Der Klimakrise als Schwammstadt trotzen – Noch laufen Millionen Regenwasserliter in den Rhein Stadtentwicklung | 22.08.2025 | Philip Thomas
Der Klimawandel bringt Starkregen und Dürre — und verlangt ein Umdenken in der Stadtplanung. Statt Regenwasser sofort in die Kanalisation zu leiten, schicken Städte wie Freiburg sich an, eine Schwammstadt zu werden: Regen soll vor Ort versickern, verdunsten oder gespeichert werden. Umweltschützern gehen die Rathauspläne nicht weit genug.
„Wir machen immer wieder die Erfahrung, dass viele Leute nicht über das Thema Wasser nachdenken. Man ist daran gewöhnt, dass es aus der Leitung kommt, dadurch fehlt die Wertschätzung“, sagt Lina Graf, Geschäftsführerin des Freiburger Vereins Regiowasser. „Weil sich leider der Leidensdruck erhöht, rückt das Thema nun aber immer mehr in den Fokus“, ergänzt Nikolaus Geiler vom Verein.

Wünscht sich mehr Wertschätzung für Wasser: Aktivistin Lina Graf
Der 73-Jährige fordert, „einen Blick dafür zu entwickeln, was in den vergangenen Jahren in Freiburg städtebaulich versäumt wurde und wie man Regenwasser besser nutzen kann.“ Urbane Bereiche sind in der Regel verdichtet und versiegelt. Regenwasser kann von Straßen, Plätzen und Dächern nicht versickern. Das Ergebnis sind Überschwemmungen. Und in Trockenzeiten fehlt dann das Wasser.
Im Zuge des Klimawandels wird sich laut Freiburgs Umweltschutzamt nicht nur die Durchschnittstemperatur im Stadtgebiet bis 2050 um 1,6 Grad auf 11,4 Grad erhöhen. Auch trockener wird es in der Breisgaumetropole werden. Bis 2100 wird der Niederschlag im Sommer um 37 Prozent zurückgehen. Laut Daten der Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg (LUBW) ging die jährliche Regenmenge in Freiburg von 1974 bis 2020 bereits von 1000 Litern pro Quadratmeter im Jahr auf knapp 850 Liter zurück.
»Bäume sind die größten Schätze«
„Und das meiste davon verschwindet heute ungenutzt in der Kanalisation und geht als Abwasser in den Rhein“, sagt Geiler. Insgesamt acht Millionen Kubikmeter Wasser sind es laut dem Limnologen (Wasserwissenschaftler) jährlich. „Hier gilt die Devise: Das Regenwasser muss möglichst schnell weg. Aber das ist fatal“, sagt Graf. In Städten wie Singapur oder Rotterdam sei man da schon weiter.

