Die Ausweitung der Tramtrassenzone – Über geplante und visionäre Straßenbahnstrecken Stadtentwicklung | 15.07.2023 | Pascal Lienhard, Philip Thomas und Lars Bargmann
Wer sich Green City nennen will, braucht ein durchdachtes Mobilitätskonzept. Auch beim Straßenbahnausbau hat sich Freiburg wieder viel vorgenommen. Pascal Lienhard, Philip Thomas und Lars Bargmann haben sich schon geplante und noch weitere mögliche Trassen angeschaut – auf dem Papier und vor Ort.
Unlängst eröffneten Freiburger Stadtverwaltung und Freiburger Verkehrs AG (VAG) die neue Stadtbahn Waldkircher Straße. Weitere Einweihungen sollen folgen. „Es ist das Ziel der Stadtverwaltung, die aktuell meist recht günstigen Förderbedingungen für den ÖPNV für einen weiteren Ausbau der Stadtbahnen zu nutzen“, erklärt VAG-Sprecher Jens Dierolf.
Im Mai 2020 stimmte der Gemeinderat einem von der Verwaltung vorgeschlagenen groben Plan zum Stadtbahnausbau bis 2030 zu. Darin enthalten sind eine Stadtbahnverlängerung in Littenweiler, eine Stadtbahn für den geplanten Stadtteil Dietenbach, der zweite Bauabschnitt der Stadtbahn Messe sowie eine Machbarkeitsstudie für eine Stadtbahn in St. Georgen. Aktuell laufen laut Dierolf Abstimmungen zwischen Garten- und Tiefbauamt und VAG. Eine Drucksache von Verwaltung und VAG soll zeitnah die politischen Gremien durchlaufen.
Im Umland könnten in den kommenden Jahren ebenfalls Gleise verlegt werden: Auch in den Gemeinden Merzhausen und Gundelfingen werden neue Bahnprojekte diskutiert.
Stadtbahnverlängerung Littenweiler

Auf der Wunschliste von Verwaltung und VAG steht sie weit oben: eine Erweiterung der Linie 1 ans östliche Ende von Littenweiler. Aktuell führt die Trasse bis zur Endstation Laßbergstraße unterhalb der Pädagogischen Hochschule. Laut Rathaus sollen die Schienen ab 2027 bis zum Kappler Knoten reichen.
Ausgehend von der Laßbergstraße werden die Schienen dann von der Lindenmattenstraße hinauf zur Höllentalbahn führen. Von dort aus wird die Trasse parallel zu den Schienen der Deutschen Bahn bis zum Kappler Knoten reichen.
Für die etwa 1,3 Kilometer lange Strecke müsste wohl ein großer Teil der Grünfläche nördlich der Höllentalbahn weichen – dort, wo Tierhalter gerne ihre Hunde ausführen. An der neuen Endhaltstelle ist zudem ein Park-&Ride-Parkplatz angedacht.
Laut 2020 im Gemeinderat beschlossenem Programm soll die Linie vor Baubeginn des dauerdiskutierten Stadttunnels fertig sein. Der Bau des Tunnels wird vor allem den Verkehr auf der B31 voraussichtlich stark einschränken.
Die Stadtverwaltung schätzte die Kosten für die Verlängerung 2020 auf etwa 22 Millionen Euro. Neun Millionen sollen über das Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetz (GVFG) beigesteuert werden. Zudem kann die Verlängerung durch den Zweckverband Regio-Nahverkehr (ZRF) mitfinanziert werden.
Stadtbahn Dietenbach

Freiburgs neuer Stadtteil Dietenbach soll ans bestehende Tram-Netz angeschlossen werden. Ein städtebauliches Konzept sieht dafür eine Verlängerung der Rieselfeld-Linie vor. Statt um die Wendeschleife an der Endstation Bollerstaudenstraße sollen die Gleise entlang des Bollerstaudenwegs nach Norden verlaufen, dort, wo heute im Rieselfeld Kühe grasen, die Mundenhofer Straße kreuzen und durch eine zu schlagende Schneise im Wald in das neue Siedlungsgebiet führen. Anwohner haben an dieser Variante bereits Protest angemeldet. Die Alternative ist ein Ringschluss über B31 und Dreisam hinweg bis zur Haltestelle Paduaallee.
Denkbar ist auch ein zusätzlicher, späterer Anschluss über das Baugebiet Im Zinklern zwischen Paduaallee und Breisgauer Straße im Stadtteil Lehen. Der aktuelle Bebauungsplan sieht dort 550 Wohnungen, einen Lebensmittelmarkt, ein Pflegeheim, zwei Quartiersplätze und Grünraum vor.

