Wo steckt das Käpsele? – Innovation, KI und Bubbles business im Breisgau | 22.07.2025 | David Pister
Beim zweiten Käpsele Innovation Festival in Freiburg trifft Zukunft auf Schwarzwald-Stil. 1200 Teilnehmende, VR-Brillen, Robo-Hunde und jede Menge Networking. Zwischen Buzzwords und lila Halsbändchen wird sichtbar, was Innovation heute bedeutet – und wo das Käpsele wirklich steckt.
„Smart City, Datensätze, Künstliche Intelligenz, Partizipation.“ Diese Buzzwords werden den Besucherinnen und Besuchern im Eingangsbereich des Käpsele Festivals zwischen zwei riesigen LED-Bildschirmen ins Ohr gehaucht. Buzzwords nicht Schlagworte. Es heißt ja auch Schwarzwald-Origin, Innovation und Leadership. Schwarzlicht, Geräusche wie aus 4000 Meter Tiefe: futuristisch-dystopisch. Wie unter Deck eines Raumschiffs. Aber auch dort boomert es gewaltig: Das Handy wird gezückt. Ups! Front-Kamera an. Schnell wechseln und ein Bild schießen. Aber doch nicht mit Blitz. Und nicht horizontal. Das Handy verschwindet in der Hosentasche.
Nachdem die Premiere im vergangenen Jahr auf dem Gelände des Zelt-Musik-Festivals mit ausverkauftem Haus geglückt ist, ging das Festival in der SICK-Arena der Messe Freiburg in die zweite Runde. Unter dem Motto „Raus aus der Bubble – rein in die Zukunft“ wollen die Veranstalter der Freiburg Wirtschaft Touristik und Messe GmbH (FWTM) und die Industrie- und Handelskammer Südlicher Oberrhein (IHK) Start-ups, etablierte Unternehmen und kreative Köpfe zusammenbringen. Wen trifft man wirklich auf der als Festival getarnten Messe? Und wo versteckt sich das Käpsele?
1200 Innovationsbegeisterte sind da. Für weitere 300 hätte es noch Tickets gegeben. Auf der Hauptbühne läuft ein Countdown ab, und kurz meint man, doch auf einem richtigen Festival gelandet zu sein: Hip-Hop-Beats, Lichtshow, Strobo. Dann betreten aber nicht Kendrick Lamar oder Ski Aggu, sondern Dieter Salomon, IHK-Geschäftsführer, und Hanna Böhme, Geschäftsführerin der FWTM, die Bühne. Die Nachricht oder wahlweise Message auch vom folgenden Panel: Schaut über den Tellerrand! Don’t overthink it! Also rein da.
Die Matchmakerin

Clementine Carbon
Clementine Carbon, 22, steht an einem Stehtisch mit dem 23-jährigen Yash Ahwin Mistry. Sie hat sich die App „talque“ heruntergeladen. Damit kann sie nicht nur sehen, welche Veranstaltungen anstehen, sondern auch, mit welchen Teilnehmenden sie Gemeinsamkeiten hat. À la: Ich biete dies, suche das und finde jene Themen relevant.
Sie und Mistry haben 80 Prozent Übereinstimmung. Carbon ist im Zuge ihres Maschinenbau-Studiums Praktikantin beim Medizintechnik-Unternehmen Stryker Leibinger – Mistry ist Masterstudent für Mikrosystemtechnik. Beide sind hier, um Menschen kennenzulernen. Auch für den Arbeitsmarkt. Networking also. „Man ist hier, um aus seiner Bubble rauszukommen. Es ist sehr einfach, mit den Leuten in Kontakt zu kommen“, sagt Carbon.
Der Vorbeigeschneite

Hamza Khan
Das kann Hamza Khan nicht unterschreiben: Etwas einsam sitzt er im Liegestuhl. Ironischerweise im „Netzwerkwald mit Bäumen zum Abschalten“ im Außenbereich. „Ich habe mehr junge Leute erwartet und vielleicht ein paar Kommilitonen. Kontakte knüpfen ist bei mir unrealistisch. Ich bin eher zurückhaltend“, sagt der 21-Jährige.
Khan studiert Embedded Systems Engineering und hat das Ticket zufällig von einem Studi aus seinem Wohnheim, der kurzfristig nicht kommen konnte. Den Preis von 117,81 Euro für Studierende, Azubis und Start-up-Menschen hätte er nicht bezahlt. Trotz seines Networking-Defizits ist Khan zufrieden mit dem Festival: „Es macht Spaß, die Stände der Unternehmen auszuprobieren und bei den Vorträgen zuzuhören“, sagt er.
Am Eingang konnten alle Teilnehmenden eine Farbe für ihr Namensschild aussuchen. Die Farben stehen für Codes. Grün für Netzwerk erweitern, Gelb für die Suche nach Investoren, Blau für Start-ups, Pink für Wissenschaftskooperationen. Und Lila für: „Ich will Spaß und meine Ruhe.“ Um Hamza Khans Hals baumelt ein lila Band.
Der Vernetzte

