Achtung, gefährlich!: Illegale Substanzen aus dem Netz, Drogenhilfe klärt auf Gesellschaft | 04.12.2021 | Till Neumann, David Baldysiak

Spritzen und Drogengläschen

Wer Rauschmittel sucht, muss dafür nicht mehr auf die Straße. Auch auf Instagram und Co. gibt es viele illegale Substanzen zu kaufen. Wie das junge Menschen in den Drogensumpf ziehen kann, zeigt das Buch „Bis einer stirbt“. Das f79 hat die Autorin gefragt, wie man sich davor schützen kann. Außerdem berichtet ein Experte der Drogenhilfe Freiburg, was die größte Gefahr für junge Menschen in Sachen Drogen ist.

 

„Wir wollen aufklären“

Drogenhilfe informiert in Clubs zu Ecstasy und Co.

Welche Drogen sind gefährlich? Wie komme ich sicher durch den Clubabend? Was ist in Ecstasy eigentlich drin? Solche Fragen beantwortet ein Awareness-Team der Drogenhilfe Freiburg aktuell mit dem Projekt „Drobs in Space“. Mitarbeiter Marc Funke berichtet, was ein Infostand im Hans-Bunte-Areal bringt.

Wer in Freiburg feiern geht, kann sich in Clubs über Rauschmittel informieren. Ein Team der Drogenhilfe Freiburg ist derzeit mit einem bis zu fünfköpfigen Team und Infoständen im Nachtleben unterwegs – unter anderem im Hans-Bunte-Areal. „Der Drogenkonsum rutscht immer mehr in die Anonymität, wir wollen Jugendliche früher erreichen“, erklärt Projektleiter Marc Funke.

Mit „Drobs in Space“ klärt das Team rund um Safer Use auf. Die größte Gefahr seien nicht nur K.O.-Tropfen, sondern „das Unwissen über die Risiken von legalen wie illegalisierten Substanzen und der Mischkonsum“, sagt der 49-Jährige. „Das Problem ist, dass die jungen Menschen oft nicht wissen, was drin ist.“ Viele experimentierten rum, teilweise mit massivem Überkonsum, berichtet der Diplom-Sozialarbeiter. Angesagt seien auch bei sehr jungen Menschen Cannabis, Opioide oder synthetisch hergestellte Substanzen wie Ecstasy und Amphetamine. Auch der Handel im Internet trage zu deren Verfügbarkeit bei.

Marc Funke

An den Info-Ständen gibt’s Flyer, Alarmklingeln und kleine Safer-Use-Päckchen mit Oropax, Kondomen und Sniefblättchen für den sichereren Konsum. „Wenn sich Jugendliche Röhrchen teilen, können sie sich zum Beispiel mit Hepatitis-C-Viren anstecken“, sagt Funke. Wichtig ist ihm, dass das Projekt präventiv arbeitet: „Wir wollen auf Risiken hinweisen, nicht zum Konsum auffordern.“ Das Projekt möchte auch junge Leute ausbilden, in Clubs Ansprechpartner für sichereres Feiern zu werden.

Das Einstiegsalter wird jünger, berichtet Funke. Cannabis werde in Ausnahmefällen schon mit 11, 12 Jahren konsumiert. Mit 13 machten Jugendliche erste Erfahrungen mit synthetischen Drogen. „Je jünger sie sind, desto weniger Wissen ist da“, sagt Funke. Ein entscheidender Punkt sei auch, aufeinander aufzupassen. „Die größte Gefahr ist, nicht vorsichtig genug zu sein“, sagt der Experte. Feiernde müssten sich fragen: Mit wem gehe ich auf die Party? Was nehme ich zu mir? Welche Risiken gehe ich ein? Er sieht aber auch positive Tendenzen: „Es gibt eine Kultur des Aufpassens bei jungen Menschen, viele machen das schon.“

Jugendliche beim Feiern und Drogen nehmen

Sein Team setzt sich für das sogenannte Drugchecking ein, das in Deutschland verboten ist. Dabei können Drogen in Apotheken abgegeben werden, um sie kostenlos auf die enthaltenen Substanzen prüfen zu lassen. In Frankreich, den Niederlanden oder Spanien gibt es das bereits. „Wir befürworten das“, sagt Funke. Jedoch sollte jede Testung an ein Beratungsgespräch gekoppelt sein. Seine Erfahrung ist, dass viele Jugendliche offen für eine Beratung sind.

Die Drogenhilfe Freiburg ist in Trägerschaft des Kreisverbands Freiburg der Arbeiterwohlfahrt. Die Aktion Mensch hat „Drobs in Space“ anschubfinanziert. Wer sich einbringen möchte oder eine Drogenberatung wünscht, kann sich beim Team melden.