Geradeaus: So soll die Trassen in Dietenbach verlaufen.
Das neue Wohngebiet Dietenbach für knapp 16.000 Menschen soll laut Gemeinderatsbeschluss aus dem Jahr 2020 mit drei Haltestellen erschlossen werden. Die VAG erwartet rund 900.000 Fahrgäste pro Jahr.
Die Stadtverwaltung schätzt die Kosten für die neue Linie auf 20 Millionen Euro. Acht Millionen soll der Bund über das GVFG beisteuern. Aktuell geht die Verwaltung von einem Baubeginn im Jahr 2025 und von einer Inbetriebnahme frühestens im Jahr 2027 aus.
Stadtbahn Messe, 2. Bauabschnitt

Der zweite Bauabschnitt „Stadtbahn Messe“ soll den Freiburger Fahnenbergplatz mit der Breisacher Straße verbinden und die Achse über die Hauptbahnhofsbrücke entlasten. Verlaufen würde die 950 Meter lange Strecke entlang der Breisacher Straße, an der Straße zur Unterführung und über Friedrichstraße, Fahnenbergplatz zum Europaplatz – und hätte große Auswirkungen: Die VAG rechnet in ihrer Vision 2030 mit 5,5 Millionen Fahrgästen jährlich.
Vorbei wären mit dem Anschluss die Zeiten, in denen Pendler und Reisende die letzten Meter zum Gleis zu Fuß gehen oder auf Busse umsatteln müssen.

Für die Umsetzung müssten Poller und Mittelstreifen auf Breisacher Straße sowie Friedrichstraße einkassiert und diese möglicherweise einspurig gemacht werden. Nach ersten geometrischen Untersuchungen kann die Bahnbrücke „Zur Unterführung / Breisacher Straße“ bei einem Ausbau erhalten bleiben.
Die Strecke ist Teil der Bundesmaßnahme „Stadtbahn Vauban und Neue Messe“. Damit könnten bis zu 85 Prozent der veranschlagten Kosten von 20 Millionen Euro GVFG-gefördert werden (14,5 Millionen Euro). Dieses Jahr soll eine Machbarkeitsstudie in Auftrag gegeben werden. Möglich wäre ein Baubeginn im Jahr 2027. Liegen könnten die Schienen zwei Jahre später.
Machbarkeitsstudie Stadtbahn St. Georgen

Es ist ein trauriger Titel: St. Georgen ist der bevölkerungsreichste Freiburger Stadtteil ohne direkten Anschluss ans Stadtbahnnetz.
Wer mit der Straßenbahn anreist, fährt mit der Linie 3 bis zur Endhaltestelle Munzinger Straße auf der Haid oder Innsbrucker Straße im Vauban. Je nach Ziel wartet noch eine ordentliche Strecke zu Fuß oder mit dem Bus: Zwei Kilometer Luftlinie trennen die Haltestellen.
Seit Jahrzehnten wird über eine Anbindung der einst unabhängigen Gemeinde diskutiert. Viel herausgekommen ist bisher nicht. Laut Rathaussprecher Sebastian Wolfrum hat der Gemeinderat die Verwaltung gebeten, eine Machbarkeitsstudie zu erstellen. Ziel sei es, neben Überprüfung der grundsätzlichen Machbarkeit auch eine konkrete Trasse für eine Stadtbahn zu identifizieren. „Hierzu findet im Herbst ein Auftaktgespräch zwischen Bürgerverein, Baubürgermeister Martin Haag, VAG sowie Garten- und Tiefbauamt statt“, erklärt Wolfrum.

Im Gespräch ist unter anderem eine Verlängerung von der Haltestelle Munzinger Straße bis zur St.-Georg-Kirche. Dafür müsste die rund einen Kilometer lange Trasse die Matsuyamallee überqueren. Attraktiv erscheint aber auch ein Ringschluss zwischen Munzinger und Innsbrucker Straße. Doch innerhalb St. Georgens dürften die Planer auf einige Probleme stoßen. Der Stadtteil hat einen dörflichen Charakter mit einigen relativ engen Straßen. Als Trasse müsste wohl vor allem auf die Basler Landstraße sowie die Andreas-Hofer-Straße gesetzt werden.
Straßenbahnverlängerung Gundelfingen

