»Schwieriger Spagat« – Der Freiburger USA-Experte Philipp A. Nürnberger über Trump, Zölle und Dekrete Politik & Wirtschaft | 15.03.2026 | Lars Bargmann
Die New York Times hat neulich in einem Kommentar die Frage aufgeworfen, ob die Entscheidung des Supreme Courts, die von Donald Trump im Alleingang verhängten Zölle auf der Grundlage eines Notstandgesetzes als illegal zu werten, die „wichtigste des Jahrhunderts“ sei. Und mit „ja“ beantwortet. Möglicherweise habe das Gericht die Gewaltenteilung und damit die Demokratie gerettet. Trump hat gewohnt unsouverän reagiert und trotzig erst 10, dann 15 Prozent auf alles verkündet. Außer auf Tiernahrung, möchte man sich fragen. Gefragt hat Chefredakteur Lars Bargmann aber einen, der seit neun Jahren als New Yorker Anwalt zum amerikanischen Recht berät und seit gut einem Jahr wieder in Freiburg ist, wo er einst auch sein Abitur gemacht hatte: Philipp A. Nürnberger.

Philipp A. Nürnberger
bib: Herr Nürnberger, Vertrauen und Verlässlichkeit sind Grundpfeiler von Geschäftsbeziehungen. Würden Sie Geschäfte mit Donald Trump machen?
Nürnberger: Ich persönlich nicht. Aber die Unternehmen mit USA-Geschäft, die ich berate, machen ja keine Geschäfte mit Trump, sondern mit etablierten Partnerunternehmen in den USA und das vielfach schon seit Jahrzehnten.
bib: Wie macht man einen Deal mit einem, der am nächsten Morgen die Spielregeln ändert?
Nürnberger: Wir müssen zwei Ebenen unterscheiden, eine wirtschaftliche und eine politische. Politisch sind die Verlautbarungen von Trump ein unglaublich destruktiver Störfaktor. Aber es gibt auf der wirtschaftlichen Ebene trotz allem ein sehr gut funktionierendes, businessfreundliches Umfeld. Ich kann etwa in den USA in einer Stunde ein Unternehmen gründen. Und deutsche Firmen können in den USA immer noch hervorragende Geschäfte machen. Die Kaufkraft der Amerikaner ist sehr hoch, das ist und bleibt ein riesiger Markt.
bib: Unter dem Dach der IHK Südlicher Oberrhein oder auch des Wirtschaftsverbands Industrieller Unternehmen in Baden sind nicht wenige Firmen mit USA-Geschäft. Wie sollen oder können sich diese in diesen Zeiten mit diesem Präsidenten verhalten?
Nürnberger: Investitionsentscheidungen werden nicht auf wenige Jahre getroffen, da denken Unternehmen oft in Zeiträumen von zehn Jahren und mehr. Im November sind die Midterm-Wahlen, es sieht nicht danach aus, dass Trump aus diesen gestärkt hervorgehen wird.
bib: Seine zweite Amtszeit endet erst im Januar 2029 …
Nürnberger: Ich kenne, auch aus meiner eigenen Mandantschaft, viele Unternehmen, die jetzt entscheiden, lieber auf einem unsicheren Terrain zu arbeiten, als sich aus dem US-Geschäft zu verabschieden. Momentan gibt es einfach nicht mehr Sicherheit. Man darf aber nicht vergessen, dass die USA noch föderaler sind als Deutschland. Wenn Sie einen Gouverneur haben, gleich welcher Partei, der in seinem Bundesstaat starke Auslandsbeziehungen hat, dann kann Trump dem nicht so einfach per Dekret vorschreiben, wie er im Umgang mit ausländischen Firmen vor Ort was zu regeln hat. Dann würde er eine Abfuhr kassieren.
bib: Der bisherige wirtschaftliche Erfolg von Trumps Zollpolitik ist in den USA sehr bescheiden – auch schon vor dem Urteil des Supreme Courts. Warum sind die Zölle Trumps Lieblingsinstrument in der Wirtschaftspolitik?
Nürnberger: Trump fokussiert stark aufs Außenhandelsdefizit und wähnt die USA in der Opferrolle …
bib: … wie sich selbst ja auch …
Nürnberger: … das ist so. Aber die Zölle sind in ihrer Botschaft so simplifiziert, die passen so gut ins „America first“, das versteht jeder.
bib: Trügt der Eindruck, dass „America first“ nur der Slogan, das Narrativ ist und dass im Wesentlichen die Elite und natürlich das eigene Trump-Netzwerk profitiert?
Nürnberger: Es ist sicher richtig, dass vor allem die Milliardärs-Klasse profitiert. Das war ja bei seiner Amtseinführung auch gut zu sehen, als die Techbosse direkt hinter Trump standen.
bib: Baden-Württemberg ist als Automotive-Standort besonders von den USA abhängig. Allein bei Mercedes habe der US-Zoll im vergangenen Jahr rund eine Milliarde Euro Gewinn gekostet. Rechnet Trump sich solche Nachrichten als Erfolg an?
Nürnberger: Trump rechnet sich eher als Erfolg an, dass alle Autobauer angekündigt haben, in den USA zu investieren.
bib: Wie bewerten Sie, dass die US-Techriesen in Europa weiter so gut wie steuerlose Gewinne machen können. Müsste die EU nicht das, was Google, Meta, Amazon und Co. in Europa mit Werbung und Internetdienstleistungen verdienen, besteuern?
Nürnberger: Die europäische Kommission muss einen ganz schwierigen Spagat machen. Einerseits eine gewisse Stärke und möglichen Gegendruck zeigen, andererseits aber auch vermeiden, irrationale Reaktionen zu provozieren und damit mehr kaputtzumachen als sinnvoll ist.
bib: Dennoch kann es kein Plan sein, das in den nächsten Jahrzehnten einfach so weiterlaufen zu lassen.
Nürnberger: Zölle und auch Steuern sind historisch gesehen auf physische Produkte fokussiert. Aber ja, man kann darüber nachdenken, sie auch auf Internetdienstleistungen anzuwenden. Im Moment aber gibt es nachvollziehbare Gründe dafür, Konfliktherde unter Kontrolle zu bringen als sie weiter auflodern zu lassen.
bib: Herr Nürnberger, vielen Dank für dieses Gespräch.









