Müllvermeider oder Irrsinn? Freiburgs Verpackungssteuer ab 2026 sorgt für Unmut – Rathaus bietet Support Wirtschaft | 14.11.2025 | Till Neumann
Das wird teurer: Wer ab dem 1. Januar in Freiburg eine Pizza im Karton holt, zahlt 50 Cent Aufpreis. Bei der Lieferung nach Hause aber nicht.
Als dritte Stadt bundesweit führt Freiburg eine Verpackungssteuer ein. Ab dem 1. Januar kosten Einwegverpackungen 50 Cent extra. Verpackungsmüll soll reduziert werden. Gastronomen fühlen sich gegängelt. Pizza, Kaffee, Döner und Co. werden teurer, Kunden könnten fernbleiben. Das Rathaus wählt zudem die bundesweit strengsten Regeln bietet aber einen Mehrwegkreislauf der besonderen Art an. Hat Freiburg bald den teuersten McDonald’s der Republik?
Teuerster McDonald’s Deutschlands?

Rechnet vor: Finanzinfluencer Steuerfabi erklärt, was sich bei MCDonald’s ändert.
Kaffeebecher. Dönertüte. Pizzakarton. Wer so etwas im neuen Jahr benötigt, zahlt 50 Cent Aufpreis. Mehrwegalternativen sind davon ausgenommen. Vorausgesetzt, man zahlt Pfand. Die Krux dabei: Für Pizza, Döner, Yufka oder Thainudeln gibt es bisher keine etablierten Mehrwegsysteme. Auch das Rathaus wird diese vorerst nicht für Gastronomen anbieten. Soll heißen: Wer ab Januar beim Döner um die Ecke ordert, wird wahrscheinlich gar keine Wahl haben, als draufzuzahlen.
Die Steuer trifft auch Fast-Food-Ketten: „Deutschlands teuerster McDonald’s? 🍔“, postete Freiburgs Finanzinfluencer Steuerfabi Anfang November. Er rechnet auf Social Media vor: Da die Verpackungssteuer auf jede Einwegverpackung 50 Cent erhebt, wird das Mc-Smart-Menü bald mehr als 2 Euro teurer.
Yufka bald 11 Euro?
Der Grund: Vier Einwegverpackungseinheiten à 50 Cent plus die darauf fällige Mehrwertsteuer. Statt 7,49 Euro dürfte das Menü dann rund 10 Euro kosten. Thomas Sieberer, Leiter der vier Freiburger MC-Donald’s-Filialen, hat bereits bestätigt: Er wird die zwei Euro wie vom Rathaus empfohlen an die Kunden weitergeben.
Auch Döner und Yufka werden teurer. Mit Steuern geht es Richtung 11 Euro. Das berichtet Ahmad Dirafzoon, Leiter von zwei Mr-Döner-Filialen in Freiburg (chilli-Interview hier). Eine Mehrwegalternative hat er nicht. Selbiges gilt für den Kaffee in den Bäckereien Pfeifle. „Er wird 60 Cent teurer im Einwegbecher“, sagt Inhaber Wolfgang Pfeifle. Schließlich komme auf die 50 Cent Verpackungssteuer noch Mehrwertsteuer obendrauf. Er veranschlagt zudem rund 20 Cent an „Handlingaufwand“, die er jedoch nicht an Kunden weitergeben möchte.
Knappe Entscheidung

Ist skeptisch: Wolfgang Pfeifle hält wenig von der Verpackungssteuer
Pfeifle sagt: „Für uns ist die Verpackungssteuer ein überschaubares Thema.“ Schließlich gehe es in den Bäckereien nur um Becher und Deckel. Für andere Gastronomen mit Besteck und Behältern sei der Aufwand utopisch. „Ich kann mir nicht vorstellen, wie die das lösen.“
Gefallen sind die Würfel im Mai 2025. Mit knapper Mehrheit von 26 zu 22 entschied der Gemeinderat, die Steuer ab 2026 einzuführen. Gegen den Vorschlag von Oberbürgermeister Martin Horn, der eine Mehrweg-Offensive bevorzugt hätte. Nach Tübingen (2022) und Konstanz (2025) ist Freiburg damit die dritte deutsche Stadt mit einer solchen Abgabe. Doch die Regeln sind hier am strengsten: Tübingen und Konstanz verlangen keine Steuer beim Vor-Ort-Verzehr. Freiburg aber schon. Drive-in-Bestellungen werden hier ebenfalls besteuert, in Tübingen aber nicht. Lieferdienste sind dafür steuerfrei, da der Müll dann zu Hause landet.
„Eine Vollkatastrophe“
„Der Gemeinderatsbeschluss ist eine Vollkatastrophe“, schimpft Wolfgang Pfeifle. Die Steuer in so kurzer Zeit einzuführen mit schärferen Regeln als Tübingen, hält er für falsch. Einen Start nur mit Kaffeebechern würde er begrüßen. Allein: Mit denen hat er schlechte Erfahrungen gemacht: „Wir haben die Mehrwegbecher intensiv beworben, aber keiner will sie.“ Dass ein Umdenken durch die Steuer stattfindet, glaubt er kaum: „Wenn ich den Becher nicht wieder einfach loswerde, habe ich ein Problem.“ Für ihn ist die Steuer ein „Monster“ mit viel Aufwand und wenig Ertrag: „Ich glaube nicht, dass sie Müll reduziert.“
Genau darauf setzen jedoch die Befürworter: Die Stadt soll so sauberer werden – Mehrweg der neue Standard. 5,1 Tonnen Abfall sammelt die Abfallwirtschaft und Stadtreinigung Freiburg GmbH (ASF) täglich auf Straßen und in Mülleimern. Laut einer Littering-Studie der Universität Basel sind 52 Prozent des Straßenmülls Verpackungen.
Konstanz zufrieden
Was bringt die Steuer in Konstanz? „Der Trend zu immer mehr Müll im öffentlichen Raum wurde durch die Verpackungssteuer gebrochen“, verkündete das dortige Rathaus im Oktober nach zehn Monaten Verpackungssteuer. Gemeinsam mit der Uni Konstanz hat es das Müllaufkommen evaluiert und herausgefunden: „Zwischen Januar und September 2025 hat sich eine Müllreduktion um 14 Tonnen im Vergleich zu den Vorjahren ergeben.“ Übersetzt in Volumen seien das rund 1 Million Einwegbecher. Zudem habe sich das Mehrwegangebot vergrößert. „Der Anbieter Recup verzeichnete zwischen Herbst 2024 und Frühjahr 2025 ein Wachstum von 60 Prozent.“