Mehr Infos
www.drobsinspace.de
www.drogenhilfe-freiburg.de

 

Gefährliches aus dem Netz

Autorin warnt mit „Bis einer stirbt“ vor digitaler Drogenszene

Drogen. Mittlerweile sind sie auch im Internet verfügbar. Die Journa-listin Isabell Beer hat dazu „Bis einer stirbt“ geschrieben, das als Jugendbuch im Carlsen Verlag erschienen ist. Es erzählt die wahre Geschichte von zwei jungen Menschen im Drogensumpf. Im Interview mit f79-Autor David Baldysiak spricht Beer von Beklemmung, Gefahren und Auswegen.

Das Buch ist ein aufwühlender Bericht über Drogendealerei im digitalen Zeitalter. Nach ersten Konsumerfahrungen rutscht Josh in die Drogenszene im Internet ab. Er vernetzt sich mit anderen Konsumenten, bestellt immer krassere Substanzen, erhöht die Dosis. Online lernt er auch die heroinabhängige Leyla kennen. Anders als Josh bewältigt sie ihren Alltag. Aber die Drogen kosten beide viel: nicht nur Zeit für Freunde oder Familie, sondern auch Freiheit und Gesundheit.

f79: Frau Beer, wie kamen Sie auf das Thema?

Beer: Das fing an, als ich auf Facebook-Gruppen gestoßen bin, die sich mit dem Thema Drogen beschäftigt haben. Mich hat interessiert, was darin vorgeht. Ich bin mit verschiedenen Profilen beigetreten und habe mitgelesen. Man kann sich nicht vorstellen, dass da jemand öffentlich mit Drogen handelt. Aber das ist tatsächlich passiert.

f79: Was haben Sie dort entdeckt?

Beer: Auch Minderjährige und Jugendliche waren Mitglieder. Sie haben sich über Substanzen ausgetauscht. Leute haben gepostet, was sie sich geben. Also wirklich von Cannabis bis hin zu Heroinspritzen. So bin ich auf Josh und Leyla gestoßen.

f79: Die beiden wollen „alles mal ausprobieren“. Was können junge Menschen gegen diesen Drang tun?

Beer: Das ist ein echt krasses Gefühl, weil man sieht, Leute werfen sich irgendwas ein und sind in einer ganz anderen Welt. Ich würde raten, ganz genau darüber nachzudenken, ob man das machen will und ob das wirklich die eigene Entscheidung ist. Oder möchte man das nur machen, weil man dazugehören will?

Autorin Isabell Beer

f79: Wenn ein Freund in die Szene abrutscht, wie reagiert man da?

Beer: Man kann mit dem Freund reden. Aber nicht, dass man sagt: „Du darfst das nicht machen.“ Man sollte ehrlich versuchen, zu sprechen. Auch über Safer-Use-Regeln. Man kann sagen: „Setz dich damit auseinander.“ Und wenn man das Gefühl hat, das driftet total ab, kann man sich an öffentliche Stellen wenden, die einem da weiterhelfen können.

f79: Leyla will, dass das Buch den Drogenkonsum nicht romantisiert. Wird das oft verherrlicht?

Beer: Ich glaube, das hat sich nicht verändert im Vergleich zu früher. Mir ist nur aufgefallen, dass das in der Musik viel vorkommt. Das zieht sich durch die Geschichte. Heute bei Capital Bra und Tilidin, über das er sehr undifferenziert rappt. Jugendliche denken vielleicht, dass sie denen nah sein können, wenn sie das auch nehmen. Das halte ich für ein großes Problem.

f79: Ein Problem von Leyla und Josh ist, dass sie mit niemandem über ihre Sucht reden können. Gibt es dafür eine Lösung?

Beer: Ich glaube, als Eltern ist es schwierig zu helfen. Für viele Jugendliche ist das eine Zeit, da möchte man nicht mit ihnen über Probleme reden. Es ist nur wichtig, es überhaupt zu tun. Ob das Freunde sind oder die Telefonseelsorge, der Online-Kummerkasten, wo man auch im Chat schreiben kann. Es gibt ja auch Therapieangebote, die man ab einem gewissen Alter wahrnehmen kann.

Die Autorin
Isabell Beer, geboren 1994, arbeitet als Journa­listin für funk, das junge Angebot von ARD und ZDF, und schreibt freiberuflich für DIE ZEIT. Für eine Undercover-Recherche wurde sie für den Deutschen Reporterpreis in der Kategorie Investigation nominiert. „Bis einer stirbt – Drogenszene Internet“ ist ihr erstes Buch. Für die zugrundeliegende ZEIT-Recherche erhielt sie den Otto-Brenner-Newcomerpreis 2019.

Fotos: © iStock.com/standret; privat; Carlsen Verlag