In Gundelfingen wird ein Straßenbahnanschluss seit Jahren hitzig diskutiert. Aktuell fährt die Freiburger Linie 4 bis vor die Tore der Gemeinde. Von dort geht es mit dem Bus weiter.
Die Planungen für eine Verlängerung der Freiburger Straßenbahn haben rund 30 Jahre auf dem Buckel. Sie sehen eine Trasse ausgehend von der Endhaltestelle Gundelfinger Straße vor. Von dort sollen die Schienen die Gemeinde an der Alten Bundesstraße entlang durchqueren und kurz vor dem Ortsausgang die Untere Waldstraße hinaufführen. Die Trasse ist etwa 1,6 Kilometer lang.
Im gepflasterten Ortskern dürfte die Verlegung von Schienen kompliziert werden. Daniel Mader vom Gundelfinger Arbeitskreis Mobilität (AKM) spricht weitere offene Fragen an. Unklar sei etwa, ob die Endhaltestelle an der Unteren Waldstraße auf einem dafür vorgesehenen Wendeschleifenareal wäre oder ob sie südlich Richtung Regionalbahnhof abbiege.

Der Gundelfinger glaubt, dass eine Neuplanung durch den ZRF, der den regionalen ÖPNV-Ausbau fördert und koordiniert, notwendig ist. Daher hat der AKM ein Bürgerbegehren initiiert. Aller Wahrscheinlichkeit nach wird Mitte November in einem Bürgerentscheid darüber abgestimmt, ob die Planungen erneut aufgenommen werden. Bevor der Termin offiziell ist, müssen die Vertreter des Begehrens noch zur öffentlichen Anhörung im Gemeinderat. „Das ist eine Formsache“, erklärt Mader.
An der vor rund 30 Jahren ersonnenen Trasse wird sich allerdings kaum etwas ändern. „Auch wenn die alte Planung vollständig überarbeitet werden muss, würde die Straßenbahn auf der dafür vorgesehenen und freigehaltenen Trasse fahren“, glaubt Mader.
Tram-Verlängerung nach Merzhausen

Nicht nur nach Norden, auch nach Süden soll sich das Tramnetz weiterspinnen. Wie, das steht teilweise schon im Bebauungsplan Hexentalstraße/Ölmühle in Merzhausen. Auf einem eigenen Gleiskörper funktioniert das aber nicht. Dafür bräuchte es einen 22 Meter breiten Querschnitt. Da aber zwischen der Gaststätte Friedrichstal (Hexentalstraße 10) und dem Wohnhaus an der anderen Straßenseite (Nummer 11) nur 12,55 Meter liegen, müssten sich Autos und Tram die Spuren teilen. Da es auch dafür wieder GVFG-Mittel gibt, wäre das grundsätzlich denkbar. Ganz ohne Grundstückskäufe von mehreren Eigentümern – oder im Ernstfall auch Enteignungsverfahren – geht es aber nicht, da teilweise Flächen von Hauskante auf der einen bis Hauskante auf der anderen Seite der Straße gebraucht würden.
Die Tramtrasse würde vom Paula-Modersohn-Platz im Vauban bis an den Sportplatz Merzhausen gebaut werden – und wäre dort fast schon in der Gemeinde Au. Eine erste Planung sah die Endhaltestelle noch an der Dorfmitte vor, die aber kam im Bewertungsverfahren Kosten/Nutzen nicht mal über den notwendigen Wert von 1. „Wir hätten nur 30 P&R-Stellplätze geschafft, das wäre zu wenig“, sagt der Merzhauser Bürgermeister Christian Ante.

Die Hexentalstraße entlang: Ein Teil der Trasse für Merzhausen
Am Sportplatz, beim dort liegenden Recyclinghof, wäre erstens Au fußläufig schon angebunden und zweitens auch ein großes Parkhaus möglich, das fürs ganze Hexental nutzbar wäre. „Der Wegfall des Recyclinghofs wäre der Preis, den wir zahlen müssten“, so Ante. Die erste Haltestelle wäre in Höhe des neuen Hotels am nördlichen Ortseingang, die zweite im Bereich Gasthaus Grüner Baum, die dritte am Ende der Trasse.
„Für die Merzhauser und auch die Hexentäler wäre eine Tram nach Freiburg viel komfortabler als immer zwischen Bus und Bahn umzusteigen“, so Ante. Ihm ist aber bewusst, dass noch viel Wasser den Reichenbach runterfließen wird, bis das Projekt aufs Gleis gesetzt werden kann. „Wir sind ja als Letzte auf den Zug aufgesprungen, aber wenn Gundelfingen Nein sagt, werden wir sofort die Hand heben.“
Fotos: © pl, pt / Illustrationen: © bib









