„Buchbinden wird unterschätzt“: Susanne Natterer hält uralte Handwerkskunst am Leben Handwerk | 20.07.2022 | Katharina Thoma

Ausprobiert: chilli-Autorin Katharina Thoma in der Buchbinderei Natterer

In einem kleinen Hinterhof im Freiburger Stadtteil Wiehre liegt die Werkstatt von Susanne Natterer.  An bis zu 100 Jahre alten Schneidemaschinen und kistenweise Papier geht die 63-Jährige einem Beruf nach, der als Gewerbe im späten Mittelalter entstand: Buchbinderei. Die Geheimnisse des Jobs vermittelt Natterer auch bei Kursen.

Buchbinderin: Susanne Natterer

Sorgfalt ist gefragt

„Buchbinden wird unterschätzt“, sagt die Handwerksmeisterin. Ihre meisten Kund·innen wünschen Reparaturen lieb gewonnener Bücher. Doch der Beruf geht weit darüber hinaus: Gerade die künstlerischen Aspekte machten die Arbeit spannend und herausfordernd. Davon ist die Buchbinderin mit mehr als 25 Jahren Berufserfahrung überzeugt. Materialien wie Pergament, Leder oder Holz erweitern den Spielraum. Besonders stolz ist Natterer auf einen Auftrag, für den sie ein Bilderbuch aus den 20er-Jahren samt Skizzen des Künstlers in einer Kassette zusammenfasste.

Was es für den Job braucht? Sorgfalt, Geduld und Liebe für das vielseitige Material Papier, sagt Natterer. Außerdem die Fähigkeit, gut alleine zu arbeiten. Wie viele Buchbindereien ist auch die Werkstatt von Natterer klein. Seit 2010 arbeitet sie dort gemeinsam mit der Buchbindemeisterin Iris Haischer.

„Papier ist beständiger“

In Zeiten der Digitalisierung ist die Buchbinderei ein aussterbendes Handwerk. Das zeigen Zahlen des Zentralverbands des Deutschen Handwerks: 2020 hat er 81 Auszubildende gezählt, 2000 waren es noch knapp 500. In Freiburg seien fünf Buchbinder·innen ansässig, mehr als in anderen Regionen, so Natterer.

Manche Aufträge wie das Binden von Fachzeitschriften für Rechtsanwält·innen seien durch die zunehmende Digitalisierung schon weggefallen. Dass digitale Medien Bücher in Zukunft vollständig ersetzen werden, glaubt die Buchbinderin aber nicht. Sie ist überzeugt: „Papier ist beständiger“.

Hoher ideeler Wert

Manche Kund·innen zögerten, den Preis für echte Handarbeit zu zahlen, berichtet die Handwerksmeisterin. Einen Preisrahmen möchte sie chilli gegenüber nicht nennen. Nur so viel: Der hohe ideelle Wert der Bücher sei für viele letztendlich ausschlaggebend, sich für eine Reparatur zu entscheiden. Die Kosten entstehen hauptsächlich durch die Arbeitsstunden. Hinzu kommen steigende Materialkosten, teilweise pandemiebedingt. So habe sich der Preis für Pappe kürzlich um 25 Prozent erhöht. 

Von der Buchbinderei allein kann Susanne Natterer nicht leben. Vor der Ausbildung zur Buchbinderin arbeitete sie als Ergotherapeutin. Bis heute führt sie diesen Beruf neben der Arbeit in der Werkstatt fort. Die Buchbinderei möchte sie noch mindestens vier Jahre weiter betreiben. Einen Nachfolger oder eine Nachfolgerin gibt es noch nicht.

Alltagsflucht oder Schnupperpraktikum

Wer sich selbst als Buchbinder·in versuchen will, kann bei Susanne Natterer einen Kurs besuchen. Unter Anleitung der erfahrenen Handwerksmeisterin können Teilnehmende über ein Wochenende eigene Werke gestalten. Das Kursprogramm bietet nicht nur das klassische fadengeheftete Buch. Experimentierfreudige können sich beispielsweise für eine Fächermappe oder eine Schachtel mit japanischem Verschluss entscheiden. Ein Kurs kostet 120 bis 140 Euro, zuzüglich Materialkosten.

Infos zu Kursen in der Buchbinderei gibt es auf www.buchbindereinatterer.de sowie unter Telefon 0761 73058 oder per Mail an info@buchbindereinatterer.de. Die Buchbinderei Natterer befindet sich an der Konradstraße 11 in 79100 Freiburg.

Fotos: © privat & Katharina Thoma

Allen Zweifeln zum Trotz: Influencerin Anna-Lena Hochuli wirbt fürs Handwerk