Oliver Giuffrida
Oliver Giuffrida trägt Orange. Heißt: „Ich suche Industriepartner“. Klar. Er ist Salesmanager im Vertrieb bei der Informatec Germany GmbH, einem Anbieter für Datenanalysen und Geschäftsberichte. Seit 25 Jahren. Und Netzwerk-Profi. „Das ist eine unübliche Messe. Lockerer, cooler gemacht. Hier herrscht Start-up-Atmosphäre. Und da steckt auch was dahinter“, sagt Giuffrida. Mit der Veranstaltungsapp hat auch der 45-Jährige schon Meeting-Slots gebucht, um mit potenziellen Industriepartnern ins Gespräch zu kommen. Innovative Lösung, findet er.
Partner sucht er vor allem im Bereich KI und Robotik. „KI ist nicht mehr wegzudenken. In jeder Software steckt die mittlerweile drin“, so Giuffrida. Würde den erfahrenen Vertriebler ein lila Bändchen abschrecken und er die Person, die ja Spaß und Ruhe sucht, nicht ansprechen? Er lacht. „Nein, ich weiß ja gar nicht mehr, was das bedeutet.“
Die Entdeckerinnen

Emma und Silke Galenski
Emma Galenski und ihre Mutter Silke pflanzen Bäume. Während Emma Galenski die schnell wachsenden Pflanzen schon mit der Kettensäge niedermäht, kämpft Silke Galenski mit einem Holzschädling. Vermutlich ein Borkenkäfer. Dann ziehen die beiden ihre VR-Brillen ab. Trotz des Schädlings konnte Silke Galenski mit dem gewonnenen Holz eine Villa und zwei Blockhäuser bauen.
Die Simulation ist vom Zentrum Holzbau Schwarzwald und soll unter anderem für einen künftigen Campus in Menzenschwand werben. Dort soll dann auch spielerisch gelernt werden, wie eine moderne Ausbildung im Holzbau aussieht: Expertise im Handwerk, Design, Bauingenieurswesen und in der Architektur sollen vermittelt werden.
Wo Innovation draufsteht, darf natürlich Virtual Reality nicht fehlen. Und auch die Robo-Tiere von der US-amerikanischen Firma Boston Dynamics gehören bei so einer Veranstaltung einfach dazu. Der Stand des Instituts für Intelligent Machine-Brain Interfacing Technology (IMBIT), einem Institut der Universität Freiburg am Technischen Campus, ist dank des Roboters am höchsten frequentiert.
Es geht aber weniger um das Robo-Tier als um die darauf verbaute Kamera und den 3D-Sensor. Mithilfe von Prompts können Zielobjekte erfasst werden. Simon Bartmann demonstriert dies anhand eines Tisches. Auch wenn die Objekte nicht prototypisch wie ein Tisch mit vier Beinen aussehen, erkennt der Roboter die Objekte richtig. Ein denkbares Anwendungsfeld wäre im Wald, um Ökosysteme zu beobachten oder Bereiche zu kartieren.
Der Überraschte

Johannes Carl
„Ich hab’ schon Bock“, sagt Johannes Carl mit einem Wrap in der Hand. Noch sei er aber am Beobachten und wisse nicht so recht, was er vom Festival erwarten soll. Er ist im Social Innovation Lab im Grünhof und bietet als freiberuflicher Psychologe betriebliches Gesundheitsmanagement an. Ob er mit seinem Berufsfeld hier richtig ist? Oder ist es hier doch zu „techy“? Zeitlicher und räumlicher Sprung: Der 28-Jährige strahlt. „Ich bin total positiv überrascht“, ruft er. Er war gerade bei einem Vortrag: „Wie die GenZ das Gesundheitssystem umkrempelt.“ Carl ist begeistert. „Das hätte ich nicht erwartet, dass hier die jüngeren Stimmen gesehen und gehört werden. Dadurch ist die Relevanz zu sehen.“
Der Speaker

Stefan Peikert
Vier Bühnen, 21 Bühnenformate, 21 Erlebnisstationen, zwei Masterclass-Iglus und insgesamt 95 Speakerinnen und Speaker. Einer davon: Stefan Peikert. Der 57-Jährige vertritt seit 2015 die Wirtschaftsförderung des US-Bundesstaates Wisconsin und ist für die Exportförderung und Gewinnung europäischer Direktinvestitionen in Wisconsin zuständig. „Ich war im Vorfeld überrascht. Von außen blickt man sehr positiv auf das Ökosystem Schwarzwald und The Länd. Von innen klingt das ganz anders und nach schwierigen Zeiten“, sagt Peikert. Er meint, es ist Zeit für mehr Zuversicht. „Bescheidenheit ist nicht immer das Wichtigste“, so Peikert.
Das Käpsele
Wo ist es nun, das Käpsele? Ist es der Überraschte, die Entdeckerin oder doch der Vernetzte? Das Käpsele läuft nicht mit einem Namensschild durch den Netzwerkwald und das Strobo-Licht. Es sitzt vielleicht irgendwo zwischen Robo-Hund und LED-Screen. Zwischen einem Aha-Moment, einem neugierigen Blick, einem mutigen Satz. Manchmal ist das Käpsele keine Person, sondern ein Zustand. Das, was entsteht, wenn man sich traut, kurz nicht zu wissen, wie es weitergeht – und trotzdem losläuft.
Fotos: © David Pister