Mehrweg: Wer sich für solche Boxen entscheidet, zahlt keine Steuer, aber Pfand.
Kritiker halten dagegen: „Gastrobetriebe leiden unter einem deutlichen Gästerückgang, Take-away-Angebote verteuern sich zum Teil um bis zu 30 Prozent, das führt zu Kaufzurückhaltung“, entgegnen der Bundesverband der Systemgastronomie e.V. (BdS) und der Bäckerinnungsverband Südwest. Die Steuer treffe besonders kleine und mittelständische Betriebe.
„Belastungsgrenze erreicht“
Ähnlich skeptisch ist die Gastgewerbe-Vertretung Dehoga. „Viele Betriebe kämpfen derzeit ums Überleben, die Verpackungssteuer stellt eine zusätzliche Belastung dar“, sagt Doris Hertweck von der Dehoga Freiburg. Steigende Kosten seien eh schon die größte Herausforderung für die Gastronomie. Die Belastungsgrenze sei erreicht. Erst recht, wenn für Mehrwegbehälter neue Spülmaschinen angeschafft werden müssen. Selbst wenn ihre Anschaffung mit bis zu 2000 Euro bezuschusst werde, wie hier geplant.
Im Freiburger Rathaus laufen die Vorbereitungen indes auf Hochtouren. Mit runden Tischen und Infomaterial werden Betriebe vorbereitet. Als „erste Stadt Deutschlands“ wird ein lokaler Mehrwegverbund aufgebaut. Er ermöglicht Betrieben, ihre Mehrwegbecher nicht selbst spülen zu müssen. Der Verbund holt Becher im Betrieb, spült sie und bringt saubere zurück. Die Idee dahinter: Neben dem umweltpolitischen Ziel der Mehrwegförderung und Abfallvermeidung soll die Kombination aus Verpackungssteuer und Mehrwegoffensive nicht zu einer unverhältnismäßigen Belastung der Freiburger Betriebe führen. „Das ist der klare politische Auftrag“, so Rathaussprecher Sebastian Wolfrum.
Rathaus fördert Spülmaschinen
Die größten Herausforderungen für Betriebe seien die Umstellung des Kassensystems und die Klarheit, welche Verpackungen wie versteuert werden. Die Liste dazu auf www.freiburg.de ist lang: Für Einwegteller, -schalen oder -schüsseln fallen 50 Cent an. Genau wie für Einwegtüten, -beutel, Einwickelpapier oder Alufolie. 20 Cent sind es bei Besteck, Essstäbchen oder Kaffeelöffel. Ausgenommen sind dafür beispielsweise Trinkhalme kleiner als zehn Zentimeter oder Papierservietten. Ebenfalls wichtig: Deckel und Becher werden nicht getrennt besteuert. Das Rathaus bietet zudem ein Förderprogramm, über das neue Spülmaschinen und die Teilnahme am Mehrwegverbund bezuschusst werden.
Ziel ist auch, die Rückgabe so einfach wie möglich zu machen. „Mehrwegverpackungen aus dem Mehrwegverbund können perspektivisch an allen teilnehmenden Stellen („Return Anywhere“) zurückgegeben werden“, informiert das Rathaus. Die Mehrwegbecher des Verbunds seien theoretisch für die Rückgabe an Automaten geeignet. Es könnten also bald Automaten kommen, an denen Pfandbecher zurückgegeben werden können.
Angebot soll wachsen
Kompliziert bleibt es beispielsweise für Pizzamehrwegbehälter, wie vom chilli getestet. Diese können Stand jetzt – falls überhaupt angeboten – nur dort zurückgegeben werden, wo sie geholt wurden. Das könnte sich möglicherweise ab 2027 ändern. Die Stadtverwaltung schreibt: „Perspektivisch ist auch die Integration anderer Mehrwegverpackungen (z. B. Bowls, Pizzaboxen) in den Mehrwegverbund geplant.“ Bis dahin dürfte noch viel Wasser die Dreisam hinabfließen. Wohl auch mit der ein oder anderen Einwegverpackung darin.
Yufka für 11 Euro: Freiburger Gastronom hadert mit Verpackungssteuer