Fordert mehr Tempo beim Umbau: Nikolaus Geiler von Regiowasser
Besser wäre, das Wasser in Baumscheiben im Stadtgebiet zu leiten. Laut BUND kann eine ausgewachsene Kastanie täglich bis zu 800 Liter Wasser verdunsten und so für Kühlung sorgen. „Bäume sind Klimaanlagen und die größten Schätze, die wir in einer Schwammstadt haben“, betont Geiler.
Wie wertvoll dieser Schatz ist, zeigt eine Simulation der Universität Freiburg aus dem vergangenen Jahr unter der Leitung des Umweltmeteorologen Andreas Christen (wir berichteten): Werden alle Bäume in der Wiehre per Mausklick entfernt, steigt die mittlere Lufttemperatur dort um ein Grad Celsius. Außerdem steigt die Hitzebelastung. Die Zeit, in der Menschen starkem Hitzestress ausgeliefert sind, verdoppelte sich im Rechenspiel ohne Grün.
Risikoanalyse bis 2026
Durch seine Lage im Oberrheingraben ist Freiburg ohnehin von höheren Temperaturen und längeren Trockenperioden betroffen. „Deshalb arbeitet die Stadt seit vielen Jahren an der Klimaanpassung“, erklärt Rathaussprecher Kolja Mälicke. Ein Aspekt dieser Maßnahmen ist die Verwandlung in eine Schwammstadt. 2018 stellte die Stadtspitze ein Handlungskonzept zum Thema Hitze vor.
Im vergangenen Jahr folgte eine Strategie zur Regenwasserbewirtschaftung im Rahmen einer gesamtstädtischen Klimaanpassungsstrategie: Unter anderem soll Regenwasser als Ressource besser genutzt und Freiräume wassersensibel gestaltet werden. Im Juni stellte das Rathaus Starkregenkarten online. Daraus ist ablesbar, wohin Wasser im Ernstfall fließt. Bis Mitte 2026 will das Rathaus eine Risikoanalyse vorlegen. Graf und Geiler finden die Papiere nicht weit genug: „Es braucht noch viel mehr Ehrgeiz und Kreativität.“
Rathaussprecher Mälicke verweist auf den begrenzten Platz im Freiburger Stadtgebiet: „Begrünung und Entsiegelung der gebauten Stadt sind aufgrund der bestehenden Flächennutzungen eine große Herausforderung.“ Es müsse im Einzelfall entschieden werden. Ihre Kommunikation mit dem Rathaus finden die Aktivisten Graf und Geiler nicht optimal. „Viele Vorschläge etwa zur Entsiegelung oder zu öffentlich verfügbaren Gießkannen zur Baumpflege werden abgelehnt“, sagt Graf. Sie wisse um die Nutzungskonflikte: „Wir wollen keinen Kulturkampf, aber Klimaschutz ist kein Selbstzweck, sondern Menschenschutz.“
»Wollen keinen Kulturkampf«
Die Folgen des Klimawandels abfedern soll eine „blau-grüne“ Infrastruktur: Teiche oder Seen werden mit Grünflächen in Parks, auf Dächern oder an Fassaden kombiniert. Die Mall GmbH mit Sitz in Donaueschingen verkauft Betonfertigteile und wirbt in einer 2024 veröffentlichten Studie daher auch für die Farbe Grau: Mit Pumpen und Zisternen soll Niederschlag dezentral in einen Wasserkreislauf gespeist werden.
Als positives Beispiel gilt darin ein im Bau befindliches Bürgerzentrum im hessischen Seeheim-Jugenheim. Auf den Ober- und Dachflächen des Forums anfallendes Regenwasser wird – so der Wunsch der Gemeinde – zukünftig direkt vor Ort behandelt und versickert. Von Parkplätzen und Gehwegen fließt es in einen sogenannten Lamellenklärer. Der vier Meter lange Behälter aus Stahlbeton kann Regenmengen von 15 Litern pro Sekunde und Hektar aufbereiten. Das aufbereitete Nass fließt anschließend in drei Sickertunnel aus Stahlbeton. Dorthin gelangt auf direktem Wege auch das Wasser von den Dächern, für das keine Behandlung erforderlich ist. Am Ende wird das Wasser ins Erdreich geleitet und damit dem Grundwasser zugeführt.
Bauherren sind laut Wasserhaushaltsgesetz verpflichtet, bei Neubau und Sanierung von öffentlichen Gebäuden Regenwasser als Ressource zu berücksichtigen: Wasser darf nicht mehr in Kanäle geleitet werden, sondern soll auf Grundstücken versickern, verdunsten oder in Zisternen gesammelt werden. Eine Befragung der Mall GmbH aus dem März mit rund 4500 Personen aus Tiefbau-, Ingenieur- und Architekturbüros sowie der Haustechnik in der DACH-Region ergibt, dass mehr als zwei Drittel eine stärkere Nachfrage bei zentraler (77 Prozent) und dezentraler (69 Prozent) Regenwasserbewirtschaftung beobachten.
Aber auch solche Baumaßnahmen haben Grenzen. Im August 2023 standen die Echte-Helden-Arena und die Emil-Thoma-Schule in Freiburg nach Starkregen binnen zwei Stunden unter Wasser. Die Feuerwehr fuhr rund 400 Einsätze. Im Stadtteil Wiehre stand das Wasser bis zu 30 Zentimeter hoch.
Landesweit führten heftige Regenfälle Ende Mai und Anfang Juni des vergangenen Jahres zu außergewöhnlichen Hochwassern, insbesondere in östlichen Neckarzuflüssen sowie in den Bodensee- und Donauzuflüssen im Raum Oberschwaben. Mehr als die Hälfte (60 Prozent) der Landespegel verzeichneten laut LUBW erhöhte Wasserstände. An 18 Messstellen im Südwesten wurden Abflüsse erreicht, wie sie statistisch nur alle 100 Jahre oder seltener vorkommen. Die Überschwemmungen hatten zwei Todesfälle im Rems-Murr-Kreis zur Folge und verursachten Schäden in dreistelliger Millionenhöhe.
Gewitter nicht akurat voraussagbar
Um Sturzfluten besser vorherzusagen, hat der Freiburger Hydrologe Markus Weiler an der Universität Freiburg einen Index entwickelt. In den sogenannten Sturzflutindex (SFI) fließt unter anderem ein, wie viel Wasser der lokale Boden aufnehmen kann, in welchem Maße er von Pflanzen bedeckt ist, ob das Gelände eher hügelig oder flach ist und welche Flüsse in der Nähe liegen. „Reine Niederschlagswarnungen, wie sie der Deutsche Wetterdienst herausgibt, sind dafür unzureichend. Aus starkem Regen muss nicht immer eine Sturzflut werden“, erklärt der Professor.

Selbst für Experten wie Markus Weiler sind Gewitter schwer vorherzusagen.
Grundsätzlich seien Gebiete mit hoher Versiegelung – etwa Städte oder Siedlungen – stärker von Sturzfluten bedroht, weil Wassermassen nicht versickern können. Ebenso betroffen seien Gegenden, die aufgrund ihrer Topografie, etwa anliegender Hänge, viel Zulauf bekommen können. „Mithilfe der Vorhersagen können Bewohner betroffener Gebiete in Zukunft hoffentlich rechtzeitig gewarnt, Alarm- und Einsatzpläne objektiviert und verbessert werden“, sagt der 54-Jährige.

Mit Hilfe des Sturzflutindex (SFI) könnte die Gefahr durch Sturzfluten in Zukunft besser vorhergesagt werden, um bei Starkregen wie in Bonndorf im Jahr 2015 gezielter reagieren zu können.
Das Problem bei der Berechnung: Nach wie vor lassen sich Gewitterzellen nicht akurat vorhersagen. „Realistischerweise liegen wir gerade in einem Bereich von 60 bis 90 Minuten Vorlaufzeit“, so Weiler. „Aber zumindest für Warnungen und Notfallmaßnahmen ist das ein ausreichender Zeitraum.“ Diese Informationen werden auch Rettungskräften zur Verfügung gestellt: „Wo sollte die Feuerwehr absperren? Welche Brücken sind befahrbar?“
Vorsicht sei besser als Nachsicht. Beim Thema Bevölkerungsschutz – etwa durch Warn-Apps wie NINA, der Notfall-Informations- und Nachrichten-App des Bundes – sieht der Experte aber noch Luft nach oben: „Da hinkt Deutschland hinterher.“ Auch Versicherungen nimmt Weiler in die Pflicht: „Diese könnten Anreize für Privathaushalte schaffen, bestimmte Maßnahmen gegen die Fluten zu treffen.“










