The Heart of the City: Die Kajo zieht viele neue Händler an – Pop-up-Store an der Schlossbergnase eröffnet Stadtentwicklung | 14.03.2025 | Lars Bargmann / Mitarbeit: Philip Thomas & David Pister
Innenstädte sind wie eine Visitenkarte. Für Gäste, aber auch für Einheimische. Wenn in der Innenstadt Läden leer stehen, gibt das ein schlechtes Bild ab. Es gibt keine deutsche Stadt, in der das nicht so ist. Die Frage aber ist: Befindet sich die Stadt in einer Abwärtsspirale oder macht der eine Leerstand nur Platz für eine neue Nutzung. „Vor 15 Jahren haben wir 20 Expansionsleiter von großen Filialisten angeschrieben, einen Tag später hatten wir 12 Kontaktanfragen“, erzählt Andreas Stauss, einer der großen Makler in Freiburg. Heute schreiben sie 100 an und freuen sich, wenn mal ein paar Rückmeldungen kommen.
Stauss hat nach dem Aus für die Modehäuser Kaiser im Juni 2022 das Gebäude mit dem Herrengeschäft an neue Eigentümer vermittelt. Ein Freiburger Family Office. Dort offeriert mittlerweile Salamander seine Schuh-Kollektion. Direkt nebenan, beim großen Damen-Gebäude, kommt bald mit Zara ein Frequenzbringer. 4500 Quadratmeter hat die Fast-Fashion-Kette (weltweiter Umsatz 2023: 26,1 Milliarden Euro) gemietet. Vermittelt von der MSI Gewerbeimmobilien GmbH. Durchaus ein Gewinn für die Fußgängerzone. Die noch wichtigere Nachricht aber war im vergangenen April, dass sowohl Galeria Kaufhof als auch Karstadt den rustikalen Filialen-Kahlschlag des Konzerns überlebt haben.

Schau in leere Fenster: (v.l.n.r) Café Westhoff, Adelhauser Str. 7a und 15, Schusterstr. 35, Salzstraße 11 (ehem. Café Lienhart), Rathausgasse 28, Kaiser-Joseph-Straße 198–200 und das einst kultige Eis-Café Capri in der Gerberau 30
Direkt neben Zara wird die Wäschemarke Mey noch einen Shop eröffnen. Auf der anderen Seite des Bertoldbrunnens an der Kajo, im Gebäude, wo Jahrzehnte erst Foto Stober und zuletzt Sonnenbild war, eröffnet am 20. März der Freiburger Modehändler Cult Fashion einen weiteren Store eröffnet. Auch an der Kajo, wo bisher Esprit war, wird Zalando im zweiten Quartal ein Outlet eröffnen. Auf die frei gewordene Salamander-Fläche ist die Thalia-Buchhandlung gezogen. Es geht was an der wichtigsten Einkaufsmeile der Stadt. Mit Urban Outfitters ist noch ein weiterer Textiler im Anflug auf die Bertoldstraße 5 – in the Heart oft he City.
Der Einzelhandel stirbt nicht, er ist im Wandel, sagt der Innenstadtkoordinator der Freiburg Wirtschaft Touristik und Messe GmbH (FWTM), Thorsten Schäfers: „Weg von Mono-Stores wie Scotch & Soda oder Superdry, hin zu Läden mit größerer Marken-Auswahl. Quasi das Internet im Kleinen.“ Die damit gesteigerte Attraktivität der Innenstadt würde auch eine Sogwirkung für kleinere, lokale Geschäfte bedeuten.
Die FWTM arbeitet selber mit: Seit vier Jahren sind Pop-up-Stores in Freiburg ein Thema. Zehn wurden in dieser Zeit realisiert – aus fünf davon sind eigene Geschäfte entstanden. Darunter das Vintage-Geschäft „Heartlight Vintage“ oder die Risodruckerei „inkiinki“. Seit 2022 wird die Umsetzung von Pop-up-Stores durch das Bundesprogramm „Zukunftsfähige Innenstädte und Zentren“ gefördert. „Wir haben in den vergangenen Jahren verschiedene Konzepte ausprobiert. Die ganze Erfahrung ist dann in den Pop-up-Store im ehemaligen Westhoff geflossen“, sagt Schäfers. Ergebnis: Kultur und Kommerz zieht.
Das neueste Pop-up-Projekt hat am 12. März in einem alten Gebäude an der Schlossbergnase eröffnet, in dem zuvor ein Antikladen war. Der Betreiber ist verstorben – seit Mitte vergangenen Jahres ist das Ladengeschäft ungenutzt. Wie im Westhoff das „Cafe Ruef“ hat sich die FWTM auch beim Schwabentorplatz 1 mit dem „au contraire“ ein Gastro-Unternehmen mit ins Boot geholt. „Weniger Party und mehr Kultur“, sagt Schäfers über das Konzept. Pingpong am Mittwoch, 80er-Konsolenspiele am Donnerstag, Social-Bike-Rides, eine Schauspieltruppe. Die Ausstattung stellt IKEA: Wer den Sessel gut findet, auf dem er sitzt, scannt den QR-Code und kauft das Teil. Zur Eröffnung kamen neben mehr als 100 Interessierten etwa Finanzbürgermeister Stefan Breiter und FWTM-Chefin Hanna Böhme sowie mehrere Stadträte.
