bib: Die „wichtigste“ Frage zum Schluss an einen Stuttgarter: SC oder VfB?
Mohrmann: SC natürlich.

bib: Herr Mohrmann, vielen Dank für dieses Gespräch.

Fotos: © FWTM/Bender; bar