Fünf Wochen lang musste das Gebäude von 1879 dafür auf Vordermann gebracht werden. Der Pop-up-Store bleibt vorerst bis Ende Juli. Und dann? „Die Stelle ist hervorragend geeignet für einen langfristigen Café- und Barbetrieb. Das ist ein Test, ob das mit der Nachbarschaft vereinbar ist“, erzählt Schäfers. Die Stadt sei bereit, eine Umnutzung zu tragen. Falls sich viele Anwohner beschweren, bleibt es beim Einzelhandel. Schäfers sagt aber auch: „Wenn ich eine Belebung anstrebe, dann will ich das 24/7. Wer in der Innenstadt lebt, muss damit rechnen, dass es mal lauter werden kann. Das ist das Herz der Stadt und das muss schlagen.“
Zu den Dingen, die die Attraktivität der Innenstadt erhöhen können, zählen für Makler Stauss nicht nur weniger Innenstadt-Demos an Wochenenden (allein am zweiten März-Wochenende waren es acht), sondern auch ein besseres Parkplatzangebot, eine bessere Baustellenkoordinierung, eine insgesamt autofreundlichere Politik: „Die Händler in der Innenstadt können nicht allein von der Region leben, sie brauchen die Schweizer, die Franzosen.“ Bei der Debatte um die stark gefallenen Mieten für die Eigentümer aber macht er nicht mit: „In der Innenstadt werden immer noch gute Mieten bezahlt, nur eben keine Phantasiemieten mehr.“ Wie damals, als sich ein Dutzend Expansionsleiter um eine freie Handelsfläche auf der Kaiser-Joseph-Straße beworben hatten.
Stauss hadert aber mit dem Baurecht. Steht ein Laden leer, braucht es meistens aufwendige Bauanträge für Umnutzungen. Und diese Prozesse „dauern einfach zu lang“. Wenn es nach ihm gehe, brauche es ein konzertiertes Beschleuniger-Team mit ausreichenden Befugnissen: „Wenn wir bei jeder Umnutzung ein Jahr brauchen, bis ein neuer einziehen kann, ist das schlecht für die Innenstadt.“
Um mehr Tempo bei der Stärkung der Innenstadt geht es auch der neuen „Stadtinitiative Gemeinsam Freiburg“. Mit dabei sind Gastronomen, Händler, die Hotellerie, Dienstleister, Immobilieneigentümer und Kulturschaffende. „Jeder will eine belebte Innenstadt“, sagt Hanna Böhme, Geschäftsführerin der FWTM, die wie 125 andere auch Mitglied im neuen Verein ist. Dessen hauptamtliche Geschäftsführerin Carmen Siecke kommt aus dem Marketing: „Wenn alle Akteure zusammenkommen, die ein Interesse daran haben, dass Freiburg lebendig und attraktiv bleibt, können wir einiges erreichen.“

Hat Potenzial: neuer Pop-up-Store an der Schlossbergnase
Neue Kommunikationskanäle und ein direkter Draht zum Büro des Freiburger Oberbürgermeisters Martin Horn sollen Prozesse vereinfachen und beschleunigen. Zur Verfügung stehen dem Verein jährlich 150.000 Euro für die kommenden drei Jahre. Das Geld stammt aus Mitgliederbeiträgen und der Übernachtungssteuer. Projekte wie der Freiburg-Gutschein, der in mehr als 50 Geschäften der Freiburger Innenstadt eingelöst werden kann, will die Initiative weiterführen.
Für mehr Attraktivität in der Innenstadt hat sich auch die Freiburger Altstadtgesellschaft ins Zeug gelegt. Seit Ende Februar ist das Gebäudeensemble rund ums Martinstor gekonnt beleuchtet. Macht Eindruck. Aber wäre Freiburg Freiburg, wenn nicht ein paar Tage später der örtliche BUND die Beleuchtung kritisiert, weil das künstliche Licht negativ auf nachtaktive Insekten und andere Tiere wirke?
Aktueller Leerstand City Freiburg*:
Adelhauser Straße 7 a+b, 15, 21
Augustinerplatz 2
Bertoldstraße 16
Gerberau 30
Kajo 172–174, 191, 198–200, 220
Predigerstraße 3, 7
Rathausgasse 13, 16–18, 25, 28, 34
Salzstraße 11, 16, 37–39, 51
Schusterstraße 24, 28, 35
Turmstraße 4
Unterlinden 3, 10
Bald nicht mehr leer:
Augustinerplatz 2
KaJo 172–174, 223, 198–200, 191
Rathausgasse 34
*ohne Anspruch auf Vollständigkeit und Gewähr
Exklusiv: Der Freiburger Videograph Daniel Veryao hat ein neues Video zur Freiburger Innenstadt gedreht – und das gibt es hier: https://www.youtube.com/watch?v=ywRh86H1fh8
Fotos: © Michaela Moser; Collage: Sven Weis, freepik.com, Thomas Kunz










